Author: Matthias Schumacher | Date: 19. Juli 2011 | Please Comment!

Matthias Schumacher Sarrazin muss schwul werden Foto xtranews.de

Wir schreiben das Jahr 2011.
Zusammen mit einem Team des ZDF-Kulturmagazins aspekte und der Journalistin Güner Balcı machte sich Thilo Sarrazin auf den Weg nach Berlin-Kreuzberg, um neue und alte Weltsichten zu erforschen, anders scheinende Essgewohnheiten zu bestaunen, neue Lebengemeinschaften und eine aufgeschlossene, aufgeklärte Zivilbevölkerung kennenzulernen. Lichtjahre von Durchschnittsdeutschland entfernt, drang der SPD-Mann und ehemalige Berliner Finanzkapitän in Galaxien vor, die so bunt, so multi und kulti(g) sind, dass einem die Pupille glüht.

Monate zuvor wurden den Bewohnern dieses Planeten von oftmals grünen Weibchen, Männchen und Transgendern Brocken aus Sarrazins Lockbuch „Deutschland schafft sich ab“ hingeworfen. Man war nicht gewillt, sie zu schlucken. Denn was dort stand, was dort nicht stand, und was sie meinten, gelesen zu haben, oder was ihnen zugetragen wurde, das dort stünde, machte sie zornig. Die phantastische Geschichte des Thilo S. – ein jeder kennt sie.

Nun eckte Sarrazin bei seiner Suche nach neuen Weiten an beschränkte Horizonte. Es genügte die bloße Anwesenheit. Ein Dialog mit denen, die mehr oder weniger unsere Sprache, aber Sarrazin nicht verstehen, scheiterte.

WELT ONLINE titelt, dass Sarrazin „wie ein geprügelter Hund vom Multikulti-Kiez verjagt“ wurde. Nicht etwa von jüdischen Mitbürgern, obwohl die Sache mit dem gemeinsamen Gen nicht wirklich koscher und auch ein bisschen gemein war.

Attackiert wurde Thilo Sarrazin vor allem von Türkisch- und Arabischstämmigen, die ihn gleich erkannten: ein „Rassist“ sei er, ein „Nazi“. Man empfahl: „Hau ab!“ Klare Ansagen, die einigen unserer temperamentvollen südländischen Einwanderer und deren mitunter halbstarken Sprösslingen leicht von der Zunge perlen. Dazu braucht es manchmal nicht viel. In der Regel glätten sich die Wogen schnell, selten wird ein Gewalttsunami daraus. Man weiß: Es sind nicht alle so, ebenso wie nicht alle Deutschen Nazis sind. Wer am Rand eines Gesamtbildes herumzerrt, der verzerrt am Ende alles.

Irgendwie kommen wir ganz gut miteinander aus. Falls nicht, geht man sich halt aus dem Weg. Wehe aber dem, der dorthin geht, wo er nicht hingehört, der die falschen Wege kreuzt. Dann bedient man ihn nicht einmal im Lokal, so wie es nun Sarrazin erleben durfte.

Eigentlich sind Türken sehr gastfreundlich, aber ich glaube, ich kann Sie nicht bedienen“, so Hikmet Kundakci, Manager des Restaurants Hasir in der Berliner Adalbertstraße. Ja, Bedienung geht wirklich nicht, wenn draußen bereits der Mob tobt und ein Sturm der Entrüstung durch die Straßen fegt. Denn der Mob ist das Volk, das Volk hat Recht und bevor das rechthaberische Volk das Restaurant zerlegt, setzt man Zeichen und den ungeliebten Gast vor die Tür.

Kellner Mehmet Özkan zu BILD„Mir wurde die ganze Sache zu heiß und ich bat Herrn Sarrazin, das Lokal zu verlassen“ und „ich wollte nicht, dass es sich in Kreuzberg rumspricht, dass er in unserem Lokal isst.“

Jesus speiste 40.000 ohne Ansehen der Person. Sarrazin hat man gekannt, das war sein Fehler.

Vor zwei Jahren trug sich in Berlin-Schöneberg etwas Ähnliches zu. Der Betreiber einer Eisdiele am Nollendorfplatz, mitten im sogenannten schwulen Kiez, vertrat vehement seine Position: „Zwei Frauen, die sich hier küssen, bediene ich nicht“. Selbst Handgreiflichkeiten soll es gegeben haben. Die Empörung war groß, denn: Diskriminierung? Nein danke!

Wer jemandem aufgrund dessen sexueller Präferenz keinen Bananensplit verkaufen will, gehört bestraft, mindestens mit einer gleichgeschlechtlichen Kussaktion direkt vor seinem Geschäft, wo sie dann auch stattfand. Dutzende engagierte Schwule und Lesben kamen und küssten. Warum auch nicht!?

Wie verhält es sich aber bei Sarrazin? Sind Anderssexelnde schützenswerter als Andersdenkende? Demokraten, freie Bürger, Rechtsstaatler! Auf nach Kreuzberg zum Lesemarathon von „Deutschland schafft sich ab“! Dann wissen am Ende wenigstens einige mehr, was da wirklich drin steht und wie furchtbar langweilig das alles ist. Und wenn das nicht hilft, muss Sarrazin eben schwul werden.

Ebenfalls erschienen auf jetzt.sueddeutsche.de

Foto: xtranews.de
Bearbeitung: Matthias Schumacher

19/07/11 

 

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