Author: Matthias Schumacher | Date: 5. September 2011 | Please Comment!

Wigald Boning, der Tausendsassa, gibt in seinem dritten Buch ungezählte Antworten und wirft etliche Fragen auf. Experimente am eigenen Leib (ohne Amputating) inklusive. »Die Geschichte der Fußleiste und ihre Bedeutung für das Abendland – und andere wissenschaftliche Studien« erschien nun bei Rowohlt. Im Interview verrät Boning, was daran politisch ist und warum es am Ende platt wird.

Matthias Schumacher (MS): Der Verlag hat Ihr Buch auf seiner Website den Schlagwörtern Comedy, Wissen und Lernen zugeordnet. Das klingt typisch boningisch. Wo sehen Sie es?

Wigald Boning: Klingt soweit plausibel, wobei ich beim Wort »Comedy« bis heute zusammenzucke – In meiner Selbstsicht bin ich kein Komiker, sondern ein ernsthafter junger Mann mit einem gewissen Hang zu randständigen Themen. Wobei es weit schlimmere Missverständnisse gibt.

MS: Bevor wir auf den Inhalt des Buches zu sprechen kommen, lassen Sie uns feststellen: Heute ziehen auf dem Buchmarkt, von den großen Namen, Selbstläufern und Ausnahmen abgesehen, vor allem Sex und Provokation. Ihr Buch erschien nun fast exakt ein Jahr nach Sarrazin, der das Abendland bedroht sieht. Ist Ihr »scheinbar« unpolitischer Buchtitel nicht auch schon wieder eine Provokation?

Boning: Im Gegensatz zu Sarrazin sehe ich mein titelgebendes Forschungsobjekt, nämlich die Fußleiste, durchaus in der Lage, seine Zukunft zu meistern. Mein Buch ist insofern weniger Brandschrift als Löschpapier. Unpolitisch ist mein Buch jedenfalls nicht: Ich versuche immerhin, die Rolle der Fußleiste während der französischen Revolution zu beleuchten, und ich verweise auch auf das Kapitel »Kleine Frisurenkunde künstlerisch begabter Staatsmänner”.

Boning- Die Geschichte der Fußleiste und ihre Bedeutung für das AbendlandMS: … wo Sie von der »Frisurologie« sprechen. Ich muss gestehen, ich habe die gleich gegoogelt. Mit bescheidenem Erfolg. Überhaupt fragt man sich: Woher weiß der Mensch das alles oder denkt der sich das eine oder andere nur aus? Stichwort Ilja Rogoff.

Boning: Das Wort »Frisurologie« habe ich mir ausgedacht, aber nur, weil ich trotz eifrigen Suchens auf keinen passenden, real existierenden Begriff gestoßen bin. Alle sonstigen Fakten dieses Kapitels sind ganz redlich zusammengeklaubt, etwa aus dem »Bonner Almanach« von 1974. Ilja Rogoff – und seine Beziehung zu meinem Urgroßvater – lappt natürlich partiell ins Fiktionale. Aber Hans Schwarz van Berg, der Erfinder Ilja Rogoffs, wird sein Geschöpf von vornherein als Projektionsfläche konzipiert haben, von daher handle ich hier durchaus diesseits der Seriositätsgrenze. Oder etwa nicht?

MS: Durchaus. Im wilden Absurdistan. Da wirkt selbst Ihr Blick in die Zukunft, bezüglich des »Amputatings«, gar nicht so fiktiv. Lassen Sie uns doch schon ein wenig teilhaben!

Boning: Sehr gerne. Ich bin sicher, dass auf Tätowierung, Piercing und Branding in absehbarer Zeit das Amputating folgt. Und wenn denn heute schon die Präsidentengattin tätowiert ist, kann ich mir gut vorstellen, dass ich noch höchstpersönlich ein Staatsoberhaupt erleben werde, dass sich aus freien Stücken von seinen Gliedmaßen getrennt hat.

MS: Eher der Ästhetik wegen – oder um sich, Land und Volk vor falschem Handheben und Abnicken zu bewahren?

Boning: Eine reine Aufbrezelungsmaßnahme. Der gemeine Wähler wird ja auch keine Arme mehr haben und sich mit einem Nurrumpf-Staatsoberhaupt besser identifizieren können.

MS: Wir sprachen bereits von Ihren Großvätern. Im Schlusskapitel verleihen Sie Ihren linguistischen Wurzeln schriftlichen Ausdruck. »Slipsbinnen in’t Weltruhm – Niederdeutsch als Wissenschaftssprache«. Gute sechs Seiten auf Platt. Nur eine stilistische Spielerei?

Boning: Ich höre leidenschaftlich gerne die plattdeutschen Nachrichten bei Radio Bremen, obwohl ich selber nur sehr gehemmt spreche. Natürlich hätte ich meinen Gedankengang auch mit einem kürzeren Beispiel illustrieren können, aber sechs Seiten fand ich wesentlich kühner. Und wer partout nur Bahnhof versteht, kann sich ja die dazu passende Übersetzung im Internet durchlesen.

Matthias Schumacher: Und den Direktlink dazu findet man natürlich im Buch. Abschließend die krönende Frage an einen, der fast alles zu wissen scheint: Was kommt nach dem Gipfel der Erkenntnis?

Wigald Boning: Erstmal Abstieg, dann heiß duschen, und dann sehen wir weiter. Vielleicht eine Abhandlung über Einkaufszettel? Ich bitte um etwas Geduld bei der weiteren Lebensplanung.

Vielen Dank!

(Das Interview entstand am 03.09.2011 rund um die Achterbahn des
Parc d’atraccions Tibidabo, Barcelona, sowie in der Berliner Ringbahn.)

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