Author: Matthias Schumacher | Date: 7. März 2011 | Please Comment!

Kämpfe in Libyen. Gemetzel wie sie die Welt lange nicht sehen musste.
Niemand kennt die Zahl der Toten. Sie werden wie die Zahlen aller Opfer ähnlicher Konflikte geschätzt. Jetzt, zwischendurch, danach. Jede Zahl ein Leben. Abstrakt, weit weg und unbedeutend für uns, gerade dieser Tage. Denn auch wir befinden uns im Gefecht. Nach dem Sturz des Feldherren ist der Krieg eigentlich vorbei, da und dort werden noch Scharmützel ausgetragen. Viele haben sich bereits anderem zugewandt. Manche aber haben den letzten Schuss nicht gehört. Sezierung der Kriegstreiberei.

 

Die Straßen quellen über. Neben Karnevalsumzügen versprengte Guttenberg-Gegner und Guttenberg-Fans. Unterschiede sind nur mit Mühe festzustellen. Hauptsache, die Zahlen stimmen. Flink nachgezählt! Wie viele Wagen? Wieviele Tonnen Kamelle? Wie lang war die Strecke? Wieviele Spielleute und Narren? Wie war das Wetter? Und: „Wer soll das bezahlen?“

Der deutsche Korinthenkacker, der Schutzheilige aller Scheinheiligen, liebt Statistiken und Aufzählungen. Vor allem, wenn sie seinem Empfinden, seinem gesundem Volksempfinden entsprechen. Er kann nicht loslassen. Er reitet die Leiche des Geköpften bis sich alle an den Kopf fassen – und weiter. Zum Ziel.
(Wo auch immer das ist.)

IM Plagiat

Folgerichtig schnüffeln nun Guttenberg-Gegner, die nicht über ihre Minderzahl hinwegkommen, im Netz den Unterstützern hinterher. Ein letzter Akt der Verzweiflung. Was machen die grad? Gibt es sie wirklich? Vereinzelt soll ja das eine oder andere Exemplar gesichtet worden sein. Erich von Däniken ist alarmiert. Reinhold Messner will einen auf der Flucht gesehen haben. Alice Schwarzer hielt ihn der Beschreibung nach für Jörg Kachelmann. Gerüchte. Noch schweigt der Papst und keine UN-Resolution ist in Sicht. Wie lang noch?

Das Wort Fälschung macht die Runde. Eine große Runde. Das geht im Netz ganz flott. Fälschung – für die neue Internet-Stasi kein unbekanntes Phänomen. Allein empörend, wenn sich der politische Gegner dieser Mittel bedient. Hätte man dem nicht zugetraut. Doch wer Plagiatoren verehrt, kann selbst nicht ganz echt sein. IM Plagiat observiert Tag und Nacht. Am liebsten würden manche, die sonst mit aller Macht um jeden Millimeter auf dem Felde des Datenschutzes kämpfen, die IP-Adressen überprüfen, sammeln, speichern und die ganze Bande aus dem Netz schmeißen. Löschen und sperren!

Auf Facebook wollen zur Stunde rund 600.000 Guttenberg zurück. 600.000 – was? 60.000 wollen das nicht. 60.000 – wer? 600.000 Profile vs. 60.000 Profile. Nicht mehr, nicht weniger.

Showdown der Doofen

Es gehört zum Job der Minderheit, die Mehrheit als doof abzustempeln. Das hat Tradition und ist nicht schlimm, denn die Minderheit ist selber doof. Das muss man in Deutschland immer besonders unterstreichen, weil hier wie sonst kaum auf der Welt der Wunsch nach Gleichheit ausgeprägt ist. Also: alle doof!

Am vergangenen Samstag kam es nun zum vorläufigen Showdown, zur unvermeidbaren Volkszählung. Deutlichster Beweis für die Fälschung zahlreicher Facebookprofile sollen die Pro-Guttenberg-Demos gewesen sein. Keine halbe Million Menschen schwang ihre Transparente. Ha! Nur einige Hundert Spaßvögel, hier und da.

Die Gegner hatten also recht. Glauben sie. Und wie immer glauben viele gern denen, die sagen, was man hören will und es auch noch vorrechnen können. Der Korinthenkacker will harte Fakten und das Milchmädchen malt sie für den letzten Deppen nachvollziehbar an die Pinnwand. Was für Fakten!

