Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Mai 2011 | Please Comment!

Tyrannenmord an Gaius Iulius Caesar

Ist gut, wer Bösen Böses tut? Wer ist gut? Was ist gut? Cicero begrüßte den Tod des Diktators Julius Cäsars, der kein Diktator im heutigen Sinne war, als Tyrannenmord. Als Friedrich Schiller in seiner „Bürgschaft“ Möros, „den Dolch im Gewande“, zu Dionys, dem Tyrannen, schleichen ließ, schien es gut, denn er wollte „die Stadt vom Tyrannen befreien!“ Tat Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 Gutes als er sich mit einem Sprengsatz in der Aktentasche auf den Weg zur Wolfsschanze machte, um die Welt von Hitler zu erlösen?

„Auge für Auge, Zahn für Zahn“, das ginge nicht, meinen manche. Ob sie nicht vielmehr meinen, das schicke sich nicht, sei dahingestellt. Aber Kritik ist berechtigt, denn man kann durchaus sagen: So wie es sich darstellt und dargestellt wird, war Osamas letzter großer Auftritt – um ein Gerhard-Schröder-Wort zu gebrauchen – „suboptimal“. (Auf Schröder müssen wir weiter unten an entscheidender Stelle abermals zu sprechen kommen.)

Was wäre optimal gewesen? „Natürlich ein Prozess“, ruft der zivilisierte Mensch – und Beifall ist ihm gewiss.

Denn Gut und Böse verwechseln wir nicht…

Bemühen wir den Konjunktiv und werfen einen Blick ins Gericht: Wir sähen Osama bin Laden ungeläutert, große Reden der Verachtung schwingend. In Kürze brächten es Ausschnitte von der Verhandlung an die Spitze der meistgeklickten Videos im Internet. Die einen schauten sie mit Verachtung, andere aus Verehrung.

Hätte Osama auch nur eine Gelegenheit ausgelassen, die Rechtsstaatlichkeit, all unsere Werte und Prinzipien mit Füßen zu treten und zu verlachen? Womöglich hätte er zur Fortführung des Dschihads und zu mehr Terror aufgerufen. Das ist schnell in die Kamera gesagt, so schnell kann keiner den Stecker ziehen.

Vorausgesetzt, der Prozess wäre öffentlich gewesen. Was ist heute früher oder später nicht öffentlich? Wie wahrscheinlich ist es nach den Erfahrungen mit Wikileaks & Co, dass derlei nicht nach außen dringen würde – im Namen der Transparenz? Also der Gerichtssaal als Podium und Bühne für einen vermeintlichen Massenmörder. Vermeintlich?

In Art. 11 Abs. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen heißt es:

Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.

Art. 6 Abs. 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention besagt:

Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.

Erst mit der unanfechtbaren Verurteilung hätte die Rechtsstaatlichkeit Osama bin Laden endgültig besiegt. Niemand kann wissen, wie lange ein Prozess gedauert und ob am Ende eine Verurteilung gestanden hätte. Angeklagte sind Menschen, die krank und verhandlungsunfähig werden können, sterblich sind. In jedem Fall müsste man von mehreren Jahren ausgehen, bis die Mühlen der Justiz den letzten Mahlvorgang abgeschlossen hätten. Wer heute Racheakte nach bin Ladens Tötung nicht ausschließen will, der kann auch keine Geiselnahmen im Falle eines fairen und gerechten Prozesses ausschließen. Erinnern wir die Entführung der „Landshut“ im Oktober 1977, mit der die inhaftierten Mitglieder der RAF freigepresst werden sollten. Szenarien. Horrorszenarien.

Vielleicht sind sie exakt das Risiko, das man schlichtweg eingehen muss, wenn man auf der Seite der Rechtsstaats steht, die Rolle des lupenreinen und keinesfalls die des schwarzen Ritters anstrebt. Ist es möglich, dass viele von uns in diesen Stunden zwischen jenem greifbaren objektiven Recht und der gefühlten subjektiven Gerechtigkeit schwanken? Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit sind nicht zwingend ein und dieselbe Sache. Wir wissen, was gut und richtig ist, aber wir ertappen uns immer wieder dabei, anders zu denken – und (seien wir ehrlich) gelegentlich zu handeln. Manchmal sehen wir keine andere Möglichkeit, manchmal übertreten wir die Grenze, weil es notwendig scheint (die Not erzwingt), um schneller ans Ziel zu kommen und schlimmeres abzuwenden.

Und nun jubelt unser Bauch und der Kopf knurrt dazu.

Denn Gut und Böse sind unverwechselbar…

„Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ Darf das eine deutsche Bundeskanzlerin sagen? Ausgerechnet eine deutsche Kanzlerin? Man bedenke unsere Geschichte! Gerade wir Deutschen müssen und wollen besser, weiser, gerechter sein als der beste weiseste Gerechte. Was hat Angele Merkel da geritten? Unglücklich formuliert, kalkuliert oder nur allzu menschlich?

Reden wir mal wieder darüber, wer uns regieren soll. Aufrichtige Politiker, die sagen, was sie denken? (Wird ja immer wieder laut gefordert.) Oder solche, die uns brav mit Politikersprech und Political Correctness beliefern? (Wird immer wieder kritisiert). Menschen, Übermenschen, Maschinen? Da sagt eine Regierungschefin einmal klar heraus, was viele denken, und bekommt eins drübergezogen. Schon seltsam, besonders angesichts der Person Osama bin Laden. Da ist Politik für die Dauer eines Wimpernschlages ausnahmsweise ganz nah am Volk, das doch mündig ist und miteinscheiden will und soll, aber diese Volksnähe stößt einigen übel auf. Denn es sei das falsche Volk, dem Merkel da nach dem Munde rede.

Gut und Böse kann Merkel und ihr Team sehr wohl unterscheiden…

Tweet Steffen Seibert, Regierungssprecher

Nahaufnahme! Betrachten wir Angela Merkel während ihres Statements noch einmal genauer und zoomen, zoomen, ganz, ganz nah heran. Wir müssen gar nicht bis in den Quantenbereich vordringen, um einen kleinen Gerd Schröder auf ihrer linken Schulter erkennen zu können: lupenrein. In seiner Rechten eine Flasche Bier, in seiner Linken ein Banner mit der Aufschrift „uneingeschränkte Solidarität“. Wie ein Geist. Ein bisschen Geisterfahrt ist immer dabei – im Leben. Bin Ladens Sterben, wie es auch immer ausgesehen haben mag, ist jedenfalls nicht der Crash der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Schiller: Die Bürgschaft (Bearbeitung Matthias Schumacher)

05/05/11

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