Author: Matthias Schumacher | Date: 5. November 2011 | Please Comment!

In Zeiten gefühlter Orientierungslosigkeit, des Hin und Her und Für und Wider, verunsichern am meisten die, die uns sagen, wo es langgeht und wie man’s macht…  findet Matthias Schumacher und wünscht sich in die Irrenanstalt.



Lassen Sie mich bildungsbürgerlich beginnen (das verscheucht den Pöbel). »Man hat mich glücklich eingesperrt« ist der Titel eines Gedichts von Alfred Lichtenstein. Die Klapse als Trutzburg und ruhiges Arbeitszimmer. Reine Fiktion. Aber hätte man mal! Ihm wäre viel erspart geblieben. Nun, der Tod an der Westfront im September 1914 war auch eine Art Wegsperren. Man möchte so nicht enden, aber weggesperrt werden, ja. Wenn sie der Gruft der Talkshows entsteigen, um uns landauf, landab zu belehren – mit ihren Live-Shows, Podiumsdiskussionen, Lesungen, Vorträgen, Seminaren, Konferenzen, Workshops…

Als wir nicht mehr kochen konnten, kamen sie und zeigten uns, dass ans Nudelwasser keineswegs Öl, aber viel mehr Salz, am besten Meersalz gehört und dass matschige Nudeln nicht mehr al dente sind. Als wir nicht Auto fahren konnten, belehrte uns Egon Hoegen im »7. Sinn«. (Ist der Pöbel weg? Dann los!) Als wir falsch bumsten, hat Oswalt Kolle das Ding gerichtet. Wir brauchen offenbar immer einen, der uns die Stange hält, den Rettich würzt oder das Tanzbein vorschwingt.

Die Dozenten sind überall. Sie meinen es nur gut mit uns. Gesundheitsratgeber, Unternehmensberater, Liebescoachs, Verhaltenstrainer, Fitnesstrainer. Finanzberater. Ha! Ernährungsberater, Internetversteher, Einrichtungsprofis, Erfolgsrezeptschreiber, Burnoutbekämpfer. Und alle meinen es nur gut mit sich im Wissen, dass wir hilflose Tölpel sind, die durchs Leben stolpern – auf der Suche nach einer Handvoll Serotonin. Glücksratgeber.

Was ist aus dem Prinzip »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott« geworden? Gott ist beim Weinseminar. So suchen wir unser Seelenheil in den Heiligen Messen unseres Sprachpapstes Bastian Sick.

Besteht Selbsthilfe heute nur noch im Kauf von Daniela Katzenbergers Bestseller »Sei schlau, stell dich dumm«? Verstellen wir uns nur – oder…?

Ratgeber für Ratlose. Oder eher Dozenten für Unbelehrbare?

Haben wir gelernt? Ein Beispiel aus dem Bereich Lust und Liebe… Idealerweise sollte ein gelungener Abend nach jahrzehntelanger Schulung so aussehen: Wir gehen in ein Café, schick, modisch geschult von Harald Glöööööööckler und fernfrisiert von Udo Walz, wissen uns nach Knigge zu benehmen, sprechen jemanden an, bitten zum Tanz (aber ach, wir sind ja in einer Bar), sind also witzig, eloquent, charmant, nehmen unsere gleichberechtigte Eroberung mit nach Haus, bekochen sie und befriedigen sie kondombehütet.

Doch in Wirklichkeit ist unsere letzte noch einigermaßen saubere Hose in der Wäsche. Den eitrigen Pinkel auf unserer Stirn decken wir mit einem viel zu dunklen Stift ab, auf dass uns jeder für eine Inderin hält. Wir lassen uns volllaufen, um in der Disco den Mut zu haben, das Objekt der Begierde unserer erogenen Zonen anzusprechen, verwechseln Genitiv und Dativ, treten dem Objekt, als es uns bittet, mal eben auf sein Getränk zu achten, in die Hacken und kommen gar nicht erst in die Nähe eines zweisamen Abends zwischen Herd und Bett. Unser Spruch »Ich bin scharf so wie Schuhbecks Ingwer« ist fad. Das Objekt findet Schuhbeck blöd, Wolfgang Puck hingegen sei supi. Wer?

