Author: Matthias Schumacher | Date: 15. Dezember 2011 | Please Comment!

In Tagen der kippelnden Chefsessel steht Matthias Schumacher bereit, doch bei der Suche nach der notwendigen weißen Weste stößt er auf fast vergessene Leichen und muss sich nicht nur den Traum von Boni und Lustreisen abschminken…

Wenn SPIEGEL und BILD ins gleiche Horn stoßen, gilt es, sich flink zu ducken. Dann fliegt Geschirr und rollen Köpfe. Niemand weiß, wer der Nächste ist. Im Moment hat unser Bundespräsident Christian Wulff ein kleines Problem in Höhe von 500.000 Euro. Wie gut, dass es den nicht mehr lange gibt, den Euro. Bei der FDP hat sich eben Christian Lindner selbst umgekegelt. Nachrücker Patrick Döring zerbrach einen Spiegel. Sieben Jahre Pech! Philipp Rösler wankt. Guido Westerwelle wird in China bereits als Uhrpendel nachgefräst – drei Fabriken weiter Oskar Lafontaine als Kuckuck, der seinen hochroten Schädel immer rausstreckt, wenn ihn keiner sehen will. Ob Sigmar Gabriel ewig das knuddelige SPD-Maskottchen bleiben darf, wenn Steinbrück Kanzler ist? Bundestrainer stehen immer auf der Abschussliste und Josef Ackermanns Schreibtisch soll unlängst gefilzt worden sein, außerdem bekommt er neuerdings brisante Post. Gottschalks Stelle beim ZDF ist noch immer vakant.

Es ist Zeit, sich zu rüsten. Kann sein, dass wir schon bald ran müssen.
Prüfen Sie ihre Vergangenheit und verschiffen Sie etwaige Stolperfallen unter falschem Namen nach Übersee!

Vor einigen Tagen stieg ich dorthin, wo (hinter Stahltüren, dicken Schlössern und von Kampfhunden bewacht) ein Großteil meiner dunkelsten Vergangenheit lagert: In den Keller zu den Bücher-, Kram- und Mottenkisten mit den peinlichen Fotoalben und all den verdrängten Corpora Delicti, die nie ans Tageslicht kommen dürfen. Wie der Plastikeisbär, den ich im Alter von 5 Jahren aus dem Kindergarten mitgehen ließ, oder die Klassenarbeiten, die ich Urkundenfälscher anstelle meiner Eltern unterschrieb. Meine allzu offenherzigen Liebesbriefe mit den Zitaten aus fremden Gedichten (ohne Quellenangabe) sind noch immer im Umlauf. Bunga Bunga wäre weniger brisant.

Rechts in den regalen: meine politische Vergangenheit. Ich war links, mit 17 etwa. War mir entfallen. Vor dem 1. Mai klebte ich sogar ein Plakat an eine mobile Toilette. Definitiv Sachbeschädigung. Definitiv verjährt. Dennoch problematisch, weil ich nicht überzeugt und lediglich Mitläufer war. Nie sitzblockierte ich, nie war ich beim Schottern, nie habe ich Wurfanker gebaut. Also keine Aufstiegschancen bei den Grünen oder Linken.

Ich taste mich zu einem Kleidersack. Ein EDEKA-Kittel mit hartnäckigen Blut(wurst)flecken und einem Namensschild, dessen rostige Anstecknadel sich hastig unter meinen Daumennagel schiebt. Düstere Erinnerungen. Mehr als einmal habe ich Gemüse unter Non-Food eingebont und damit die Bilanz verfälscht. Alte Kontoauszüge. Holla! Eine unbezahlte Rechnung, datiert im August ’98. Eine Turnhose aus der Teenagerzeit kommt zum Vorschein… Wann habe ich die gebraucht? Als einer, der beim Fußball immer als Letzter gewählt wurde, zog ich meine Konsequenzen und schwänzte in den letzten Jahren den Sportunterricht komplett. Etliche Male machte ich blau und simulierte bei diversen Ärzten schwerstes Magen-, Kopf und/oder Gliedergrimmen. Ist das nicht Krankenkassenbetrug? Wie ich mich vor der Bundeswehr drückte, ohne den Zivildienst ableisten zu müssen, darf nie jemand erfahren. Ich würde standrechtlich erschossen! Für eine Karriere auf dem Finanzsektor, auf den Fußball- oder Schlachtfeldern nicht gerade Empfehlungen.

Studium. Große Scheine. Kleine Scheine. Ich habe sie nicht alle beisammen! Ade, Du mein lieb Nachtstudio, mein Philosophisches Quartett!
Mein Vertrag mit der Verwertungsgesellschaft. Ich mag meine Urheberrechte. Lebewohl Piratenpartei!

Verzweifelte Suche… Ein Nikki mit Biene Maja, ihr Schöpfer Waldemar Bonsels soll Antisemit gewesen sein; Badehosen mit Löchern an delikaten Stellen. Heino-Kassette, Flippers-Single, Enthaarungscreme. Was hat das Nackfoto aus Säuglingstagen da zu suchen? Das gehört eingeäschert! Wenn das Oliver Geissen oder Beckmann in die Pfoten bekämen, hielten sie es glatt in die Kamera. Ich falle beinah über einen Stapel vergilbter Schmuddelheftchen aus Jugendtagen, die ich damals noch gar nicht besitzen durfte. Gern würde ich kurz darin blättern, um zu erfahren, was mich an diesem frauenverachtenden Schund so ungeheuer faszinierte, doch irgendwas ist mir damals wohl ausgelaufen und hat die Seiten verklebt.

Grauenhaftes Zeug – alles. Doch ich bin ein wenig beruhigt. Scheint noch alles da zu sein, wo ich’s vor Jahren zwischenlagerte. Ein geeignetes Endlager habe ich nie gefunden. Alles komplett, puh. Nur keine weiße Weste. Überall Schmutz und Schuld. Ich greife nach irgendwas, um mir die Hände abzuwischen, eine rote Socke, nein ein Halstuch. Meine DDR-Vergangenheit, Urkunden, Bilder vom Pioniertreffen, ich vor einer Thälmann-Büste und neben Marx und Engels. Im Gruppenrat war ich, im Freundschaftsrat. Agitator. Vielleicht könnte ich ja doch noch Bundeskanzlerin werden.

Ich ekle mich vor mir selbst.

Licht aus, nichts wie weg, Tür zu! Ich lasse den Mief der Vergangenheit hinter mir. Ja, ich habe gesündigt und vieles niemals gebeichtet, so wird auch nie für mich in Rom weißer Rauch aufsteigen. Ich bin raus aus der Nummer, aus allen Nummer, wo es schöne Sümmchen, Pensionen, Boni und Lustreisen gibt.
Die Jobs mit den weißen Westen sollten eh besser andere machen.

Wie wär’s mit Ihnen?

14.+15./12/2011

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