Author: Matthias Schumacher | Date: 17. Dezember 2010 | Please Comment!

Meinen ersten Samenerguss bekam ich ohne jedes Zutun. Er kam von selbst. Da war keine bewusste sexuelle Handlung. Allenfalls handelten sie mit mir. Sie fragten nicht, sie taten. Hormone sind gnadenlos. Ich fühlte mich auserwählt und bildete mir einiges darauf ein. Ich sollte nicht nur in knapp zwei Jahren Thälmannpionier werden, sondern auch allmählich erwachsen. Pubertärer Stolz auf etwas, das mir die real existierende Natur in den Schoß gelegt hatte. Genausogut hätte ich stolz darauf gewesen sein können, geboren worden zu sein.

50 Jahre zuvor wäre mein baldiger Eintritt in die Hitlerjugend von mir wohl ähnlich euphorisch herbeigesehnt worden. Und diesen Erguss – ich hätte ihn auch zu dieser Zeit bekommen. Mein Körper wäre ebenso bereit gewesen, kleine Sozialisten wie kleine Nationalsozialisten zu zeugen. Die Natur interessiert das Politische nicht. Für sie zählt allein die Fortpflanzung, die Arterhaltung. Sie ist brutal in der Durchsetzung ihres Willens. Der Mensch vermehrt sich auch in Unfreiheit. Wäre es anders, es gäbe ihn nicht mehr. Vermehrt er sich nicht gerade dort besonders stark, wo er eingegrenzt, unterdrückt, arm und in seinen Rechten beschnitten ist?

Das Gonadotropin-Releasing-Hormon, das die Hirnanhangsdrüse zur Produktion des luteinisierenden und des follikelstimulierenden Hormons stimuliert, hatte bei mir ganze Arbeit geleistet. Aber meine Erweckung war bei Gott nichts Besonderes und machte mich zu niemand Besonderem. Sie machte mich gewöhnlich. Degradierte das verträumte Königskind zu einem jungen mageren Stück Menschenfleisch, zu einem Haufen chemischer Elemente wie Milliarden anderer auf der Welt. Was ich in dieser Nacht erlebte, das erlebten in jeder Nacht Abermillionen. Eben noch im Himmel, schlug ich nun metertief in den Boden der Erkenntnis.

Die Zeit der Peinlichkeiten und Heimlichkeiten trug ich ohne Fassung und schon bald dachte ich: Das kann’s doch nicht gewesen sein! Mit 17 erlebte ich, dass da tatsächlich mehr ist, doch nach den ersten nackten Tatsachen setzte bald wieder dieses Gefühl von Leere und Sehnsucht ein. Schnell war der Rausch verflogen und der nüchternen Betrachtung folgte die Ernüchterung.

Mit 22 dann: Ein anderes erstes Mal, ganz anders, wenig später ein weiteres, aber doch gleich und immer wieder gleich. Wechselnde Partner sind nur Nuancen. Das Gefühl ähnelt sich und ähnelt sich von Mal zu Mal mehr, die Technik, die „Mechanik“, wie sie Hellmuth Karasek so treffend bezeichnete, variert. Geringfügig. Spielarten sind eben nur Versionen ein und derselben Sache, desselben Spiels. Manches ist Abart, manches Sensation, anderes Perversion, vieles Illusion. Meistens ist es irgendwo dazwischen. Mittelmaß. Damit kann man leben.

Das Leben ist ein stinklangweiliges Metermaß. Wir schreiten es pflichtbewusst ab. Jahr für Jahr. Vorwärts. Was wir Rückschläge nennen, ist bloß ein Gefühl, nichts wirft uns zurück. Wenn wir heute in einer Sache scheitern, sind wir doch weiter als gestern. Seit 160 Millionen Jahren muss der moderne Mensch da durch.

Als ich 25 wurde, fiel ich in die Midlife Crisis. Die große 30, vor der sich viele so sehr fürchten, nahm ich widerschpruchslos an, aber 25, das traf hart. Zu wissen, dass man bereits alles gesehen und alles Wesentliche erlebt hat, dass ein Drittel vorbei ist und dass das, was da kommen mag, einen nicht vom Hocker hauen würde, waren Schläge, die man sich merkt.

