Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Oktober 2011 | Please Comment!

Die Himmel gaben BlauIst schon ein bisschen her, da schrieb mir Stephan Sulke nach unserem Interview: »Poesie ist am Aussterben“. Ich war zugleich alarmiert und beruhigt, denn damit bestätigte er lediglich, was ich längst wusste und hundertfach innerlich beklagt hatte. Doch so bündig ausformuliert, hatte das was von einem Totenschein, auf dem nur noch das Datum fehlte.

Dass es nicht gut um die Poesie stand, war jedem, der ihre Gesellschaft schätzte, schmerzlich bewusst, aber Sulkes Befund öffnete mir endgültig die Augen…

…so sah ich sie noch einmal, wie ich sie kurz zuvor im Literaturhaus sah: Einen drögen Keks mit der Aufschrift „Moderne Dichterlesung“ hinunterwürgend, beinah daran erstickend. Sekt und Biolimo zum Nachspülen wurden erst im Anschluss gereicht. Einige Tage darauf ertappte ich sie beim Verticken eines Poetry Awards, der mal ein Lyrikpreis war, da saß sie unbeachtet zwischen zwei Sportlern und einem Komiker in der Jury. Im Trubel der Buchmesse habe ich sie verloren.

Sulke hat Recht. 

Haben wir uns bereits damit abgefunden? Vielleicht das Aussterben ihrer Art (darf in diesem Fall als Kunst aus dem Englischen übersetzt werden) als naturgegeben abgehakt? Arterhaltung!? Wo? Alles hat seine Zeit – und was nicht ihres Geistes Kind ist, spukt nur noch unter ferner liefen. Auch die Liebe. Ihr Ende plant der Zeitgeist gleich am Anfang. 

Überhaupt Liebe!           

„Liebe gibt’s im Kino“ betitelte Sulke eines seiner Bücher, ja Sulke singt nicht nur – „Liebe gibt’s im Kino“ – das war 1984; da lief in unseren gerade „Ghostbusters – Die Geisterjäger“. Der Zeitgeist war ein Marshmellow-Mann. Dem konnte man entkommen. Fluchten gelangen damals noch. 

Heute bedarf es eines mittelschweren Exorzismus’, um für Augenblicke dem Geist der Zeit zu entrinnen. Unmöglich ihn abzuhängen. Überall sind seine Netze ausgelegt. 

Meine 60 Gedichte aus 12 Jahren sind mein kleiner Exorzismus wider den Zeitgeist. Gegen das Immerneue, das nicht immer neu und Fortschritt ist, gegen die Omnipräsenz unserer Omnipräsenz, dieses Überall-dabei-sein-Müssen. Zeitlose Verse gegen ungereimtes Gebrüll.

Matthias Schumacher

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