Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Dezember 2010 | Please Comment!

Vor 30 Jahren wurde John Lennon erschossen. Der Weltstar, der Megastar, der Weltverbesserer, vor dem die Mächtigen erzitterten, der wegen seiner Kampfansage gegen den Vietnamkrieg Präsident Nixon zur Weißglut brachte und daraufhin vom FBI überwacht wurde.

Lennons Beispiel hat Schule gemacht. Immer wieder engagieren sich Stars und Sternchen für etwas, wovon sie glauben, dass es ein Aufbegehren wert sei. Auch hierzulande. Die derzeit wohl bekanntesten Lennons Deutschlands werden von der Feuchtgebieterin Charlotte Roche und dem Schauspieler Walter Sittler dargestellt. Während die eine im Wendland todesmutig vor die Kameras der Boulevardjournalisten sprang, redete der andere in Stuttgart gegen Wasserwerfer an – und redet und redet.

Der Bundestagsabgeordnete und Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, ließ sich angesichts Sittlers Einsatz gar zu einem Vergleich hinreißen, der in seiner Art sonst nur Politiker und andere Polemiker trifft: „Sein Vater war Nazi-Funktionär und arbeitete für Reichspropagandaminister Joseph Goebbels“, Sohnemann Walter Sittler sei „Propagandist der S-21-Bewegung“. Sippenhaft. Sowas sitzt. Thomas Strobl ist kein Nixon und Sittler bestenfalls ein Teilzeit-Lennon, aber für die Dauer eines Wimpernschlags roch es am Neckarstrand nach Watergate und innerem Reichsparteitag.

Die Flitterwochen im März 1969 verbrachten John Lennon und Yoko Ono im Bett. Für den Frieden. Öffentlich. Eine Woche lang. Das sogenannte „Bed-In“ – ein internationales Medienereignis. Intimes und Interviews. Standpunkte im Liegen. Prokastination, nein danke! Nichtstun! Wer (bei)schläft, sündigt nicht. Wachrütteln im Schlafgewand.

Deutschland Ende 2010: Zehntausende im Gleisbett. Wo vor 175 Jahren die erste Eisenbahn fuhr (wir feiern dieser Tage), wo vor 72 Jahren die ersten Juden deportiert wurden (wir gedenken alle Tage), rollen nun Castoren  – immer mal wieder. Und Bahnöfe verweilen regungs- und schutzlos am Rande. In Stuttgart seit etwa 16 Jahren. Die Sittlers und Roches interessieren zwar nicht die Weltpresse, aber die Kanzlerin allemal. Doch ob sie sich im kollektiven Bewusstsein für 30, 40 Jahre festsetzen werden, ist fraglich. Die große Linie ist manchmal nur ein Abstellgleis.

Protest, na klar. Protest, jederzeit! Damit so etwas nie wieder passiert. Yoko Ono und John Lennon wären wohl im Bett geblieben. Denn unter etwas wie Weltfrieden haben sie es nie gemacht. Und den haben wir noch immer nicht. Imagine!

Dieser Artikel erschien zuerst auf jetzt.de der Süddeutschen Zeitung.

Foto: eesti

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