Author: Matthias Schumacher | Date: 2. Februar 2011 | Please Comment!

Sicherlich haben Sie etwas gelernt, einen Beruf, oder Sie befinden sich in der Ausbildung. Dann kennen Sie sich aus in ihrem Fach und können vielleicht tischlern, programmieren, heilen oder etwas anderes Nützliches. Denn: Nützlich sei die Arbeit! Das ist umso wichtiger, wenn sich eine Gesellschaft vordringlich über Arbeit definiert. Gewiß ist die Mehrheit derer, die diesen Artikel lesen, in einem Job beheimatet, dessen Erfolg oder Produkt, dessen Nützlichkeit man messen, wiegen, irgendwie beurteilen kann. Und sicher glauben Sie, ohne Journalismus, Literaturwissenschaften oder Germanistik studiert zu haben, diesen Text bewerten zu können.

Und wäre er Kunst? Wenn ich ihn von den Fesseln des Irdischen losschlüge, befreite und über jede Kritik und alle Gesetze enthöbe?

Das geht doch nicht! Auch Kunst hat ihre Regeln. Kunst kann man lernen. Folglich kann man Kunst auch falsch machen. Fragen Sie die Herrschaften in den Kunsthochschulen, die Kritiker, die Feuilletonisten, die werden Ihnen ihren Bären aufbinden. Wie Kunst geht, wissen sie ganz genau.

Ist jeder Pianist ein Künstler oder erst einmal nur ein Handwerker? Was unterscheidet beide von einander? Unterscheidet sie etwas? Was ist der Stoff, aus dem die Kunst ist?

Versmaß, Quintenzirkel, Farblehre… Vergessen Sie das alles! Ästethik und Harmonie sind diktatorische Systeme, die versuchen, Kunst in ein Korsett zu zwingen. Ihren Lehren zu folgen, heißt sich zu unterwerfen, zu verraten, zu verkaufen.

Seit 300 Jahren pressen Komponisten ihre Kreativität in 12 Töne. Der Quintenzirkel als Maß aller Melodien. Schmeichelnd fürs Ohr, eingängig zumeist. Aber wo ist da die Freiheit? Ein C ist ein C. 12 Töne stehen zur Verfügung. C, Cis, D, Dis, E, F, Fis, G, Gis, A, B, H. Dann geht es wieder von vorn los: C, Cis… Alle gängigen Melodien sind mit ihnen entstanden. „Over The Rainbow“ und „Hänschen klein“. 12 Töne wie 12 Gitterstäbe. Wir sind behaftet. Nur innerhalb ihres Raumes können wir uns bewegen. Können wir nur? Experimente im für uns unhörbaren Infraschallbereich gäben uns wenig. Unsere Physis zwingt uns, aus dem Hörbaren zu formen. Wer würde gern auf einen unhörbaren Liederabend gehen? Mit einigem Recht würden wir eine solche Offerte unerhört nennen. Heute Abend: „Die Fledermaus“ in Infraschall.

Wer sich einmal an ein Klavier gesetzt hat (kaum jemand kann widerstehen, wenn sich eines in Reichweite befindet), wird schnell festgestellt haben, was harmonisch klingt und was nicht, mag es nun sein, weil wir nichts anderes kennen oder weil es in uns etwas wie eine Harmonie(sehn)sucht gibt. Die Wissenschaft wird Antworten haben. Pfeifen wir für die Länge dieses Textes ganz unwissenschaftlich darauf und stellen fest: Wer die Harmonielehre ignoriert, der klimpert unstrukturiert herum. Oder anders: Er betätigt sich wahrhaft künstlerisch. Vielleicht bleibt uns nur Pling-Pling-Boing, wenn wir noch Neues erhören möchten.

Die Möglichkeiten des Quintenzirkels sind begrenzt, mathematisch errechenbar. Angesichts der Fülle von Musik, mit der wir dauerbeschallt werden, ist es fraglich, ob es überhaupt noch neue Melodien zu entdecken gibt. Und es wundert wenig, wenn uns manches bekannt vorkommt. Sogenannte Plagiate sind vorprogrammiert und eine natürliche Folge, wenn die ganze Welt in einem abgesteckten Feld von 12 Tönen nach Hits sucht. Wie oft kann man es durchpflügen und noch immer fündig werden? Ist es überkultiviert?

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz GEMA, verwaltet die Rechte von weltweit über einer Million Künstlern, TV-Anstalten, Radiosendern… Derzeit befinden sich rund 30 Mio. Werke in den Datenbanken der GEMA und ihrer internationalen Schwestergesellschaften. Auf Anfrage teilte man mir mit

„2010 wuchs das GEMA-Originalrepertoire um rund 170.000 neue Werkanmeldungen. Das gesamte, von der GEMA vertretene Repertoire, wuchs um ca. eine halbe Million Werke. Diese Zahlen steigen kontinuierlich.“

Die Ressourcen waren begrenzt, wahrscheinlich sind sie längst aufgebraucht. Von den Stones, Marianne und Michael, von Beethoven, Schostakowitsch, Udo Lindenberg und den Gebrüdern Blattschuss. Moderne und exotische Instrumente können nur darüber hinwegtäuschen, dass aus einem Didgeridoo eben auch nur dieselben 12 Töne zu holen sind wie aus einer Stradivari.

