Author: Matthias Schumacher | Date: 2. Januar 2011 | Please Comment!

»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Längst ist Helmut Schmidts Empfehlung an Willy Brandt aus dem Jahre 1980 zum geflügelten Wort geworden, das Rationalisten den Träumern nur allzu gern ins Stammbuch schreiben. Worte, die wie Ketten um unsere Fußgelenke wirken, geschmiedet an den kalten Boden der Tatsachen. Wen wundert da unser unterkühltes Verhältnis zur Phantasie!?

Wir leben in einer Zeit der knallharten Fakten, wo viele ganz klar zu glauben wissen, was geht und was nicht geht – und alles beweisen können. Träume? Bitte! Aber bitteschön nur im Rahmen des wissenschaftlich Möglichen, des Relevanten, basis-demokratisch Beschlossenen und vor allem: Finanzierbaren. Träume, die auch nur gegen eine dieser Grundbedingungen verstoßen, werden verbannt wie jene, die sie zu träumen wagen. Träume müssen denkbar sein, Träumer Realisten. Die Realität ist radikal. Wir setzen ihr gezähmte Träume entgegen.

Antike Superstars – damals und heute

Wir knien auf dem Boden der Tatsachen, beten ihn an und beten die an, die ihn anbeten. Wir hängen an den Lippen der Experten und Spezialisten, der Fachidioten, Visionslosen, Orientieren und Desillusionierten. Rudi Carrell lässt schon lange keine Wunder mehr möglich werden – und keine Träume wahr. Vier Jahre lang hoffte eine ganze Nation, dass sich die hässliche Putzfrau mit dem Kopftuch und dem seltsamen Dialekt, die um uns herumwedelt, als Rudi entpuppt, der uns einmal im Leben Traktor fahren lässt oder ein Rudigramm singt. Ähnliche Fernsehformate folgten, Carrell blieb unerreicht. Freilich, wir waren immer weniger überrascht, weil wir rundum aufgeklärt sind. Jede Kopftuchputzfrau wird sofort als Teilzeitkraft mit Migrationshintergrund entlarvt. Ja, wir kennen die Welt!

Fast vergessen, dass in jener Carrell-Show jeweils fünf Nachwuchstalente auftraten, die in einem Wettbewerb echte Gesangsstars imitierten. Deutschland fieberte mit ihnen und mancher startete anschließend gar eine erfolgreiche Karriere. Natürlich ganz bodenständig und auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Sowas gefiel uns damals.

Auch heute noch möchte mancher Superstar werden. Der Traum lebt – staffelweise. Dieter Bohlen treibt ihn Jahr für Jahr rund 30.000 Bewerbern aus. Dass viele Bohlen dafür vergöttern, ist symptomatisch für unsere Zeit und ein gutes Beispiel für Schmidtsche Visionsverachtung. Liebten wir vor 20 Jahren noch die Traumerfüllung, lieben wir heute die Traumzerstörung. Jedoch einer wird auch in diesem Jahr den Traum vom Superstar einige Wochen leben dürfen. Bis er, wie alle „Superstars“ zuvor, auf den Boden der Tatsachen schlagen wird oder gleich bis zur 9live-Moderatorenhölle durchrast.

Der Boden der Tatsachen, manchmal ein Schlachtfeld

Dieser Boden ist durchaus fruchtbar, da gedeiht manches, das Getreide für unser täglich Brot etwa. Und mitten durch unsere gentechnikfreien und fortschrittsfeindlichen Stopp(el)felder mäandern Straßen mit zahllosen Stoppschildern, die uns im Stop-and-Go zur betriebsratbeaufsichtigten Arbeit bringen, wo sich nichts verändern darf. Wehe den Arbeitgebern, die Visionen haben!

Der Alltag bedrängt uns und Fakten stürmen auf uns ein. Der Lebensraum der blauen Blume, deren Duft uns Zeit und Raum überwinden hilft, wird immer weiter eingeengt. Sie lebt in jedem von uns und blüht nur, wenn wir sie dicht genug an die Sonne bringen, wenn wir bereit sind, zu fliegen, auch auf die Gefahr hin, dass unsere Flügel schmelzen. Ikarus.

Eines der letzten Felder unserer Träume ist das Fußballfeld. Wenn andere rackern und wir am Bildschirm Meister oder gar Weltmeister werden können, dann ist das wie alle christlichen Hochfeste und Winterschlussverkauf zusammen. Wir müssen nichts tun, man tut uns nichts an und doch tut sich was. Wir können siegen. Träume sollten nicht zu anstrengend sein – für uns. Ohne auch nur einen Flügelschlag emporzusteigen, das ist es! Mit Argwohn schauen wir auf jene, die uns zu überflügeln suchen, die etwas riskieren und für eine wirklich gute Sache ein Stück unseres Wohlstands aufs Spiel zu setzen bereit sind. Kein Spiel – ohne Einsatz. Aber bloß kein Gezocke! Traumhaus mit Bausparvertrag. Lottoglück – staatlich reguliert. Der Schornsteinfeger hat sein eigenes Monopol. Manchmal sind wir aber auch tollkühn und kaufen uns auf dem Jahrmarkt ein paar Lose. Welch ein Thrill! Günther Jauch tauscht Million gegen Faktenwissen. Wir lieben es.

