Author: Matthias Schumacher | Date: 7. September 2011 | Please Comment!

Wenn sich Dr. Carsten Flöter durch die Lindenstraße schleppt, dann schleppt er sich nicht einfach von A nach B. Er schleppt sich durch ein schwules Leben und Klischees, die eine von vielen Normalitäten vorgaukeln. Auf den Schultern die Last desjenigen, der den deutschen Vorzeigeschwulen darzustellen hat. Ein schwerer Gang. Seine lesbische Freundin Tanja Schildknecht braucht sicher wieder einen Rat und falls nicht die, dann vielleicht Herr Lotti, der Friseur, eigentlich Peter Lottmann, mit dem Carsten mal was hatte als Käthe, sein Lebenspartner, der Georg heißt, nicht greifbar war. Carsten Flöter ist der Medien-Schwule, der Volksschwule schlechthin, mit dem sich die deutsche Öffentlichkeit anfreunden soll. Einer von nebenan. Aus der Lindenstraße. Die Lindenstraße ist zugegeben weit mehr nebenan als das, was man sonst feilgeboten bekommt. 

Massenmedien und Minderheiten

Wer sind die Schwulen und Lesben, die auf unsere massenmediendominierten Schirme kommen? Wer diese Massentauglichen? Allzumeist sind es Homosexuelle, die vor allem das darstellen, was zielgruppenrelevante Teile der Öffentlichkeit in ihnen sehen: die Homosexuellen. Sie verharren in eingefahrenen Bahnen, was sie mit der Darstellung etwa von Muslimen gemein haben, die irgendwo zwischen Problemkind, U-Bahn-Schubser und Imbissbetreiber rangieren. Wir haben uns daran gewöhnen lassen und wehren uns nicht.

Indes Heteros mit aller Selbstverständlichkeit Mörder, Anwälte, Bauarbeiter, alles und jeden darstellen (selbst Schwule und Lesben werden von ihnen dargestellt), spielen Schwule und Lesben selbst oft Schwule und Lesben, gefangen in der Sexualität und auf sie reduziert. Sollte es einmal anders sein, droht sogleich ein Fernsehpreis, weil jede andere Darstellung belohnt werden muss. Lorbeer mit Zückerlirand für Mut, Zivilcourage u.dgl. Die Darstellung der Gewöhnlichen ist noch immer außergewöhnlich.

Die Wahrnehmung wird dominiert von Paradiesvögeln in schrillen Kostümen wie Dirk Bach oder die ehemalige Kaffeeklatschtante Ralph Morgenstern (alias Kaffeeklatschonkel) – regenbogenfarben wie die Fahne der Homosexuellenbewegung. Und da ist ganz vorn einer, den alle lieben: Hape Kerkeling. Der das Rollenspiel perfekt beherrscht und nicht nur den Schlämmer gibt, sondern auch die abgehalfterte Schlagerdiva Uschi Blum und die niederländische Paarberaterin Evje van Dampen. Und der Hetero lernt: Schwule schmeißen sich gern in Fummel, so wie Georg Preuße in seine Rolle als Mary, so wie Ernie Reinhard alles in seine Lilo Wanders wirft. Die weniger Auffälligen, wie der Schauspieler Jaecki Schwarz, verschwinden im Gewirr aus Travestie und Tunterie schnell aus Blickfeld und Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Normalität gibt es nur in der Wirklichkeit

Otto-Normal-Schwule, Lieschen-Müller-Lesben (sprich Alltagshomosexuelle) kämpfen einerseits noch immer um Akzeptanz oder leben andererseits einfach ihr Leben, das Spektrum ist gewaltig, findet jedoch – abseits der 37 Grad-Reportage und des arte-Themenabends – in der Medienlandschaft kaum statt. Der abgedroschene Begriff vom »anderen Ufer«, der Ferne vortäuscht, ist vielerorts zum Mittendrin geworden. Anderswo noch hinter Sankt Nimmerlein.

