Author: Matthias Schumacher | Date: 11. Mai 2011 | Please Comment!

Ich bin für einen Autor schrecklich unbelesen, ich rauche zu viel und lüge.
Nun hat man mich für den Grimme Online Award nominiert, mich, der nicht viel von der großen Wahrheit hält und sie jederzeit für eine kleine Wahrhaftigkeit tauschen würde. Wahrheit? Was soll man von einer halten, die kurz vor der Vereinigung mit dem heiligen Geist den Unterleib wegzieht?

Es ist der Geist des Reporters Egon Erwin K., der sie rasend umwirbt:

»Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit…«

Kisch in Melbourne, 1934 (Foto: Sam Hood)

Nominierung in diesen Tagen, da dem SPIEGEL-Redakteur René Pfister der Egon Erwin Kisch-Preis für seine Seehofer-Reportage »Am Stellpult« aberkannt wurde, weil Pfister log, gelogen haben soll – was auch immer.
»Der SPIEGEL nimmt diese Entscheidung mit Unverständis zur Kenntnis.«

Die Lüge des Preises würdig, die Wahrheit nicht.

Meine Nominierung: Ein Witz! Besonders meine Unbelesenheit sollte ihr doch im Wege stehen, heute, wo kein Artikel ohne kluges Zitat auskommt, um das dann ein Text gebaut wird, der am Grunde aus aufgekochtem Kaffeesatz besteht, in dem der Autor freizügig herumdeutet, bis er ihn bis zum Überfluss mit Meinungsbrühe zuschüttet. Die Krönung, wenn der Sud genau so ist, wie wir meinen, dass er sein müsse.

Und dann dies ewige Rauchen, das ich von meinem 12 Jahre jüngeren Zwillingsbruder lernte als ich acht war, und das ich mindestens so leidenschaftlich betreibe wie Zeno Cosini in Italo Svevos gleichnamigem Roman – und von dem ich nicht weniger schwer loskomme wie eben dieser.
Rauchen darf nur noch Helmut Schmidt. Als ihn Stichwortwurfmaschine Giovanni di Lorenzo »Auf eine Zigarette« bat, erinnerte es mich sofort an Eva Strittmatters »Intimität der Raucher«. Ich fand es miserabel. Hab’s nie gelesen. Zuviel Wahrheit!

Von meinem Bruder lernte ich auch etwas anderes Brauchbares:
Kurz nach seinem Tod sagte er Matthias Matussek, der mit seinem neuen Buch »Das katholische Abenteuer« erneut einen Beweis für seinen faustdicken Draht nach oben ablieferte:

Wo draufsteht »das geht uns alle an«,
ist oft was drin, das keinen interessiert.

Darum geht es nicht. Darum geht’s doch: Das Einreden ist zum Handwerk geworden und wird durch die neuen Medien zur Perfektion getrieben. Die digitale Gesellschaft – ein Volk von Experten. Alle wissen’s besser. Vielleicht steht mir der Grimme Online Award gerade darum zu: Ich rede es mir ein und weiß es deshalb am besten: Heute ist Wahrheit, was wir glauben, glauben wollen, glauben sollen. So wandelt Matussek, der Kisch-Preisträger des Jahres 1991, auf dem rechten Weg, wenn er sich mehr und mehr dem Glauben widmet. Denn Glaube ist Wahrheit, für den, der glaubt. Bis zum nächsten Zweifel, der zur Wahrheit gehört, sie aber immer hartnäckiger überschattet.

Kischs einfache Wahrheit ist in dieser komplexen Welt DAS Traumziel, wer laut genug vorgibt, dagewesen zu sein, ist Gott und Pilgerstätte zugleich.
Schon bald siedeln sich die ersten Kriechtiere um ihn an.

Ich trinke kaum, ich rauche selten. Nachrichtenwert: Null.
Die Wahrheit: Ich lüge. Ich bin nicht mal nominiert! (schlagzeilenuntauglich)
Ich nominiere mich hiermit nach. Für die Kategorie »ehrlich lügen«.

Die Wahrheit ist das Ende der Meinung.
Wer könnte in der Meinungsgesellschaft daran Interesse haben?
Wo alle Wahrheit ans Licht zu bringen suchen, muss es verdammt finster sein.

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Link: Grimme Online Award
Buchtipp
: Matthias Matussek »Das katholische Abenteuer« (amazon)

Foto: Sam Hood

11/05/11

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