Und das Feld der Ehre, auf dem wir einmal so wahnsinnig führend und vom Wahnsinn verführt waren? Wir haben irre Höhenflüge gegen irdische Himmelfahrtskommandos eingetauscht.

Dichter, Denker, (moderne) Henker

Deutschland, das einmal Heimstatt von Dichtern und Denkern war, es war auch das Land der Romantiker, der Visionäre und etlicher Spinner. Heile Welt gab es nie. In den vergangenen 5000 Jahren Weltgeschichte nur 200 Jahre Frieden. Sehnsucht ist legitim. Hoffnung tut Not. Es gibt Grund genug, sich für die Dauer einer »Traumschiff«-Folge zu verflüchtigen. Fast 9 Mio. Zuschauer schipperten am Neujahrstag nach Bora Bora. Und schon im März ist wieder Stadl-Zeit! Mit Humtata zur heilen Welt.

Boden der Tatsachen: Formulierung aus einer Zeit, da man Geständnisse noch mit Folter erzwang. Wenn der Beschuldigte die Untat zugab, war er auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Zeiten sind hierzulande vorbei. Einige Zeiten sind vorbei. Wer heute, wie Reinhard Mey Ende der 80er Jahre, das Wort »Hoffnung« an die Mauern seiner Zeit sprühen möchte, der sprüht es an die Pinnwand bei Facebook, wo es steht und steht und schneller und besser und länger als sonstwo überlesen, übersehen und vergessen wird.

Gerade das Internet ist der ideale Raum, um jede Seifenblase solange zu deformieren, bis sie völlig fluguntauglich ist – oder platzt. Wer abzuheben versucht, bekommt in High Speed und Real-time die Flügel gestutzt und schließlich kalte Füße, weil man ihn knietief in Links betoniert wird. Das Internet ist die größte Traumvernichtungswaffe aller Zeiten. Dass man mit seinen Visionen zum Arzt gehen solle, zählt zum Harmloseren, was man sich anhören muss. Im Netz sind Flügel hinderlich, hier kommt nur weiter, wer ein dickes Fell hat.

Wir müssen es doch auch wirklich besser wissen – seit Ikarus – oder spätestens seit die einschlägig bekannte »Ein bisschen Frieden«-Sängerin Nicole eindringlich warnte: »Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund, die Sonne brennt dort oben heiß. Wer zu hoch hinaus will, der ist Gefahr.« Selten war Schlager sozialdemokratischer. »Brüder zur Sonne, zur Freiheit«? Flügellahm beschreitet die SPD »Seit an Seit« rote Erde. Auf den Lippen: Immer wieder die alten Lieder. Nach 1920 hat man von Sozialdemokraten wenig Neues gehört.

Trotzige Götter und halbe

Welch ein Glück für uns, dass Otto Lilienthal weder Helmut Schmidt noch Nicole kannte und ihn auch die Lehre des Ikarus nicht abhielt, seinen Traum zu leben. Wahrscheinlich hätte sie ihm das Leben gerettet, aber ohne Lilienthals Beobachtungen und Erkenntnisse, seine wesentliche Grundlagenforschung, ohne seinen Mut und seine Entschlossenheit hätten die Brüder Wright womöglich nie in nur 12 Sekunden mit einem Hopser die Welt verändert. Die Dauer des ersten Motorflugs. Ohne Lilienthal wäre Deutschland vielleicht nie von den Nazis befreit worden. Weihnachtsshopping in New York und Wochenendtrips zum Ballermann – undenkbar. Die Schattenseite der großen Vision: Hiroshima, der 11. September 2001 und, und…

Der Himmel gehört den Träumern, den Göttern. Die Welt den Halbgöttern, die mäkeln und uns nichts zu bieten haben als Fakten, Daten und Prognosen, die so austauschbar sind wie unbedeutend. Sie diagnostizieren und doktorn an uns herum. Manchen würden sie nur zu gern einweisen lassen. Der Befund »Visionen« wiegt schwer.

Dennoch gibt es sie, die trotzigen Weltenwanderer. Die Lilienthals, die sich vom Boden der Tatsachen in die Lüfte schwingen. Es sind wenige, waren immer wenige und werden immer weniger.

Helmut Schmidt hat uns in Ketten geraucht. Mit blauem Dunst die Himmel verhangen. Nach 30 Jahren reißt jede Wolkendecke auf. Die Sonne … !


Foto: Schmidt (photimage), Carrell (alexanderwrege),
Bohlen (Blecmen), Street Art (jm2c)

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