Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Januar 2012 | Please Comment!

Über 11 Mio. Menschen sahen am Mittwochabend die neue Show mit Christian Wulff, dem menschlichsten Menschen von allen, der bisher weder als gewiefter Fragensteller, noch als geschickter Anrufbeantworterbesprecher in Erscheinung getreten war. Damit schlägt der amtierende Bundespräsident die zu Recht vergessene Präsidentengattin-Kochshow „Zu Gast bei Christiane Herzog“. Lang haben die Anstalten keine ernsthaften Versuche einer Unterhaltungssendung rund ums Schloß Bellevue mehr gewagt, umso mutiger nun dieser Schritt und umso überraschender der Erfolg des Steinzeitformats.

Der von Wulff mit dem Staatsfernsehen (unter Ausschluss der Privaten) erreichte Marktanteil betrug beachtliche 33,9 Prozent. In der relevanten Zielgruppe der 14- bis 49jährigen waren es 17,6 Prozent. Die Pilotfolge „Weihnachtsansprache“, die Wulff zwar vor Publikum, aber stocksteif am Teleprompter klebend und ohne Gesprächspartner bestritt, sahen am 25. Dezember lediglich 7 Millionen Zuschauer. Die Sender reagierten zügig, entfernten die abwesend wirkenden „Bürger“ und deren quäkenden Bürgerbabys und engagierten für die erste reguläre Sendung zwei am Boden der Tatsache festgeketteten Klappmaulpuppen als Sidekicks, die sich als eloquente Stichwortgeber bewährten:

Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf.

Namensgebung und Gebaren erinnerten freilich an einen Herrn (Uli) von Bödefeld oder Graf Zahl – mit einem Schuss Waldorf und Statler. Dennoch dürfte sich der nach seinen Fehlgriffen mit Manuel Andrack und Oliver Pocher angeschlagene Harald Schmidt bereits nach diesen ferngesteuerten Strohpuppen verzehren, die gleichermaßen gekonnt Kompetenz und mit dem Kugelschreiber spielen. Allerdings merkte man den beiden noch zu oft an, dass sie ihr Wissen allein aus den Medien hatten, zeitweise wirkten sie sehr behäbig. Hier darf eine Kooperation mit den Kinderkanal unter fachlicher Anleitung durch Bernd das Brot angeregt werden.

Deppendorf, der dem TV-Publikum über die Jahrtausende ans Herz gewachsen ist und vor allem durch seine innere und äußere Schnauzbärtigkeit bekannt wurde, ist trotz notorischer Emotionslosigkeit ein Volltreffer, über den Wikipedia ungewöhnlich Relevantes weiß: „Er mag klassische Musik, spielt gerne Tennis und reist gern.“

Bettina Schausten, die Politbarometerbalkendiagrammversteherin, die offenbar auch gern reist und auf Steuer- und Gebührenzahlerkosten im letzten Sommer mindestens einen Tag mit Christian Wulff auf Norderney verbrachte. Bei der bislang ungeklärten Übernachtungsfrage lief Wulff zu beinah gottschalkscher Spontaneität auf. Noch zuvor beklagte Gastgeber Wulff die Freiheit des Pöbels im Internet „was da über meine Frau (Bettina) alles verbreitet wird an Fantasien.“ Nun erfuhr die Öffentlichkeit durch das unfreie Fernsehen, was Bettina (Schausten) für eine Frau ist. Sie ist keine, die sich für eine Nacht bezahlen lässt, sondern eine, die für eine Nacht bezahlt. 150 Euro.

Niemand hätte bis zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass sie Freunde hat. Besonders hervorgetan hat sich Schausten allerdings durch die Schöpfung eines neuen Pleonasmus (nasser Regen, alter Greis, großer Riese), als sie von „scheibchenweiser Salamitaktik“ sprach, was das Feuilleton bei der Rezension dieser hervorragenden Sendung bislang ungewürdigt ließ.

Man muss den Verantwortlichen gratulieren. Sie haben Christian Wulff zum Singen gebracht. Leider war es die alte Leier. Womöglich gar die Wahrheit. Ging es um die Wahrheit oder um ein Spektakel, eine Show, eine Vorführung?
Worum ging es noch gleich? War was?

Solch ein Präsidentenjodeln ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik, nur zu erreichen, wenn zwei ganz ganz exklusiv unser Staatsoberhaupt bei den Eiern der Ehre packen – und nicht etwa, wenn ganz Mediendeutschland tagelang darauf eindrischt. Nicht zu vergleichen mit der Causa Walter Scheel. Der trällerte „Hoch auf dem gelben Wagen“ bevor er ins Amt der Ämter geriet. Wessen Wagen das war, wer ihn bezahlte und warum, ob er damit Fahrerflucht beging und wer neben ihm saß, dazu schweigt Scheel bis heute. Droht hier die nächste Krise der FDP?

Auch wenn von Wulff, Schausten und Deppendorf inhaltlich wenig Neues geboten wurde, war es doch beste Unterhaltung zur Primetime. Noch ein bisschen Musik, mehr flotte Sprüche – und Bohlen kann sich warm anziehen. Schade, dass die Öffentlich-Rechtlichen kein Telefonvoting für die Wulff-Show vorgesehen hatten. Angesichts der anderen beiden Kandidaten käme Christian, der präsidiale Kermit, der Froschkönig, garantiert in die Top 3-Show. Er würde ja auch ständig für sich selbst anrufen.

Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung steht noch immer hinter ihm, obwohl Kai Diekmann und die übrigen BILD-Macher offensichtlich einmal erleben wollen, wie es sich anfühlt, einen Bundespräsidenten zu stürzen. Sie arbeiten wacker daran. Und wenn er stürzt? Fällt er durch BILD oder über die eigene Ungeschicklichkeit, Dummheit, Dreistigkeit? Womit könnten wir besser leben?

Den permanent unzufriedenen und immer lauter werdenenden Stimmen, die nach diesem „Interview“ mehr fordern, sei zugerufen: Es war doch nur Fernsehen, nur Kasperltheater! Sie sollten besser der Frage nachgehen, woher die Million kam, die das ZDF am selben Abend retten lassen wollte.

05/01/2012
(mit Updates)

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