Author: Matthias Schumacher | Date: 11. Januar 2011 | Please Comment!

Der Container ist verwaist, das Dschungelcamp frisch bestückt und DSDS nimmt Fahrt auf. Die Medienwächter der TV-Nation bieten uns ihr Geleit an. Wir haben allen Grund, es auszuschlagen.

Gern wird von sogenannten seriösen Medien und noch lieber in Talkshows des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens das private Trash- und Ekel-TV gegeißelt. Die Floskeln und Phrasen gegen Big Brother, DSDS, das Dschungelcamp und diverse Doku-Soaps sind bekannt, aber selten gut und noch seltener richtig. Man bläst sturm und pfeift das Loblied des guten Geschmacks – und ganz nebenbei auf den Bildungsauftrag, indem man Kulturelles auf Mitternacht oder in Spartenkanäle verschiebt.

Es scheint aussichtslos, sich etwa mit Literatur gegen Bohlens Pimmelwitze, infrarotgefilmte Unter-der Decke-Sex und knackige Känguruhoden zu behaupten. Darum versucht man es auch gar nicht erst. ARD und ZDF haben längst keine Eier mehr in den mit Zwangsgebühren prall gefüllten Hosen. Warum das Volk auch behelligen oder gar erleuchten!?

Was uns von den Privaten zusammengeschnipselt serviert wird, ist natürlich nicht die Wahrheit, manches ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer und nicht im Ansatz unterhaltsam.

Wahr sind allerdings die selbstherrlichen Anwälte der vermeintlich geistig Armen, die reich an Geld werden wollen. Ihre Händchenhalter meinen es verdammt ernst. Wenn es von Wertvorstellungen besessene Deutsche ernst meinen, wird es richtig gefährlich. Schariatreue große Brüder wirken dagegen mitunter gehemmt.

Beschützt uns vor denen, die uns beschützen wollen!

Als RTL II vor nunmehr 11 Jahren die ersten Kandidaten in den Big-Brother-Container einziehen ließ, ging ein Ruck durch die TV-Nation. Vielleicht der letzte seiner Art. Bei den einen ging er nach hinten los, tief ins Sofakissen. Zurücklehnen und genießen! Andere fielen fast vom Sofa und vom Glauben ab. Medienexperten, Psychologen, Soziologen, Kirchenvertreter, Politiker, Politiker, Politiker bildeten für uns, die wir noch keine Wutbürger waren, stellvertretend einen Chor: „Wie kann man Menschen nur so vorführen!?“ Manche wagten gar die Formulierung: „Wie kann man sich nur so vorführen lassen?!“ Die Antwort auf beide Fragen ist so einfach wie einleuchtend:
Des Geldes wegen.

Aufgemerkt! Es handelte sich allzeit um mündige BürgerInnen. Wahlberechtigte, Volk, von dem alle Macht ausgeht, Menschen, die Kinder in die Welt setzen dürfen, ohne dass auch nur ein Händchenhalter Einspruch erhoben hätte. Normalos, die unser Land am Hindukusch verteidigen dürften, die grundgesetzlich garantierte Freizügigkeit genießen und dorthin gehen können, wohin auch immer sie wollen. Aber in den Container sollten sie nicht. Am liebsten hätte man ihn verboten. Die Argumente waren viel- und einfältig. Jedes für sich eine Entmündigung.

Natürlich sahen auch Kinder zu. Kinder, denen man erklären musste, dass man bereits in der ersten Staffel 250.000 DM gewinnen konnte, wenn man sich drei Monate lang beim Wohnen zusehen ließ und dieses Wohnen den Leuten am Bildschirm gefiel. Wohnen muss sich wieder lohnen! Guido Westerwelle fand das Prinzip derart spannend, dass er den Zweitbewohnern einen Hausbesuch abstattete. Aber erklären Sie da mal einem Kind das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit! Und erklären Sie ihm, warum auch noch der Guido kommt!

Erstaunlicher als die überlang künstlich am Leben gehaltene Empörung rund um das Häuschen von Hürth ist das Entsetzen über das RTL-Dschungelcamp. „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ Auch hier das Tatmotiv: Geld. Auch hier: Niemand wird gezwungen, niemand im australischen Dickicht festgehalten. Die Händchenhalter und Befreier waren dennoch zur Stelle. Zum einen waren ja die Dschungelprüfungen schon sehr hart, das muss man sagen. Erinnern Sie sich, wie Daniel Küblbock im wahrsten Sinne von der Rolle fiel und mitten auf die Männlichkeit? Darauf hätte er verzichten können. Die Zuschauer möchten den Moment nicht missen. Ebensowenig wie die von Spott und Häme triefenden Kommentare der Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach.