Kein Mensch wird je alle Musikstücke hören können, hin und wieder wird man sagen: „Das klingt ja wie…“ Der sich weltwelt immer ähnlicher werdende Musikgeschmack ist jedenfalls kein nachhaltiger Beitrag zur Vielfalt. Beim nächsten Eurovision Song Contest wird man sehen, wie ähnlich allein die Geschmäcker Europas geworden sind. Ist das noch Kunst? War sie es je? In jedem Fall ist es Kommerz – und es ist gewünscht. Mag dahinter eine Industrie stehen, mag sie Gutes oder Böses wollen, sie liefert und wir konsumieren. Ein Flop, was soll’s! Wieder eine Melodie verheizt.

Wir verprassen das Kontingent für Fahrstuhlmusik und Reklame für WC-Steine. Musik als Massenware für die Warenmasse. Kunst und Kommerz sind schwer zu trennen, wenn sie sich derselben Arbeitsmaterialien bedienen.

Nun können wir ein Bild mit Punkten und Strichen schön oder abstoßend finden, können eine Melodie, die uns wie Krach vorkommt, interessant nennen, aber Gedichte? Die wollen wir bitteschön verstehen, weil sie aus Sprache geformt sind, die wir tagtäglich benutzen, weil wir lesen können. Und es ärgert uns, wenn wir etwas lesen oder hören, es aber nicht verstehen, obwohl uns der Umgang mit dem, was wir da vor uns haben, durchaus vertraut ist. Es ist, als wüssten wir nicht mehr, wo oben oder unten ist. Oben oder unten spielt in der Kunst gar keine Rolle.

Was der Quintenzirkel für die Musik ist, das sind Grammatik und Orthographie für die Sprache. Das Gedicht als Sprachkunststück findet meist innerhalb dieses Planquadrats statt, aber da es weit mehr ist, entzieht es sich der dort herrschenden Gesetzmäßigkeiten. Sprache ist lebendig, ein Gedicht unsterblich.

Der deutsche Wortschatz wird auf etwa eine halbe Million Wörter geschätzt. Er wächst täglich und wird bereichert (gewiss nicht immer sinnvoll). Auch „nice“ reimt sich auf „Preis“. Von neuen Tönen hört man nichts.

Überhaupt ist alles am schönsten, wenn es geordnet und abgemessen ist, nicht wahr? Stichwort Versmaß. Den guten Eindruck des hübschesten Verses kann mit einem Schlag vernichten, wer etwas am Versmaß zu meckern hat. Uns als arglose Leser wäre es vielleicht nie aufgefallen. Wir haben es ganz naiv ansprechend gefunden und es hat uns ein gutes Gefühl gegeben. Aber wenn der Fachmann meint, dass das Versmaß nicht stimme, dann stimmt wohl etwas mit unserem Gefühl nicht. Bis eben hat noch alles gestimmt – bis in die kleinste Unstimmigkeit  – doch nun dieses Versmaß! Wir haben unserem Gefühl freien Lauf gelassen und es wurde jäh in die Schranken gewiesen. Kritiker sind Grenzsoldaten, wie sollten sie Freiheit beurteilen können?

Wir überlassen das Sehen immer mehr den Blinden und Beschränkten, unterwerfen unsere Sicht der Lehre, den Lehrern und Oberlehrern.

Wer ein Buch schreibt, ist frei. Bis der Lektor das Werk zusammen- und zurechtstreicht und in eine Form presst, die den Lesern geläufig, anerzogen und antrainiert ist. Die Kunst verlangt das nicht, aber der Markt. Zeilenvorgabe, Seitenvorgabe. „Hier bitte kürzen!“ Am Ende steht ein Resultat, das sich wunderbar in die Reihe des bisher Dagewesenen fügt. Adrett, sogar der Seitenumbruch stimmt – uns zum Wohlgefallen. Markttauglich.

Was wir sehen, ist zu oft das, was wir darin erkennen und was wir sehen sollen. Es liegt uns, die fachmännische Sicht zu übernehmen, weil sie uns angenehm präsentiert wird und wir es schwerlich besser wissen können. Und wer zeigt sich nicht gern fachkundig? Die Frage „Was will uns der Künstler damit sagen?“ macht Kunst zum Gebrauchsgegenstand und entzaubert, sobald sie beantwortet wird. Was bleibt, ist ein verpuffender Aha-Effekt.

Wenn wir ein Gedicht, wenn wir Kunst ausschließlich als einen Weg der Kommunikation verstehen, befinden wir uns in einer Sackgasse. Wenn wir glauben, dass wir das, was uns der Künstler mitteilt, unbedingt verstehen sollen, weil wir es verstehen wollen, dann haben wir nichts verstanden.

Wissenschaft kann Kunst analysieren, Kunst zu gebären, wird ihr nie gelingen. Künstler brauchen mehr als Wissen und Handwerk, sie brauchen Eingebung, Muse. Maschinen sind nur so kreativ wie die, die ihnen etwas eingegeben haben. Und wer sich eintrichtern lässt, was Kunst sei, wird zur künstlichen Intelligenz. Glauben Sie mir!

Text inspired by Udo Jürgens

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