Author: Matthias Schumacher | Date: 25. April 2011 | Please Comment!

Volker Panzer (Foto: ZDF)Bevor man sich bettet, liegt man bei ihm richtig.
Seit fast 14 Jahren führt der Kulturjournalist Volker Panzer am späten Sonntag, der eigentlich ein früher Montag ist, im ZDF durchs Nachtstudio.
Mit wechselnden Gästen diskutiert er auf hohem Niveau, was uns bewegt, bewegen könnte/sollte. Panzer, 35 Jahre beim ZDF, setzt so jenen Weg fort, den er als Akademiker, aspekte-Moderator und Terra-X-Filmemacher eingeschlagen hat. Kürzlich lud ich den Wahlberliner auf eine Reise durch die Weiten der Massenmedien bis nach Königsberg ein. Im Gepäck: ein Hirnforscher, zwei warme Mahlzeiten und ein dramatischer Befund.
Mit Panzer kommt man eben überall hin – und zurück…

Matthias Schumacher: Was haben die Intellektuellen verbrochen, dass man sie im deutschen Fernsehen auf unmögliche Sendeplätze und in Spartenkanäle verbannt?

Volker Panzer: Wieso verbrochen? Und was heißt hier Intellektuelle? Als das Fernsehen noch geholfen hatte, in den alten Zeiten vor den Privaten, waren sie sich zu fein dafür, die besseren Stände, und jetzt rennen sie jeder Talkshow-Schürze hinterher. Auch in den Medien geht es zu wie im Mediamarkt oder bei Aldi: Billig und geil muss es sein. Wie anders ist zu erklären, dass die Feuilletonisten feuchte Hände kriegen, wenn sie mit Begeisterung über das Dschungelcamp schreiben und gleichzeitig voller Hohn über z.B. die „Geschichte der Deutschen“ im ZDF herfallen.

MS: Wie ein Herfallen sieht es bei Ihnen im „Nachtstudio“ allerdings nicht aus. Im Lichte des elektrischen Lagerfeuers scheinen selbst Quoten gleichgültig.

Panzer: In der Nacht, habe ich mal vor langer Zeit geschrieben, darf das Medium noch träumen. Pustekuchen. Der Kasten hat 24 Stunden auf und selbst wir stehen nicht mehr auf verlorenem Posten, sondern werden an den „Mitbewerbern“ gemessen. Bis jetzt noch mit gutem Erfolg. Und was die „Kulturhalden“ (Peter W. Jansen) angeht: Es wird doch niemand davon abgehalten, den Daumen auf den Knopf für 3sat oder arte zu legen. Tun aber die Wenigsten.

MS: Früher, in der alten Zeit, haben sich die Denker, Mahner, Warner immer dann zu Wort gemeldet, wenn eine Krise sichtbar wurde. Heute ist immer Krise. Ist die Welt wirklich so bedrohlich geworden oder denkt, mahnt, warnt da mancher etwa zum Zwecke der eigenen Vollbeschäftigung und Unentbehrlichkeit?

Panzer: Genau so ist es. Denn so paradox es klingt, die Welt ist im Großen und Ganzen nicht bedrohlicher, sondern friedlicher geworden. Die Erinnerung an die Weltkriege des  20.Jhd. liegt ja noch in der Zeitgenossenschaft, aber zunehmend wird vergessen, dass damals Abermillionen Menschen hier bei uns in Europa und anderswo, zum Beispiel aus aktuellem Anlass auch in Japan, ermordet und ums Leben gebracht worden sind. Dagegen sind die Opfer der heutigen Kriege, die ich keineswegs verharmlosen will, abzählbar.

MS: Woher kommt dann der Alarmismus?

Panzer: Die Welt ist dank der neuen und der alten (Massen)Medien durchsichtiger geworden und ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Marshall McLuhan, der kanadische Zukunftsforscher hat von einem „globalen Dorf“ gesprochen. Jeder sieht, was der Nachbar macht, und keiner kann sich verstecken. Der leider zu früh verstorbene Hirnforscher Detlef B. Linke hat dazu einmal eine sehr plausible These aufgestellt: In der Steinzeit saß die Horde um das Lagerfeuer und die Gefahr drohte aus dem Dunkeln. Heute sitzt die Horde vor dem elektrischen Lagerfeuer, dem Fernseh- oder Rechnerbildschirm, und die Gefahr sticht unmittelbar ins Auge mit dem Ergebnis: unsere Gehirne schalten auf Abwehr. Wer also diesen Tatbestand gut nutzen kann, macht gute Geschäfte

MS: Über den nutzen entscheidet letztlich der Nutzer. Überlassen wir das Selberdenken nach und nach den medialen Vordenkern?

Panzer: Im Prinzip war das schon immer so. Erinnern wir uns an Niklas Luhmanns wunderbaren Satz: „Alles was wir von der Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien“. Dazu zählt er natürlich nicht nur Fernsehen, Radio, Zeitung, sondern auch Bücher, was wir meistens vergessen. Wir erwerben also im wahren Wortsinn unsere Meinung von denen, die uns ihre Meinung anbieten, das beginnt mit der Geburt. Eine Gefahr, wenn überhaupt – ich bin ja Antialarmist – sehe ich darin, dass immer mehr Meinungsanbieter in den Neuen Medien sich nicht so viel Zeit für ihre Meinungakkumulation nehmen, wie es die Meinungsträger der klassischen Medien noch tun. Und das Ergebnis ist: Wir leben in einer Zeit der Meinungsdiarrhoe.