Aber, und jetzt wird es richtig ernst, es gab ja nicht nur C-Promis, die schon immer C waren, und ehemalige Stars, die zu C verkamen und allesamt medial entbehrlich gewesen wären – es waren auch Tiere im Spiel! A-Tiere! Erstklassige Tiere. Lupenrein, unverfälscht und charakterlich einwandfrei. Gewiß, die meisten der aufgebrachten Experten hätte das Getier beim Besuch ihrer blitzblanken Wohnküche mit Insektensprays oder Latschen aus dem Manufactum-Katalog ins Jenseits befördert. Nicht jedoch die auf den Plan gerufenen Tierschützer, an der Spitze der Bund gegen Missbrauch der Tiere.

Zu dieser Zeit wurde unnötiges Töten ein und für allemal für unnötig erklärt. Seitdem isst Deutschland wieder alles auf, was auf den Tisch kommt oder spendet es an Die Tafel. Hier kommt nichts mehr um. Nicht unnötig. Und alle Tage scheint die liebe Sonne.

Natürlich ist das nicht wahr. Keine Aufregung um Container und Dschungelcamp hat je etwas nachhaltig verändert. Die für Händchenhalter bittere Wahrheit zeigt, dass jede öffentliche Rüge und alle Kritik zur besonderen Aufmerksamkeit der Zuschauer geführt hat. Schwand aber die Entrüstung, so sanken die Einschaltquoten. Der provozierte Skandal funktioniert eben nur, wenn sich einer findet, der sich provoziert fühlt. Das geschah im Laufe der Jahre immer seltener.

Medienwächter haben stets einen wichtigen Beitrag zur Popularität der fragwürdigsten Formate geleistet und nicht zuletzt haben sie damit den Trash gestützt. Was sie bewirkt haben, darf ohne Weiteres lächerlich genannt werden: Ein gelegentliches „Piep“, das böse Sprüche übertönt, und Geldstrafen, die aus der Portokasse bezahlt wurden. Der Zuschauer hätte ohne die Zuarbeit der Händchenhalter gerade Big Brother bald als langweilig abgetan. Wenn wir wollen, wissen wir sehr wohl, was gut und schlecht ist. Aber wenn sich so viele ereifern, muss ja was dran sein! Also sah man dem öden Wohnen in IKEA-Möbeln zu, ohne zu bemerken, dass man sich gleich selbst hätte filmen lassen und zusehen können. Man kann nicht sagen, wir seien nicht gewarnt worden.

Und nun also zum achten Mal „Deutschland sucht den Superstar“.
Der Talentschuppen des dritten Jahrtausends hat wiedereröffnet und die Wächter stehen bereit. Die ersten Urteile sind gefallen.

Nur ist allerdings auch nicht alles wahr, was Medien über das berichten, was im Fernsehen als Wahrheit verkauft wird. So kommentiert Jens Maier auf stern.de etwa die erste Folge der aktuellen Staffel:

»Da offenbar kein krebskranker Kandidat auffindbar war, musste am Samstag eben eine krebskranke Mutter her. Die war natürlich davon überzeugt, dass ihr Sohn der neue Superstar werden würde und somit endlich mal weg käme von ihr. Der Zuschauer ahnte schon beim Anblick des Sohnes, was kommen würde: Der Junior war zum Abschuss freigegeben.«

Mensch Maier, Sie haben die Sendung ja verstanden!

Was Maier verschweigt, ist die übrige Wahrheit, und die verschweigt Maier bewusst denen, die es nicht gesehen haben, denn sie passt so gar nicht in das sorgsam plazierte Vokabular von „asozial“ bis „Perversitäten“. Entsorgt man diese Satzbausteinchen, gerät alles ins Wanken. Die Wahrheit fällt in diesem Fall besonders schwer ins Gewicht: Nach dem Vorsingen lieferte der gescheiterte Kandidat Stefan Simon ein lässiges Statement ab, das natürlich von einer gewissen Enttäuschung zeugte, aber entwaffnend im Raum steht:

»Gibt Schlimmeres. Was will ich denn mehr? Ich hab‘ den Herrn Bohlen live getroffen, ich hab‘ denen die Hand gegeben, ich hab‘ mich bedankt. Das war für mich ein einmaliges Erlebnis, da oben zu stehen. Selbst wenn man nachher im Fernsehen durch den Kakao gezogen wird, ich schäm‘ mich absolut nicht dafür, ich bin stolz drauf.«

Die Medienaufsicht wird sich weiterhin ereifern und dafür gefeiert werden, sie wird die Hände schützend über gequälte quäkende Teenager ausbreiten, die die letzte Staffel gesehen haben, die wissen, was DSDS ist und wie es funktioniert, die alle Medien gekonnt nutzen werden, um selbst als Verlierer für Sekunden Sieger zu sein. Nachdem der böse Drache Dieter Feuer gespien hat, werden einige wie Phönix aus der Asche aufsteigen und durch Dorfdiscotheken flattern und vielleicht mehr Geld verdienen als der oder die Siebtplatzierte.

Ihr Wächter, nehmt sie ganz fest an die Hand und steckt sie nebst ihren Eltern, die das alles zuließen, in den Container! Und vergesst nicht abzuschließen – von innen!

Foto: fabi_k, mkorsakov, seandigger

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