Ein weitgehend unbeachteter Fakt ist allerdings, dass in den vergangenen Wochen auch nicht annähernd 60.000 Guttenberg-Gegner zu sehen waren, sondern ebenfalls nur einige Hundert, verstreut. Gibt es tatsächlich so wenige Erbsenzähler in diesem Land?

Wo waren die 81 Mio. übrigen? Warum haben 15,5 Millionen deutsche Facebook-User gar nichts Guttenbergisches „geliket“?

Masse, Medien, Massenmedien und Pappnasen

Die Medien verkauften unterdessen weiterhin fleißig Zerrbilder, zum Staunen und Wundern, Kippen und Drehen, allemal etwas Handfestes, an dem man sich reiben kann. „Eine halbe Million Facebook-Nutzer wollen Guttenberg zurück.“ Das klingt wie eine Meldung. Gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist es ein Fliegenschiss, der so aussagekräftig ist, wie eine Bild.de-Umfrage oder das allseits beliebte Event „Aufstand der Anständigen“ mit seinen bestenfalls 100.000 Teilnehmern, die nach Denkart der Guttenberg-Gegner zur Schlussfolgerung einladen, dass die restlichen Deutschen unanständig sind.

Das Pendeln der Medien zwischen Verhalten und Stillhalten dürfte niemanden mehr verwundern. Die Gewichtung der Themen ist nicht mehr nachvollziehbar. Und die Medienkritiker, die den Ton im Orchester der Arschgeigen Spießer angeben, haben im Fall Guttenberg nur wenig daran auszusetzen. Der Streit über den Umgang mit der Sache und der Person KT zu Guttenberg steht weit über der Frage, ob es nichts Wichtigeres gäbe. Eine Frage, die man nicht stellen kann, ohne sich den Vorwurf anhören zu müssen, Parteinahme zu betreiben und mit Totschlagargumenten die Angelegenheit runterspielen zu wollen.

Noch vor wenigen Wochen war die Gewichtung eine etwas andere.
Als Husni Mubarak aus dem Amt gejagt wurde, nahmen Medienkritiker die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hart ins Gericht. Der Vorwurf wog schwer und traf zu. ARD und ZDF hatten die ägyptische Revolution beinah verschlafen. Erst als Sondersendungen im Hauptprogramm ausgestrahlt wurden, zeigte man sich halbwegs zufrieden, nicht aber, ohne zugleich heftig an der Qualität der Berichterstattung herumzumäkeln. Auch das mit Recht.

Dass sich nun einige Narren für oder gegen einen zurückgetretenen Politstar auf die Straßen trauten, indes andernorts Menschen niedergemäht wurden, ist der Kritik kaum eine Wortmeldung wert und den Pappnasen schnurzpiep. Denn man darf zwar keine Unterhaltung senden, aber Halli Galli in der City geht immer. Vielleicht ist ja auch das Scheiß Fernsehen da.

Gipfelstürmer auf plattem Land

Nun befinden wir uns seit Wochen auf dem Guttenberg, der nach Selbstzerbröselung und einigen Lawinen längst zum Phantom geworden ist. Kein neuer Gipfel in Sicht, am Boden ein Haufen Schutt und darüber die feine Schicht einer zu Konfetti geschredderten Doktorarbeit. Guttenbergs politischer Aschermittwoch war ein Dienstag. Der Abstieg ist vollbracht. Mancher hat es im Höhenrausch nicht bemerkt. In zahlreichen Blogs, Internetforen und sozialen Netzwerken hat man sich am Gipfelkreuz festgekettet, das wie ein Grabkreuz auf plattem Land zur Beerdigung des Themas mahnt. Ein Blick in die Runde. Wo ist die Runde? Zurück.

Zurück in der Zukunft, wo politisch Tote auferstehen. Zurück im Heute, wo täglich 35.000 Menschen an Hunger sterben, wo in diesem Augenblick über 30 Kriege und kriegsähnliche Konflikte toben. In Libyen lässt ein Irrer ein Volk abschlachten. Es ist Zeit, ganz über den Guttenberg zu kommen, auch wenn es manchem ziemlich bitter schmeckt.

07/03/11

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