Author: Matthias Schumacher | Date: 3. November 2011 | Please Comment!


Erster Akt

Morgenlandstimmung. Der Muezzin ruft.

Timo Sultanin, in dem das Publikum sofort den Hofnarr zu erkennen glaubt, tritt von der Mitte auf, ein Buch in der Hand. Das Publikum, Jahrzehnte zuvor mittig platziert, sich aber links fühlend, sieht den Protagonisten von rechts kommen. Sich zur Türe wendend:

„Horch, was kommt von draußen rein?“

Hierbei hält er das Buch wie ein Hörrohr ans Ohr, um die Bedeutsamkeit des gleichnamigen Buches, das – für jeden Zuschauer deutlich – nur aus seiner Feder stammen kann, mit einer Geste zu verstärken.

Begeisterung in Teilen des Publikum. Beifall vor allem, wo kein Licht hinkommt.

Der Chor der Fremden tritt hinzu, durch die Hintertür.

„Hollahi, Hollaho“

Diese fremdländisch anmutende Grußformel, die allerdings keiner existenten Sprache entstammt, sorgt im Publikum für Bestürzung und Entsetzen. Zwischenrufe: „Rassistisch!“, „Primitiv!“ bis „Deutschtümelei!“

Der Protagonist abermals, nun im unwirschen Befehlston, im Geschrei der Zuschauer fast untergehend:

„Horch, was kommt von draußen rein!“

Chor: „Hollahi, Hollaho“

Das Publikum erinnert sich, hier eine Komödie zu erleben, lacht herzhaft.

Die Kanzlerin macht ihr Gesicht.

Zweiter Akt

Dämonisches Dämmerlicht. Das Publikum im Unklaren, ob Morgen oder Abend. Bühnenboden öffnet mit Höllenlärm und entsprechenden Dünsten. Ein gewaltiges Schachbrett fährt hoch. Darauf: eine einzige Figur. Schwarzer Springer auf e2 (mit pomadigem Haar und verschmierter Hornbrille). Aktion: Springt, einem Derwisch gleich, sich nicht um korrekte Spielzüge scherend übers Feld, „Hollahi, Hollaho“ keifend.

Hält inne, wägt sichtlich den nächsten Zug ab, tut einen zur Seite (Aufschrei bei einem Schachweltmeister im Publikum, zwei Blockwarte stimmen ein, dann alle). Der Springer zieht ein Dokument aus der Unterhose.

In großen Lettern: „Horch, was kommt von draußen rein!“ Im linken oberen Eck des Papiers prangen vier weiße Buchstaben auf rotem Grund. B, I, L und D oder B, I, L und O. In den hinteren Reihen schwer zu unterscheiden. Das Publikum hat von solch einem Dokument nie gehört, es geschweige denn gesehen oder in Händen gehalten.

Chor der Fremden aus dem Dunkel der undefinierten Dämmerung:

„Lieber Hollahi Hollaho!“

Publikum:

Einer „Was soll das?“
Müllmann „Was von Wagner.“
Nächster „Quatsch, Heino.“
Student „Hitler.“
Alle „Hohoho.“

Unvermittelt enorme Winde von oben. Der Sturm der Entrüstung. Dagegen von unten: Der Sturm der Begeisterung. Der Springer, eben noch Herr des Geschehens, fällt zu Boden, landet auf dem Bauch und setzt üble Darmwinde ein, die wie ein Düsenantrieb nach hinten losgehen und den Springer samt Dokument und Schachbrett zurück in den Höllenschlund schieben.

Zeitgenössisch! Das Publikum ist außer sich. Applaus. Standing Ovations.

Sprechchöre: „Nieder mit Springer!“

Kanzlerin mimt ihr Gesicht.

Damit endet Akt Zwo

Dritter Akt

Nikos Akropolis tritt in Fustanella, dem traditionellen griechischen Faltenrock, auf die Bühne.

Das Publikum vermutet mehrheitlich einen türkischen Gastarbeiter, den es bei derlei Gestalten immer vermutet, ändert aber dann mehrheitlich die Meinung und erkennt ein Problemkind mit Migrationshintergrund, ändert abermals seine Meinung und befürchtet mehrheitlich, noch während des Meinungsbildungprozesses, nun multikulturellen Integrationsrap im Schein einer brennenden Tonne. Erste stecken sich Finger in die Ohren. Ein Contergangeschädigter bereut seine kurzen Arme.

Nikos aber tanzt Offenbachs Cancan, Publikum honoriert dies mit taktfestem Applaus, mitten hinein stimmt Nikos in breitem Schwäbisch den Text der „Berliner Luft“ an.

Das Publikum, das sein Denken aus der Schublade befreit sieht und sich durch jenen gewaltfreien Kunstakt geschulmeistert fühlt, was es als anständiges deutsches Publikum sehr mag, tobt vor Begeisterung.

Timo Sultanin geht von Rechts nach Links über die Bühne. Publikum ahnt einen Running Gag und brüllt vor Lachen. Erste Zugaben werden gefordert.

Die Kanzlerin mimt.

Vierter Akt

Kohn, die beliebte jüdische Witzfigur, die Kohn, die jüdische Witzfigur spielt, schießt einige international erprobte und bewährte Scherzraketen ab – am Zuschauer vorbei.

Das Publikum schweigt.

Die Kanzlerin legt spontan einen Kranz nieder.

Einer lacht. Wohl ein Antisemit. Der wird verhauen.

Tino Sultanin geht von Links nach Rechts über die Bühne (sehr langsam) und erläutert (sehr sehr langsam) am Beispiel Kohn die Merkmale des Juden.

Das Publikum, textkundig, spricht in Gedanken mit.

Fünfter Akt

Abendlanddämmerung.

Der Bundespräsident hält eine sehr sehr sehr lange Rede und endet:

„Horch, was kommt von draußen rein.“

Kanzlerin schwebt (nackt) von der Decke.

Präsident: „Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

Sultanin geht (mit Buch) vorbei und schaut nicht rein.

Präsident: „Wird wohl nichts gewesen sein.“

Nikos: „Griechischer Wein! La la la, hollahi.“

Alles lacht.

Vorhang.

Da capo.
Da capo.

Leave a reply!