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass die Gläser nicht gründlich genug gespült waren und krümmen uns auf dem Thron. Und selbst wenn wir Jean Pütz‘  Hobbythek-Klassiker »Darm und Po« gelesen hätten, wären wir nun hilflos, ratlos.

Genau hier setzt die Ratgeber-Industrie an: Sie weiß, wir zu dumm zum Sch… und haben eine manifeste Lernstörung. Wer noch glaubt, die Welt sei rund, wird Tag für Tag eines besseren belehrt. Hier findet jeder seine Nische, seine kleine Dreckecke, die er ausputzen kann. Nein anders: Hier findet immer wieder einer bei uns Dreck, den er uns (unter seiner Anleitung) ausputzen lässt. Nur die Putzmittel unterscheiden sich.

Es ist beachtlich, einem Wunder nahe, dass wir es bei unserem Ratgeberkonsum und dem Verschleiß der Experten noch immer nicht zur perfekten Welt gebracht haben. Nein, kein Wunder! Wir hören ja gar nicht auf die Schuhbecks, Totenhöfers, Blüms, Sicks, Prechts, Henkels, Pigotts, Verbraucherschützer, Umweltschützer, Im-Sitzen-pinkeln-Prediger, Zahnbürstenbewegungenerklärer…

Die Welt ist kompliziert geworden. Niemand würde heute noch ohne Zeckenschutzimpfung durch den Garten Eden spazieren, niemand ohne Bio-Siegel oder ausgiebige Foodwatch-Analyse zum Apfel greifen. Vor dem Abbeißen noch mal gründlich abwaschen, aber dann wird sich herausstellen, ob wir Zahnfleischbluten haben und eine neue Bürste brauchen. Und dann: Safer Sex! Hätten unsere Vorfahren immer auf die Klugen und Neunmalklugen gehört, wären wir heute vielleicht alle gar nicht hier.

Lebenshilfe kann hinderlich sein und das ganze Leben diktieren und alle Freude zunichte machen. Hauptsache perfekt und auf dem neuesten Stand. Man macht nichts mehr einfach so, stattdessen gönnt man sich etwas – in Maßen. Gönnen! Genuss ohne Reue. Welch ein scheußlicher Spruch!

»Es ist besser zu genießen und zu bereuen, als zu bereuen, dass man nicht genossen hat« heißt es bei Giovanni Boccaccio, dem Humanisten, Dichter und Denker schon vor über 650 Jahren. Lange her.

Ich schalte den Fernseher ein… »Servicezeit Essen & Trinken« mit Schweinebraten, »Visite« mit Herzinfarkt, weiter, Hans-Olaf Henkel erklärt schon wieder eine Krise, Blüm die Rente, Helmut Schmidt raucht. Geißler … irgendwas mit Bahnhof. Worum ging’s bei Helmut Schmidt? Zurückgezappt. Schmidt raucht. Weiter. Bibel TV. Hademar Bankhofer bespricht eine Prostata.

In Zeiten gefühlter Orientierungslosigkeit, des Hin und Her und Für und Wider, verunsichern am meisten die, die uns sagen, wo es langgeht und wie man’s macht. Verrückt schlaue Leute mit Patentrezepten auf allen Kanälen, die unsere Konten anzapfen. Hier ein Buch, da ein Seminar und eine neue Pfeffermühle, ein Messer-Set … »und wenn Sie jetzt sofort bestellen, gibt’s noch was obendrauf!«

Alles Wahnsinn. Oder bloß Verfolgungswahn? Vielleicht reicht das ja schon:

Sperrt mich endlich weg! Vor denen!

05/11/2011
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