Author: Matthias Schumacher | Date: 13. März 2011 | Please Comment!

„Die Ereignisse überschlagen sich“ – vielleicht der Halbsatz der vergangenen Tage und nächsten Wochen, der erst komplett ist, wenn man hinzufügt „aber viel Genaues weiß man nicht.“ Ein Ausflug in die Gerüchteküche.

Das Rennen um den Super-GAU war bereits im allerschönsten Gange als am vergangenen Samstag RTL II der Pflicht zur Unterhaltung auch in schwierigen Zeiten nachkam und plangemäß den Katastrophenschinken „Explosionsgefahr – Eine Stadt am Abgrund“ versendete.


Irgendwie passte das schon zum Tag, hatte aber rein gar nichts mit Japan, Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze zu tun. Als sich der Streifen schleppend dem Höhepunkt näherte, rief Spiegel Online endlich den GAU aus. Darauf hatten wir gewartet. Wer allerdings RTL II sah, hatte ihn verpasst. Den RTL II-Zuschauern wird es egal gewesen sein. Da war es kurz nach 13 Uhr unserer Zeit.

Wenig später relativierte SpOn und erklärte, dass sich die Ereignisse überschlagen. Welch ein Glück! GAU hieße das größte anzunehmende Unglück für das Spekulantenpack, das nach kurzem Triumph oder flott wegdiskutierter Niederlage die Strategie wechseln müsste. Da bietet sich in erster Linie immer die Opferzahl an. Darauf kann man aufbauen.

Noch kein GAU. Derweil befand sich bei RTL II noch immer eine Stadt am Abgrund. Noch immer war nicht Fukushima gemeint. Wer sich im deutschen Fernsehen über die aktuelle Lage in Japan informieren wollte, musste in dieser Stunde zappen, lange zappen. Auf Phoenix berichtete Dietmar Ossenberg aus Libyen. Danke, da war ja auch was! Kurz nach halb Zwei entschloss sich das Erste, in Einblendungen auf die möglicherweise stattfindende Kernschmelze hinzuweisen. Mehr gäbe es nach dem Spielfilm „Der letzte Trapper“.
Ein bisschen Untergang auch hier.

In der Extra-Ausgabe der Tagesschau überschlugen sich dann die Ereignisse, aber viel Genaues wusste man nicht. Man wusste aber, was passiert, wenn was passiert. Was schon passiert ist, konnte man nicht genau sagen. Wie auch, wenn sich die Ereignisse überschlagen? Man wusste immerhin, dass sich die Lage zuspitzt. Irgendeine. Eine Live-Schaltung. Nichts Genaues. Irgendwas sei passiert. Radioaktivität sei ausgetreten, weißer Rauch aufgestiegen. Ein neuer Papst? Ein neuer Verteidigungsminister? Smoke on the water. Meerwärts. Erleichterung. Vorerst.

Erinnerungen. Als Johannes Paul II. im April 2005 starb, entwickelte sich ein Medienereignis, das es so noch nie gegeben hatte. Denn im Gegensatz zu Übertragungen internationaler Sportveranstaltungen mit dem großen „Wer?“ und dem 11. September mit seinem „Was?“ und „Wie?“, lautete die Frage, die auf dem Petersplatz und unter den weltweiten Zuschauern umging „Wann?“ Man mochte das Event um keinen Preis verpassen. Oliver Kalkofe parodierte einige Zeit später in seiner Mattscheibe die RTL-Berichterstattung mit dem legendären Satz: „Lebt denn der alte Pontifex noch?“ Ungeduld aber nicht nur im Privatfernsehen. Auch die Öffentlich-Rechtlichen wagten es kaum, ihre Kameras vom Fenster des Papstes wegzuschwenken. Brennt das Licht noch? Ja, wann denn nun?

Nun wieder dieses „Wann?“, das uns besonders zu beunruhigen scheint, weil es ja längst passiert sein könnte. Die Ereignisse überschlagen sich, aber Genaues weiß man nicht. Nicht mal im Internet, das so vieles weiß. Dort wird unermüdlich spekuliert. Ist der GAU schon da? Kommt er noch? Auch das Internet gab bis zur Stunde keine endgültigen Antworten, sondern tut, was es immer tut, wenn man nichts Genaues weiß. Es munkelt im Dunkeln. Laut und dreist, ängstlich, panisch, gewürzt mit Betroffenheitsbekundungen, die den Betroffenen helfen, aber nicht den Betreffenden. Virtuelle Winkehändchen statt realer helfender Hände. Der dürftige Informationsfluss ist eine willkommene Erfrischung in der überhitzen Gerüchteküche, wo viele ein Süppchen nach eigenem Geschmack kochen und damit die Massen zu füttern versuchen – oder mundtot zu machen. Brutzeln bis der Kern schmilzt.

Das Internet spuckt nur aus, was irgendwo jemand hineingestopft hat.
Die japanische Regierung füttert es zaghaft. Das erinnert an Tschernobyl. Nährboden für weitere Mutmaßungen. Das Internet enttäuscht in diesen Stunden. Immerhin liefert es Bilder, Bilder, die schneller als jemals zuvor um die Welt gehen und sowohl den Voyeurismus wie die Anteilnahme beflügeln.
Jede Katastrophe hat ihre eigenen Bilder hervorgebracht, die sich eingebrannt haben. Selten war die Interpretation so schwierig. Was sehen wir da eigentlich?

Zeit der Ernüchterung? Das Internet, das die Macht hat, Präsidenten ins Wanken zu bringen, das Geheimakten verbreitet und Kriegsverbrechen aufdeckt, es verhindert nicht die Tat, sondern schreibt nur den Bericht, erklärt und erleichtert uns das tatenlose Zusehen, das wir hassen und schätzen. Wenigstens sind wir irgendwie dabei, bei diesem Irgendwas. Und wenn einmal die Welt untergeht, werden wir die Ereignisse live am Bildschirm verfolgen können. Aber wann?

Das Zitat des Tages lieferte die promovierte Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Stunde als auf RTL II immer noch Explosionsgefahr in der Stadt am Abgrund bestand:

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass in einem Kernkraftwerk schwierige Ereignisse stattfinden, wahrscheinlich eine Kernschmelze.”

Wahrscheinlich. Was sonst?

Auf RTL II nahm das Drama Schema F seinen Lauf.

Es folgte Durst – Die Epidemie und Atomic Twister – Sturm des Untergangs. Um Genaues zu erfahren, musste man nur die Fernsehzeitschrift aufschlagen. Die präzisesten Infos des Tages.

13/04/11

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