Author: Matthias Schumacher | Date: 20. November 2011 | Please Comment!

Während sich die Republik im Schockzustand befand, vollzog ich den GV und dachte nicht eine Sekunde daran, dabei innezuhalten. Geschichten, die das Leben schreibt. Überhaupt das Leben! Ein Wunder, dass es noch stattfindet…

Eine Auswahl der schockierendsten Meldungen der letzten Tage:
Schock in der Bundesliga, Schock für Schalke, Schock-Studie: Kokain-Spuren auf Fahrkarten-Automaten, Schock an der Tankstelle: Der Dieselpreis hebt ab, Rating-Schock, Schock im Hauptquartier von Occupy Wall Street, Schock-Bilder vom küssenden Papst, Schock bei McDonalds… Soviel Schatten – und ich kopulierte. Die ganze Zeit.

In einer Zigarettenpause, die mich verärgerte, weil meine Kippe nun gemäß EU-Verordnung immer wieder im Bett ausging, nahm mich ein Freund zur Seite und meinte, ich müsse doch jetzt schockiert sein. Nicht wegen der dämlichen Fluppe, sondern wegen der Zwickauer Terrorzelle, NSU, NPD und alldem. Gott ist mein Zeuge, ich konnte nicht. Ich kenne unsere Geschichte wie die Geschichte der Menschheit und weiß, dass der Mensch im einzelnen und in der Masse heute noch zu ähnlichen Untaten fähig wäre, ist und immer sein wird – wie er es immer war. Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere, meint der Volksmund. Ach der! Sex. Bett. Tiere. Kurzer Ekel. Kein Schock.

Aber indes ich blowjobartig an der Zigarette saugte, um sie am Glimmen zu halten, fühlte ich Schuld. Der Mensch sei nicht multitaskingfähig, könne nicht mehrere Dinge gleichzeitig, sagt Frank Schirrmacher. Ich sage: Der Deutsche kann alles mit Schuld. Und mehr: Er kann alles mit Schuld und Verantwortung plus Scham.

So wurde ich meiner Verantwortung gerecht und fühlte mich schuldig. Ich schämte mich für Taten, die ich nicht beging, für Gedankengut, das ich nicht teile. NSU kannte ich bisher nur als Moped. Ich pflege keinen Kontakt zu neuen oder alten Nazis. Ich bin kein NPD-Mitglied und konnte darum nicht einmal als V-Mann mein Unwesen treiben. Ich habe nicht weggesehen, weil ich im Licht stehe und mein Blick nicht bis in die finstersten Abgründe reicht. Ich habe recht anständig gelebt. Aber ich habe die NPD nicht verboten. Hm.

Schockzustand, der Begriff reizte mich – reizte mich mehr als die vier Menschen, die neben mir, teils unter mir lagen – ich warf mir meinen Dittsche-Bademantel (noch vereinzelt erhältlich) über und schnappte im Gehen mein Fotohandy. Ich wollte den Schockzustand festhalten und an BILD senden. 1414. Doch alles sah aus wie immer. Geschäftiges Treiben. Mehr oder weniger freundliche Gesichter. Ich bin in Berlin. Das Leben geht weiter. »Die Krämersfrau fegt das Trottoir vor dem Laden, ihr Mann trägt die Obstkisten rein« wie in Peter Alexanders »Kleiner Kneipe«, wo man da oder dort am Stammtisch vielleicht gar nicht so traurig und geschockt ist, wie die Politiker vor der Kamera, die sich für uns mitgeschockt präsentieren. Wir selbst zeigen Symptome zunehmender Schockresistenz, wenn das wahrhaft Finstere in aller Abscheulichkeit ans Licht tritt.

Schade, denke ich, als ich über die Spree gehe. Schade, dass viele so abgebrüht geworden sind und abgebrüht wurden. Schade, dass das ständige Aufblasen von Nichtigkeiten zu Skandalen, Schockmeldungen und Sensationen dazu geführt hat, dass viele die wirklich harten Schläge nicht mehr spüren. Wir sind Dickhäuter geworden, rosarot bebrillt, Skandale erkennen wir nur noch als solche, wenn’s einer fett drüberschreibt, ob darunter oder dahinter ein wirklicher Skandal steckt, spielt kaum noch eine Rolle. Schade auch, dass sich Autoren genötigt fühlen, in jedem Zusammenhang über Sex zu schreiben, um wenigstens eine Spur Aufmerksamkeit auf ihre Texte zu ziehen. Leser sind ja anders kaum noch aus der Reserve zu locken.

Wir sind es gewohnt, geschockt zu werden, es hält uns am Leben; dauerdefibrilliert, weil sonst das Herz aussetzt und wir uns zu Tode langweilen. Ganz schön finster in unseren Herzen! Früher gab es Lichterketten – außerhalb der Finsternis.

Mord ist Mord, denke ich, und letztlich doch egal, weswegen. Gesinnung, Religion, Ehre, Habgier, Eifersucht, Homophobie, um irgendwas zu vertuschen. 2010 wurden in Deutschland 814 Menschen ermordet, denen dürften die Gründe gleich sein. Alle Familien und Freunde haben meine Solidarität. 814! Mich friert. Doch kein Schock. 1993 waren es 1465 registrierte Morde. Seit Menschengedenken gibt es Mörder und es wird sie immer geben. Es ist ein ewiger Kampf. Recht und Unrecht. Unrecht kann jeden treffen. Ich bin viel zu nüchtern und tappe im Dunkeln, ein Gefühl wie Verfassungsschutz…

… ich bin weit gegangen, mein Bademantel ist klamm vom Novembernebel.
Der Krämerladen – zu. Die kleine Kneipe… ich habe meine Kippen vergessen, drinnen darf man eh nicht mehr rauchen. In mir summt es… »Da saßen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar, und aus der Jukebox… Er könnt ein Taxi nehmen – dort am Eck…« Kein Eck, kein Taxi. Ein Gewerbegebiet. Zwielicht. Finstere Gestalten schieben Einkaufswagen mit Zimmerpflanzen und Tapeten über Parkplätze.

Und plötzlich ein Palast von Baumarkt im vorweihnachtlichen Dekor.
Ein Geistesblitz überstrahlt alles. Weihnachten! Ich schlurfe durch die Gänge, leicht dittschig. Klodeckel, Rasenmäher, Winkelschleifer. Ich würde gern um eine längere Lichterkette bitten, aber ich möchte nicht, dass sich an der Kasse spontan Menschen um mich versammeln und nach meinen Händen greifen.

Ich nehme stattdessen eine Packung Teelichter, sehe den türkisch aussehenden Mann an der riesigen Scheuersaugmaschine, kein Aufsitzer, ein sogenanntes Nachläufermodell – und ich sehe den kahlgeschorenen Typen mit der Londsdale-Jacke und der Mammuttüte Hundefutter. Ich denke mir meinen Teil. Die beiden sich vielleicht auch. Wer weiß schon, was in anderen vorgeht, in den Hirnen, Herzen, in der Finsternis…

Foto: Names (via Flickr)
Bearbeitung: Matthias Schumacher 

 20/11/2011 

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