Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Dezember 2011 | Please Comment!

Der in Ulm „auf der Durchreise“ geborene Michael Friedrich Wilhelm Krüger steckte in den letzten 36 Jahren seine Nase in nahezu alle Medienbereiche und hat damit tiefe Spuren und Eindrücke hinterlassen.
Ein Lobgesang mit Interpretationen von Matthias Schumacher…

Immer wenn Mike Krüger in der RTL-Comedyrunde „7 Tage, 7 Köpfe“ von seiner „fürchterlichen Kindheit“ berichtete, musste ich an meine eigene denken. Es war im April 1980 als Mamas Nuckel im Mund abrupt durch Krügers „Nippel“ im Ohr ersetzt wurde. Ein frühkindliches Trauma. Unter schwersten Symptomen des Saugentzugs leidend, erkannte ich in Anbetracht Krügers ulkig verkleideter Gesellschaftskritik: Das Leben ist voller Widrigkeiten und selbst politisch, wenn es noch so verblödelt daherkommt und dir eine lange Nase macht.

Liedermacher mit Lachnummern

Bis heute kann kein Deutscher über 35 am Nippel einer Fischkonserve ziehen, ohne vorher eine Lasche und die Kurbel zu suchen, mit der er nach oben gedreht werden muss, bis ein Pfeil erscheint, welcher abschließend zum Draufdrücken auffordert. Mike Krüger hat Deutschland eine Allzweckanleitung fürs Leben geschenkt und sich damit um eine Nation verdient gemacht, die seinen „Nippel“ verehrt und ganze 26 Wochen in den Single-Charts hielt. Und eben darum ist der, den wir heute feiern, nicht als Blödelbarde, sondern als Liedermacher zu behandeln.

Immer wieder sang er den Menschen aus den Herzen und versteckte seine Botschaften – mehr oder weniger geschickt – in scheinbaren Lachnummern. 1983: „Freiheit für Grönland“, ein „intellektuelles Protestlied“, wie Krüger es selbst vor Publikum ankündigte. 1984 fordert er in „Schweine nach Beirut“ unterschwellig zu Hilfslieferungen in den bürgerkriegsgebeutelte Libanon auf und brachte uns sogar den islamischen Teil der Bevölkerung näher: „Du solltest bringen Schafe, wir hier nix essen Schwein“.  Ein besonderes Glanzstück servierte Mike Krüger 1986. In seinem „Spiegelei“ führte er mit der verallgemeinernden Unterstellung „wir essen so gerne“ sowohl den Papst, den Kaiser von China, Erich Honecker und ganz normale Werktätige an einem (Ess)Tisch zusammen. Vor Gott und beim Spiegelei sind alle gleich.

Schauspieler mit dem Riecher für Brisantes

Zwischen Fassbinders und Schlöndorffs Filmen steht ebenbürtig „Piratensender Powerplay“, in dem Krüger und Gottschalk 1982 als Mike und Tommy den „bescheuerten“ öfffentlich-rechtlichen Rundfunk aufs Korn nahmen und damit harsche Kritik am herrschenden System übten. Zum ersten Mal wurde Piraterie in der breiten Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Medien wahrgenommen. Ein Vierteljahrhundert vor der Gründung der Piratenpartei Deutschland! Es folgten weitere Filme, deren Anspruch und Güte sich mit diesem Frühwerk ohne Weiteres messen lassen können.

Bekannte Fernsehnase 

Immer wieder holte ihn das Fernsehen und immer wieder schickte es ihn wieder fort. So präsentierte Krüger ab 1986 in der ARD die Samstagabendshow „Vier gegen Willi“. Bis zur Absetzung des kontrovers diskutierten Formats im Jahr 1989 bot er dort, was man danach nur noch in ähnlicher Form bei den Privaten zu sehen bekam. Was damals als Bloßstellung der Kandidaten angeprangert wurde, war nur ein Vorgeschmack dessen, was uns hart machen sollte und inzwischen langweilt. Wer zu diesen Zeiten einen Goldhamster besaß und ihn nicht Willi nannte, konnte nur im Tal der Ahnungslosen leben. Die Sendung hatte aber auch ungewollt aufklärerisches Potenzial, denn der zu „Fünf gegen Willi“ umformulierte Titel sorgte, untermalt von eindeutigen Gesten, auf deutschen Schulhöfen gerade unter pubertären männlichen Teenagern für Lachkrämpfe und manches Oho oder Aha.

Während Rudi Carrell in seiner eigenen Show im Ersten ab 1988 Menschen zusammenführte, war nach jeder „Vier gegen Willi“-Folge nicht sicher, ob nicht bald eine Scheidung ins von Krüger leergeräumte Haus der Kandidatenfamilien stehen würde. 1995 holte Carrell, der niemals das Auto eines Kandidaten verschrottet hätte, den ehemaligen Architekturstudenten zu RTL. Krüger behauptete sich als tragende Säule des dreiviertelrunden Komikerstammtischs „7 Tage, 7 Köpfe“. Neun Jahre lang stützte er, der während seiner Betonbauerlehrer am neuen Hamburger Elbtunnel mitwirkte, Brücken zwischen Deutschland und Holland, die selbst mit dem Wohnwagen befahrbar sind.

Langer Zinken, langer Atem

Krüger ist noch immer gut im Geschäft und regelmäßig im Rateteam der SWR-Sendung „Sag die Wahrheit“ zu sehen. 2010 erschien die DVD zu seinem letzten Bühnenprogramm „Is‘ das Kunst, oder kann das weg?“ Wenn das keine Gesellschaftskritik ist! Und die Formulierung vom „letzten Bühnenprogramm“ soll und darf hier nicht als Karriere- oder Lebensende verstanden werden. Obwohl wir ihn gar nicht verdient haben, sind uns noch viele Jahre Krüger zu wünschen. Und Mike Krüger wünschen wir – dieses Wortspiel muss erlaubt sein – dass er noch lange nicht abnippelt.

14/12/2011

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