Author: Matthias Schumacher | Date: 24. September 2011 | Please Comment!

Freitagabend. Premierenlesung von Alice Schwarzers »Lebenslauf« im Deutschen Theater Berlin. Die Emanze hat geladen und liest selbst. Wo Marlene Dietrich unter Max Reinhardt als Kleindarstellerin begann, soll nun das Leben der großen Frauenrechtlerin und BILD-Berichterstatterin im Kachelmann-Prozess an uns vorüberziehen. Die ganz große Bühne musste es sein. Am Tag als der Papst ging, kommt die Schwarzer.
So hat man sich das vorgestellt.
Im Olympiastadion baut man wohl noch ab.

Vor dem Einlass in den Zuschauerraum, der noch nicht geöffnet wurde, schlendert man unter kristallnen Leuchtern durchs Foyer, reißt sich um das zum Verkauf stehende druckfrische Buch, darum geht es schließlich an diesem Abend. Offenbar ein gutes Geschäft. In den prächtigen Spiegeln des Eingangsbereichs richten ältere Damen mit geübten Griffen ihre seidenen Halstücher und Perlenketten. So hat man sich das vorgestellt. Für Alice wirft Frau sich in Schale, der Mann daheim kann sehen, wo er bleibt.

Immer mehr frisch Zurechtgemachte ziehen nun mit einem »Lebenslauf«-Exemplar zufällige Bahnen. Einzelne Herren, auf die sie stoßen könnten, sind rar. Frauenanteil: gefühlte 80 Prozent. Hier braucht man keine Quote. Alles so, wie man sich das eben vorstellt, wenn Deutschlands Männerhasserin Nr. 1 aus ihrer neuen Kriegserklärung liest, die zweifellos der Tradition von »Der kleine Unterschied» folgt. Man ahnt, was einem da in Kürze blüht, wenn’s gleich losgeht. Wenn es denn mal losgeht.

Da und dort vernimmt man ein »Damals«. Ja, damals!

Noch immer ist der Zuschauerraum verschlossen. Zwei Damen, die sich an den roten Samt direkt vor dem Saal gelehnt haben, sind noch immer erschüttert über das nicht wunschgemäß ausgefallene Wahlergebnis der Berliner Grünen. Natürlich! Genau so hat man’s sich vorgestellt, wenn Alice ins Manöver zieht.

Einlass. Licht hoch. Hinsetzen. Licht runter. Lobende Worte vom Lektor. Licht aus. Spot an. Der Star. Schwarzer in Schwarz oder Dunkelgrau. Wer achtet bei ihr schon darauf? Sie legt los: Ein winziges Baby sei sie gewesen und »tomatenrot«. Ihre Katze hieß Mucki, sie liebte Johanna Spyris »Heidi«, ihr Vater neigte zum Nonsens, ihre Mutter war humoristisch eher dem Sarkasmus zugetan.

Was soll das!? So hat man sich das aber nicht vorgestellt. Tanzstundenstorys und Angst, nicht aufgefordert zu werden, sprich »sitzenzubleiben«. Schwärmerei für Elvis, BBC, Chris Howland und die Hitparaden. Teenagerprobleme. Liebe. Lausmädelgeschichten.

Die Schwarzer ist herabgestiegen und Mensch geworden. Das verblüfft und hat in den vergangenen Tagen zu unzähligen göttlichen Besprechungen in den größten Blättern der Republik geführt. Ihr »Lebenslauf«, in dem sie, Autorin und Protagonistin, durchweg gut wegkommt, gewährt Blicke hinter die Fassade der Schwarzer, die sie uns bislang verwehrte bzw. Blicke, die sie uns verstellte mit einer durch und durch robusten Persönlichkeitshülle.

Es ist das erste Buch der Feministin, in dem sie über sich selbst geschrieben hat. Ein Buch des Warum und Wie. Wie ist es soweit gekommen? Vielleicht besser: Wie konnte es nur soweit kommen?

Alice Schwarzer legte dereinst Quarkmasken auf und interessierte sich stets für Mode und Designermöbel. Bei der Schwarzer überrascht uns das, bei der, die wir ganz anders kennen. Rau, hart in der Sache, nervig. Wie kamen wir darauf, dass da keine verletzliche Seite ist?

Diese erste Lesung – ein Erfolg. Das Publikum hört, lacht, gluckst, geht mit. Nicht allein, weil da vorn ein Vorbild, eine Schwester sitzt, sondern weil diese Frau tatsächlich Humor hat und interessant, unterhaltsam zu schreiben versteht. Das darf man getrost zugeben, selbst wenn man ihren Aussagen und Ansichten inhaltlich kaum oder gar nicht zustimmen mag.

Den Feminismus, die Frauenrechtsbewegung betrachtet sie im »Lebenslauf« von innen, aus der Sicht der Alice Schwarzer, die eben mittendrin war – und ganz vorn, mit vielen anderen, die Schwarzer, die unbedingt Journalistin werden wollte, die das Zeug dazu hatte und damit wie die sprichwörtliche Bombe in eine von Männern dominierte Welt platzte. 

Ob alles optimal gelaufen ist? Es ist heute allemal besser als zu jener Zeit, die vor der Lesung als wabbeliges »Damals« um die Kristalle der schweren Lüster schwirrte und die Veranstaltung mit Patina zu überziehen drohte. 
Vor einigen Tagen zeigte Sat1 die »24 Stunden«-Reportage mit dem Titel »Macho oder Weichei? Problemzone Mann«, für die u.a. ein ehemaliger Polizist beim Abhalten von Männlichkeitsworkshops begleitet wurde. Männer auf der Suche nach sich selbst. Alice Schwarzer hat den Kerlen, entgegen landläufiger Meinungen, nie irgendwas abgeschnitten – und doch bedürfen heute offenbar etliche Hilfe dabei, ihre Eier zu finden. Ist das optimal oder sind das Kollateralschäden, die man in Kauf nehmen muss bei einer Revolution?
Sind wir nicht einige Schritte zu weit gegangen und haben manchen auf dem Weg verloren?

Paris. Sartre. Simone de Beauvoir. Und dieser Bruno, 1000 Liebesbriefe, Bruno, der Franzose, den sie um ein Haar geheiratet hätte, schließlich die Neigung zum gleichen Geschlecht und Gründung der »Emma«. Schwarzers »Lebenslauf« endet nach 34 Jahren. Ende erster Akt.

Alice Schwarzer hat sich nicht verändert, sie ist nicht milder geworden, Mann und Frau können sich nach wie vor an ihr reiben. Sie hat sich nur erweitert, eine Seite hinzugefügt. Oder wie sagt man heute? Sie hat sich upgedatet. 

Im Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Schneider, das der Lesung folgte, endlich die Frage nach den Fehlern der Schwarzer. Schwarzer findet, sie hätte gar nicht so viele gemacht. So hat man sich das vorgestellt.

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24/09/2011
				
					
				
				

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