Schöne schwule Fernsehwelt! Gerade Schwule gelten als finanzkräftige Zielgruppe, was gleichwohl für Werbekunden und Fernsehanstalten interessant ist. Und so kommt auch darum keine Soap ohne Quotenschwulen aus. Die Rollen wirken dementsprechend bausatzgefertigt: ein bisschen Coming Out und ein Hauch In-den-besten-Heterofreund-verliebt-Sein. Die familienfernsehgerechte Zuschwulung der Vorabends suggeriert ein Bild, das so, in dieser Fülle, nicht existent ist. Es wimmelt, wo immer man auch reinschaltet. Sind es tatsächlich so viele? Frisch durchgezählt:

Noch immer kursieren Theorien von 10 Prozent Homosexuellen in Bevölkerung. Zahlen des Sexualforschers Alfred C. Kinsey aus dem Jahre 1948. Deutlich jüngere Studien, wie etwa von Emnid (2001), kommen auf 1,3 Prozent homosexuelle Männer und 0,6 Prozent Frauen – in Deutschland. Selbst bei einem Wert von 3 Prozent wären es gerademal 1,86 Mio. homosexuelle Erwachsene. Exakte Zahlen sind schwer ermittelbar. Belegt sind hingegen 1,6 Mio. alleinerziehende Mütter und Väter, die auch auf eine angemessene Darstellung hoffen, wo es doch an jeder Ecke patchworked bis es kracht. Ist ja nur Fernsehen!

Wo ist die Normalität? Wer sie nicht selbst erlebt, kann durch unsere Massenmedien einiges erfahren: Der Schwule geht zum CSD, mag den Eurovision Song Contest und hat verdammt viel Sex. Manchmal hat er auch Aids oder ist mindestens HIV-positiv oder will ein Kind adoptieren, heiraten will er sowieso, nicht nur so verpartnert sein. So kennen wir ihn, so bekommen wir ihn vorgesetzt. Irgendwie mögen wir ihn auch, wenn er jederzeit abschaltbar ins Wohnzimmer kommt. Aber im Kinderzimmer möchte die meisten dann doch lieber den Sohn, der Fußball spielt, und die Tochter, die Puppen mag. Umgekehrt ist es für viele noch immer inakzeptabel. Denn spätestens hier wissen alle: Ja, es ist wirklich nur Fernsehen, dort wo es am Ende immer ein Happy End gibt, wo alle liberal, tolerant und lernfähig sind – und wo nur Filmblut fließt.

Normalität gibt es nur in der Wirklichkeit. Ob die Dauerofferte von Extremen und Klischees zum Umdenken bei Homophoben, Unsicheren und Verunsicherten führt, darf bezweifelt werden. Manches erinnert an Zoo, an Zirkus, Konfrontationstherapie. Wirkt’s schon?

Wowi-Effekt und Guidomakel

Eines steht fest: Der Medienschwule ist nicht wie Guido Westerwelle, er ist, wenn er Anzug trägt, mehr wie Klaus Wowereit, der sich ins Regenbogengetümmel wirft, wo immer er kann, weil er es kann. Das Glanzlicht der Toleranz, die Berliner Offenheit, strahlt aber nicht bis nach Provinzdeutschland. Dieses Berlin strahlt mitunter nicht mal bis Neukölln, Lichtenberg, Kreuzberg…

In weiten Teilen der sogenannten Berliner Schwulen- und Lesbenszene wird Klaus Wowereit geliebt und wohl auch gewählt, weil er schwul ist. Westerwelle könnte unser Obama sein, den ja viele wählten, weil er schwarz ist. Doch wer würde Westerwelle wegen seiner Homosexualität wählen? Westerwelle ist nicht Außenminister geworden, weil er schwul ist, sondern, obwohl er Westerwelle ist. Wowereit regiert Berlin auch, weil er schwul ist und dies in seine großschnäuzige Volkstümlichkeit zu verpacken versteht.

Christopher Street Day

Westerwelle ist aber ein Puzzlestück, das zum öffentlichen Bild vom Homosexuellen gehört. Doch den einen ist er schon zu schwul, manchem nicht schwul genug. Man kennt sie eben anders, diese Schwulenpromis – immer da, wo was los ist. Guido hat die Gay Games eröffnet. Reicht nicht! Mehr, bitte! Er kann es niemandem Recht machen, der erste schwule Außenminister Deutschlands, der womöglich nicht weniger gut seinen Job macht als Wowereit den des Regierenden Bürgermeisters. Westerwelle – ein Sonderfall. Keiner homosexuellen Persönlichkeit in Deutschland hat das Outing geschadet, fast allen hat es genutzt. Nur Guido nicht. Guido blieb Guido.