MS: Ist die heilbar?

Panzer:  Ja, und zwar wieder mit Luhmann. Nach dem ersten berühmten Satz in seiner Realität der Massenmedien: „Alles, was wir…..“, gibt es die Fußnotenzahl 1. Und dort steht wörtlich: „es sei denn man ist im Urlaub.“

MS: Wird der Talk, ob anspruchsvoll oder banal, denn noch anders als das Dschungelcamp wahrgenommen? Der Zuschauer will Unterhaltung oder was will der Zuschauer?

Die ZuschauerInnen, um es geschlechtsneutral auszudrücken, wollen unterhalten werden. Warum sonst sollen sie den Fernseher oder das Radio einschalten oder auf Youtube rumdaddeln. Alles ist doch mehr oder weniger Unterhaltung. Früher in der Schule hieß das Didaktik, heute Formatdesign und Quotenmodellierung. Und das ist auch gut so. Nehmen wir als Beispiel das Fernsehen und wieder unsere „globales-Dorf“-Metapher. Wie früher aus dem Fenster auf den Marktplatz, schauen wir heute durch die Röhre in die Welt. Und wie früher treiben es da die Händler (Werbung), die Gaukler und Schwertschlucker (Dschungelcamp). Marodeuere jagen brandschatzend durch die Stadt (Nachrichten und Brennpunkte) und die Frauen palavern am Brunnen (Talkshows). Und ganz hinten, unter der alten Linde, da erklärt ein alter Mann, der kein Jesuit ist, den Kindern die Welt (Die Sendung mit der Maus).

MS: Und was will Volker Panzer?

Panzer: Gesund bleiben, sich zwei warme Mahlzeiten am Tag leisten können und sein kindliches Gemüt beibehalten.

MS: Zwei warme Mahlzeiten. Lassen Sie mich eine Behelfsbrücke über Königsberger Klopse (laut Forsa 93 Prozent der Deutschen ein Begriff) zu Kant (bei „Unsere Besten“ im ZDF auf Platz 43) schlagen. Immanuel Kant hat, ohne es erwähnenswert zu verlassen, von Königsberg die Welt erreicht. Heute kommen die Denker per Knopfdruck oder Klick jederzeit ins Haus, aber kommt da wirklich etwas an? Sollte es denn ankommen?

Panzer: Kant ist einmalig. Egon Friedell, wenn man so will der erste Medienintellektuelle, hat Recht, wenn er in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit Kant als „Unikum in der gesamten menschlichen Geschichte“ bezeichnet. Aber es war auch eine andere Zeit. Ende des 18. Jhd. und Anfang des 19 Jhd. konnte die Mehrheit der Bevölkerung immer noch nicht richtig lesen. Und die Geistesgrößen von damals waren europaweit unter sich. Statt Facebook gab es regen Briefverkehr zwischen den „FreundInnen“ und statt „Klicks“ hielt man sich reitende Boten. Der missionarische Kantianer Schiller zum Beispiel schickte als Universitätsprofessor in Jena mehrmals r-mails (zu deutsch:reiter-post) nach Weimar zu Goethe, der rasch mit Federkiel seine Meinung auf die Rückseite kritzelte und ab im Galopp. Was uns heutzutage auszeichnet ist doch der Umstand, dass nun alle lesen und schreiben können und ein gewaltiger Bildungstsunamie hat diese alte Welt unumkehrbar umgekrempelt. Und das ist doch auch gut so: Jeder kann heute seiner Meinung Schmied sein. Manchmal aber denke ich, dass diese sperrangelweite Öffentlichkeit doch noch ein Hinterzimmerchen hat: Auf der Bühne: Die Clowns der ewigen Einsdreißig Experten und Spiegel-Essai-Rauner und in den Hinterzimmerchen der Forschungslabors von sagen wir CERN bis Jülich, die wahren Denker, die wie Kant ihr „Königsberg“ auch nicht verlassen.

Matthias Schumacher: Im Angesicht all dessen abschließend eine Frage an Ihr selbstattestiertes kindliches Gemüt. Eingangs sprach ich von der möglichen Verbannung der Intellektuellen auf unmögliche Sendeplätze. Möchte das Kind in Ihnen nicht manchmal im kindlichen Jähzorn einige dieser Intellektuellen- und Intellektuellendarsteller verbannen?

Volker Panzer: Aber wohin? In die Katakomben der Universitäten? Die haben sich doch endlich mal geöffnet. Es ist heutzutage doch keine Schande mehr, für einen richtigen oder richtiger ordentlichen Professor, sich im Fernsehen vor einem wild zusammengeworfenem Haufen von Zuschauern zu artikulieren. In England kann man sich die Teilnahme an Wissenssendungen im Fernsehen auch auf die Publikationsliste schreiben. Das widerspricht im Übrigen nicht meiner vorigen Antwort, sondern ist eine Aufforderung an all die unentdeckten Geister sich der Aufklärung des Publikums anzunehmen. Dabei müssen sie allerdings in Kauf nehmen, dass Sie an den Rändern des Marktplatzes stehen werden, bei arte, im Deutschlandradio oder nachts im ZDF.

Vielen Dank für das Interview!

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18/04/11

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