War’s das? Job, gelegentlicher Beischlaf, vielleicht ein Hobby und ein Haustier – und wenn das eingeht, das nächste? Soll das alles gewesen sein?

Weihnachten. Silvester. Wieder ein Jahr rum. Vor fast genau einem halben, an meinem Geburtstag, dachte ich dasselbe. Wenn es das Leben auch nur ein einziges Mal gut mit mir gemeint hat, dann als es sich entschloss, mir einen Geburtstag um die Jahresmitte zu schenken. Ich brauche diese Erholungsphase zwischen Depression und Depression.

2010. Ein Jahr wie jedes Jahr. In Länge, Höhe, Weite gleich. Ausreißer nach unten und oben. Kaum spürbar. Was haben diese 365 Tage gebracht, die man nun in Jahresrückblicken wieder und wieder und wieder Revue passieren lässt? Der Blick zurück im Zorn, der Blick voraus. Der Mensch ist so kitschig romantisch wie eh und je. Ein gutes Zeichen? Kein Zeichen. Reine Feststellung. Vielleicht ist ein Jahresrückblick sowas wie eine kleine Generalprobe für jenen letzten Film, der vor unserem inneren Auge ablaufen soll, wenn es mit uns zu Ende geht.

Nun denn…

Assange und Assauer. Eyjafjallajökull hat den Flugverkehr lahmgelegt und die Katzenberger das letzte Fünkchen Niveau ausgeblasen. Wir sind einmal mehr nicht Fußballweltmeister geworden, zahlen Steuern wie eh und je und Guido Westerwelle wird ausgegrenzt. Integration sieht anders aus. Er hatte nie eine Chance. Wo sind die guten Menschen, die Kröten über die Straße tragen, Bahnhöfen die Treue geloben und Juchtenkäfer schützen, wenn ein Mensch wie Guido in Not ist?

Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen, Arm und Reich, Reich und Schön. Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Der Papst ist noch Papst. Zehntausendfacher Missbrauch konnte ihm nichts anhaben. Silvio Berlusconi wird vielleicht sein Nachfolger. Unfehlbarkeitsgene haben beide und der neue Pate Roms müht sich unredlich, sie weiterzugeben. Bunga, Bunga! Obama hat seine Unschuld verloren. Pleite-Griechen, Pleite-Iren, der Bundesadler wird von seinem Horst verlassen. Mit sofortiger Wirkung.

Und wäre das alles anders? Was dann? Wen würde es berühren? Hätte es Auswirkungen auf uns? Was wäre gewesen, wenn uns andere regiert hätten? Die breite Masse hätte bei der großen Inventur am Jahresende sagen müssen: Noch immer fehlen Tassen im Schrank. Alles im Lot und aus dem Ruder. Es läuft wie es läuft. Es läuft ja.

Soll das alles gewesen sein? Ist das wirklich passiert? Und wenn das nun jemand liest und nach Washington kabelt?

Meine Damen und Herren, das ist längst geschehen. Aber keine Sorge:
Ich habe alles so stark übertrieben, dass mir kein Mensch glauben wird.
Und übrigens: Ein solches Land, wie wir es hier haben, mit so viel Reichtum und so wenig echter Armut, mit solchen besitzstandswahrenden Gutmenschen, mit solchen Stars und Sternchen, solchen Politikern, Brunnenvergiftern und Wettermännern, ein Land mit solchen Autoren, Künstlern, Lesern… das hätte sich längst abgeschafft. Ich will auch gerne öffentlich bekennen, dass ich die ganze Geschichte von A-Z erlogen habe, den Thälmannpionier, den Guido, ja mich selbst habe ich erfunden.

Wahr an der ganzen Sache ist nur der Anfang, der Samenerguss.

Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen,
die Träume, die wir spinnen,
und die Sehnsüchte, die uns treiben.
Damit wollen wir uns bescheiden.*

Frohes Fest und ein glückliches neues Jahr!

Foto: cgommel

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