Szenen der Inszienierung einer Szene – Komm zu uns und sei wie wir!

Ein großer Teil der Schwulen und Lesben ist heute gerade in den sogenannten hippen In-Bezirken der Großstädte sehr bewegt, sehr öko, grün. Das ist schick und entspricht dem Lebensgefühl. Aber es ist nicht das Lebensgefühl aller. Manchmal wirkt es wie ein Diktat. Wer anders ist, fliegt raus, wird nicht akzeptiert, schräg von der Seite angemacht. Es gilt: Jeder nach seiner Façon, solang es meine ist. Outing in der Großstadt scheint Pflicht. Wer will schon eine Klemmschwester wie der Guido sein? Klemmschwester – auch so ein Begriff der ach so toleranten und einfältigen, weit von der Vielfalt entfernten Szene, die nur mit einem ganz und gar zufrieden ist: mit sich selbst. Komm zu uns und sei wie wir!

Wir haben die Formung des öffentlichen Bildes, unserer Wahrnehmung einer Gruppe, einer Gruppierung überlassen, die nun die Deutungshoheit für sich beansprucht, etwa den Grünen, die ihre unbestrittenen Verdienste um die Rechte von Schwulen und Lesben offen vor sich hertragen – als hätte nie jemand anderes etwas für sie getan. Da sind Vereine, die sich überlebt haben, wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), und Berufsschwule, wie der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, die gemeinschaftlich aufschreien, wenn irgendwo einer »Schwuchtel« sagt (was auf Schulhöfen das neue »Arschloch!« ist), die eigentlich immer aufschreien, wenn irgendwo einer was sagt, das nicht dem eigenen Bild vom Schwulsein, der Selbstdefinition entspricht. Ein bisschen Gelassenheit und Entspannung täte hierzulande gut, gerade angesichts der 80 Staaten mit homophobem Strafrecht. 

Im November 2009 ließ sich Philipp Gut, Journalist der Schweizer WELTWOCHE, zu einem Debattenbeitrag für die WELT hinreißen, der auf wenig Gegenliebe stieß. »Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden«, stellte Gut fest und zündelte damit im Revier von Brandinspektor Beck, der mit etlichen anderen das chorale »Feurio« ausrief. Volker Beck sah den Untergang der hart erkämpften Regenbogenwelt gefährdet und antwortet höchstselbst, obendrein erhielt Philipp Gut die »Homo-Gurke« von queer.de, dem Szenemagazin, das Volker Beck nicht nur in diesem Zusammenhang bereitwillig mehr oder weniger gekonnt in Szene setzt.

Inszenierungen unterm Regenbogen, aber notwendig weil, so Beck: »Philipp Gut sich scheinbar liberal gibt, aber doch nur das alte, gefährliche Gift der Homophobie in neue Schläuche füllt.« Schlauchmeier Beck ist rund um die Uhr im Einsatz. Einen ähnlichen Drang zur Empörung findet man sonst nur noch im Kommentarbereich von BILD.de oder bei unseren durchweg heterosexuellen Profifußballern.

Lahms Abwehr

Wo wir bei einem anderen Philipp wären, Philipp Lahm nämlich, dem Kapitän unserer Nationalelf. BILD-exklusiv trat er in (von Lahm und dem FC Bayern autorisierten Auszügen) aus seinem Buch hartnäckigen Schwulen-Gerüchten entgegen, die Philipp Lahm - Der feine Unterschiedes auf wundersame Weise bis ins »Suchfenster von Google« geschafft haben. Schlagzeile: »Lahm wehrt sich«. BILD öffnete den Kommentarbereich vorsichtshalber erst gar nicht.

