Author: Matthias Schumacher | Date: 2. März 2011 | Please Comment!

Sie macht den Alltag angenehmer und das Zusammenleben erträglich.
Sie bringt uns an Orte, die für ehrliche Häute unerreichbar bleiben. Mitunter in Teufelsküche, manchmal in den Hafen der Ehe, was dasselbe sein kann. Jeder darf mit auf große Fahrt, um den Preis der Wahrheit, doch nur wer die Lüge zur Perfektion treibt, kommt ans Ziel. Ein Plädoyer.

Sie verbindet, wo Wahrheit trennt. Die Lüge ist der Kitt in unserem Glashaus, das Transparenz vorgaukelt, doch allenfalls aus Milchglas besteht und mit photoshopbearbeiteten „Schnappschüssen“ den Blick auf alles verhängt, was auch nur zu Interpretationen wider den schönen Schein Anlass geben könnte. Die Retusche, das Verbergen im Privaten, ist heute nicht weniger angesagt als Enthüllungsplattformen. Und in der Mitte stehen jene, die sich stets und ständig enthüllen bis unter die Knochen. Auch die sind meist nicht ganz echt.

Wir aber wollen die Wahrheit, nichts als die Wahrheit und bescheißen uns wie eh und je. Lügenfabrikanten vs. Wahrheitsindustrie. Die Welt ist ein Suchbild. Wer findet die Fehler?

Wir geben uns im Berufsleben, auf der Straße, unter Anderen immer anders als in den eigenen vier Wänden. Niemand lässt sich ganz in die Karten schauen. Wir täuschen und betrügen, um von möglichst vielen akzeptiert zu werden, vor allem jenen, die uns nützlich sein könnten. Worauf sollte man bedacht sein, wenn nicht auf den eigenen Vorteil? Die Uneigennützigkeit ist eine Mär wie die unbedingte und bedingungslose Ehrlichkeit.

Die Lüge ist ein notwendiges Übel, das Salz in der Suppe, das Tüpfelchen auf dem i. In Maßen verteilt, verträgt sie sich gut mit unserem Gewissen. Wenn man sie uns verabreicht, schmeckt sie meist süß und wir können nicht genug von ihr bekommen. Nur die Wahrheit stößt uns bitter auf. Die Entlarvung der Lüge als solche ist die Krux, nicht die Lüge selbst.

Schwarzarbeit, Blaumachen, Fremdgehen. Von der Wiege bis zur Bahre: kaum das Wahre. Jeder lügt und betrügt nach seinen Möglichkeiten. Wir schummeln in der Schule, im Studium, beim Vorstellungsgespräch, wenn wir eine Wohnung mieten wollen, haben wir plötzlich keine Katze mehr und sind auch sonst sehr freundlich – auch zu diesem Arschloch von Ex-Vermieter, dem wir mit unserer Perserzucht das Leben zur Hölle gemacht haben.

Männer belügen Frauen, um sie ins Bett zu bekommen. Frauen belügen Männer, um nicht mit ihren Männern schlafen zu müssen. War der Beischlaf einvernehmlich und im Sinne der Evolution erfolgreich, bekommt die kleine Mandy ein Brüderchen oder Schwesterchen vom Klapperstorch oder vom Weihnachtsmann. Oder Osterhasen. Und die Kinder geben vor, immer brav gewesen zu sein, um an Weihnachten und Ostern kräftig abzusahnen.

Nun aber zu unseren Volksvertretern, diesem Lügenpack!

Beschwören wir die Lüge nicht herauf, wenn wir von frisch vereidigten Ministern in Talkshows detailiertes Faktenwissen erwarten? Ist es in einer sich ständig verändernden Welt nicht unmöglich, alles zu wissen, zu können, zu tun?

Menschen wie du und ich in die Ämter! Nur bloß nicht so verdammt mangelhaft!
Wir fordern prompte Antworten, die jeder Untersuchung standhalten müssen. Und wir strafen jene, die uns etwas verschweigen, so wie wir die strafen, die uns reinen Wein einschenken. Was wir wirklich wollen, wissen wir nicht. Aber dass wir es wollen, ist sicher, und darauf bestehen wir. Vielleicht ist manch erschummelter Doktor unserer überhöhten Erwartungshaltung geschuldet.

Wenn Politiker stolpern, dann über das Allzumenschliche: die Lüge.

Der Mensch hat nicht nur eine Moral, er hat sogar eine Doppelmoral. Die Lüge unterscheidet Mensch und Tier. Ob beispielsweise Menschenaffen bewusst lügen, ist höchst umstritten. Und für die verblüffende Ähnlichkeit harmloser Wespenschwebfliegen mit der Wespe kann das Tier nichts, aber es beklagt sich nicht und profitiert von dieser Mimikry.

Was kann das Wandelnde Blatt für seine Erscheinung? Was können wir für unsere Synapsen, die den Geltungsdrang mit Phantasie beflügeln? Und was können wir für die, die darauf reinfallen? Die haben selbst Synapsen! Wir sind doch keine Tiere – wir sind Lügner! Die Lüge macht uns aus. Sie ist Motor und Motivation. Niemals Selbstzweck, stets zielgerichtet.

Die Lüge ist ein Kulturgut, ein Nationalheiligtum.
Sie gehört ins Grundgesetz! Staatsziel: Lüge.

Wir brauchen einen Schutzraum, der uns davor bewahrt, dass hinter jeder Schummelei ein Wiki lauert und uns bloßstellt, denn jeder Mensch ist mehr als seine Lügen.

Wer maßt sich an, darüber zu entscheiden, wann eine Notlüge eine Notlüge ist und wo die Not beginnt ? Nur der Lügner kann in einer Welt von Lügnern bestehen. Am besten steht er da, wenn er vorgibt, im Dienste der Wahrheit zu handeln und laut von Moral und Anstand spricht. Ehrlich währt am längsten, Lügner aber kommen am weitesten. Und wenn sie zurückfallen, fallen sie lediglich bis zur Augenhöhe ihrer Richter und Henker, den sogenannten Ehrlichen und Gerechten.

Gibt es etwas Langweiligeres als die Wahrheit? Die Wahrheit ist nicht langweilig, meinen Sie? Welche denn? Ich frage Sie: Worüber würde man in den Nachrichten berichten, wenn nichts mehr ans Licht käme, weil alles durchleuchtet wäre? Wovon sollen Enthüllungsjournalisten leben? Was macht dann Günter Wallraff? Keine Aufklärer mehr, weil alles erklärt ist. Keine Boulevardmagazine mehr, die von Gerüchten, Halb- und Unwahrheiten leben.

Wer die Lüge verbannen will, entzieht uns die Lebensgrundlage. Darum ist es nur schwer zu verstehen, warum Eltern ihren Kindern noch immer Ehrlichkeit predigen und damit das Leben unnötig schwermachen. Akzeptieren wir uns!

Der Mensch lebt, solange er lügt.

Ein dreifach Hoch, Hoch, Hoch!

02/03/11


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