»Lahm wehrt sich«. Und wie er sich wehrt! Zitat: »Mir sind diese Spekulationen egal.«
Schließlich stößt Lahm ins gleiche Horn wie Theo Zwanziger, der – laut ungezählter Medienberichte – ein Outing von Fußballprofis gut fände und begrüßen würde, schlussendlich allerdings doch davon abrät. Lahm: »Ich würde keinem schwulen Profifußballer raten, sich zu outen. Ich hätte Angst, dass es ihm gehen könnte wie dem englischen Profi Justin Fashanu, der sich nach seinem Outing so in die Enge getrieben fühlte, dass er schließlich Selbstmord beging.«

Man kann sicher sein, dass nach Lahms Abwehr die Wortkombination »Philipp Lahm schwul« in Kürze bei Google von der zweiten an die erste Stelle rücken wird. »Philipp Lahm bisexuell« wird nicht angeboten. Raum für weitere Spekulationen. Ist dies etwa genau das, was Philipp Lahm im Titel seines Buches »Der feine Unterschied« andeuten will?

Parteinahme und Vereinnahmungen

Schwul ist bunt, der Regenbogen ist es nicht. Schwul heißt nicht nur Christopher Street Day, sondern auch Christdemokratie, tiefschwarz, katholisch und manchmal Bundeswehroliv. Dass der mittlerweile offen schwule Schlagersänger Jürgen Marcus noch immer katholisch ist und Homo-Ehen lächerlich findet, passt nicht in das offenbar streng definierte Regenbogenparadies. Jürgen Marcus nach seiner Façon! Seine Meinung, sein Ding.

Eine weitgehend gemeinsame Position vertreten die entsprechenden Organisationen der demokratischen Parteien. Sie kämpfen allesamt für Toleranz, Akzeptanz, Gleichstellung. Seit 1978 die Schwusos (SPD), 1998 wurde LSU (Lesben und Schwule in der Union) gegründet. Erst im Juni 2010 kam LiSL hinzu, die als Verein angelegte Gemeinschaft der Liberalen Schwulen und Lesben Deutschland. Der Bundesvorsitzende, Manfred Donack, erklärte auf Anfrage, man habe lange geglaubt, eine gesonderte Interessenvertretung sei bei den Liberalen nicht nötig, dann entschloss man sich aber doch zur Gründung, »da es leider selbst innerhalb der FDP erzkonservative Landesverbände wie Baden-Württemberg, Hessen oder Sachsen gibt, bei dem das tradierte Familienbild eine größere Rolle als der ursprüngliche liberale Gedanke spielt. Wir wollen die FDP auch in den Punkten Schwulen- und Lesbenpolitik weiter nach vorne bringen, damit wir hier das Feld nicht anderen Parteien überlassen.«

Bunte Welt und Wahrheiten unterm Regenbogen

Die Welt ist bunt. Das schwule Leben manchmal grau, aber auch grün und schwarz, sogar braun, wie Rosa von Praunheim im Jahr 2005 mit »Männer, Helden, schwule Nazis« eindrucksvoll belegte. Öffentlich wahrgenommen wird allerdings oft nur die Tunte, die Transe, der Travestiestar. Sie lassen sich vermarkten, verkaufen. Prototypen, Vorzeigetypen. Keiner schreit auf. Kann es sein, dass man sich zufrieden gibt, weil man froh ist, überhaupt stattzufinden, ganz gleich wie?

Viele haben in schweren Zeiten den Schutz des Regenbogens gesucht, sich untergestellt, als es noch von allen Seiten kalt durchs Land wehte und man sich heiser schrie – nach Rechten und Freiheit, wo der CSD noch eine politische Veranstaltung war, damals. Heute aber leben viele anders, viele befreit und freiwillig, leider noch zu viele eingeengt und versteckt. In kleinen Städten, in der Provinz hilft keine Community im fernen Berlin, Köln, Hamburg, keine Vereinigung, der man automatisch angehört, weil man so oder so ist, die meint, für einen zu sprechen. Da hilft heute oft nur, einfach wegzuziehen, wenn man kann. Wer nicht kann, kämpft, heiratet vielleicht, gründet zum Schein eine Familie oder sieht schlimmstenfalls keinen anderen Ausweg als den des Suizids. Auch eine Wahrheit unterm Regenbogen. 

Fotos: ЯAFIK ♋ BERLIN,  potsdam,
Kunstmann

07/09/2011 

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