Author: Matthias Schumacher | Date: 4. Dezember 2010 | Please Comment!

Amelie Fried: Moderatorin und Bestsellerautorin. Ab 1984 präsentierte sie „Live aus dem Alabama“ beim BR. Später konnte man die Tochter eines Verlegers und einer Buchhändlerin als Gastgeberin von „Stern TV“ und „Live aus der Alten Oper“ sehen. Von 1998 bis 2009 moderierte Amelie Fried neben Giovanni di Lorenzo die Talkshow „3 nach 9“. Ihre TV-Arbeit wurde u.a. mit dem Grimme-Preis und dem Bambi ausgezeichnet. Seit Mitte 2009 moderiert sie an der Seite von Ijoma Mangold im ZDF das Literaturformat „Die Vorleser“. Und dann wären da noch ihre eigenen Bücher, allesamt Kassenschlager, von denen bereits sechs verfilmt wurden. Interview:

Matthias Schumacher: Frau Fried, wie steht es um das deutsche Buch?

Amelie Fried: Ich konnte ja nicht die ganze, umfassende Jahresproduktion aller deutschen Verlage lesen, insofern bleiben das nur Stichproben. In diesem Jahr gab es aufstrebende junge Autoren (Rinke, Horzon, v. Uslar, Mora uvm.), die amüsante und anregende Bücher geschrieben haben, es gibt die Etablierten wie Muschg und Mosebach (mit denen ich persönlich nicht viel anfangen kann), es gibt die ganze Palette von unterhaltender Literatur, die ihr Publikum hat, ebenso wie die Ratgeber, (Auto)-Biographien und Sachbücher mehr oder weniger bedeutender Zeitgenossen – die Auswahl ist groß, jeder kann etwas finden, was er mag, insofern steht es wohl nicht so schlecht ums deutsche Buch, sofern man Bücher als ein Medium betrachtet, dessen Aufgabe es ist, Leser zu finden.

MS: Die Buchmessen melden Rekord auf Rekord. Nie zuvor wurde so viel geschrieben und so wenig gelesen, auch weil man gar nicht alles lesen kann. Wer blickt da noch durch?

Fried: Es muss halt jeder für sich einen Weg durch diesen Dschungel finden, dafür gibt es jede Menge Buchbesprechungen in der Presse, auf Internetplattformen und in TV-Sendungen. Wer Informationen über Bücher sucht, hat die Möglichkeit dazu.

MS: Mal ehrlich, Frau Fried, wirken Literatursendungen nicht auch auf Sie manchmal sehr betulich?

Fried: Als Moderatorin einer Literatursendung werde ich einen Teufel tun, Ihnen diese Frage zu beantworten!

MS: Sie sind bekennende Autorin von Unterhaltungsliteratur in einem Land, das sich literarisch gern in der Tradition der Hochliteratur sieht. Wann kommt Ihr 1000-Seiten-Schinken mit halbseitigen Schachtelsätzen à la Tellkamps „Turm“?

Fried: Keine Sorge, ich kenne meine Grenzen. Ich kann unterhaltsame Geschichten erzählen, und genau das werde ich auch weiterhin tun. Dass ich Literatur beurteilen kann, befähigt mich nicht automatisch, welche herzustellen. Meine persönliche Schmerzgrenze liegt übrigens bei ca. 400 Seiten – beim Lesen (mit einigen Ausnahmen) und beim Schreiben.

MS: Dann müsste der letzte Harry Potter mit seinen über 700 Seiten an Ihnen vorbeigegangen sein.

Fried: Ja, aber nicht wegen der 700 Seiten, sondern weil ich mit Fantasy nicht so viel anfangen kann. Ich habe aber einen Teil von Harry Potter dann auf einer langen Autofahrt gehört, das fand ich – gelesen von Rufus Beck – schon sehr unterhaltsam. Aber die über 700 Seiten von David Grossmans Buch „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ habe ich regelrecht verschlungen. Und natürlich auch andere, dicke Wälzer. Die müssen mich aber schon sehr fesseln.

MS: Wo beginnt Unterhaltung trivial zu werden oder Triviales unterhaltend?

Fried: Das muss jeder Leser für sich entscheiden, da sind die Rezeptionsschwellen unterschiedlich. Grundsätzlich erhebe ich mich über kein Genre, alles – auch das Triviale – hat seine Berechtigung. Ich bin für Demokratie in der Literatur – jeder soll lesen, was ihm gefällt.

MS: Vor einigen Wochen kritisierte Thea Dorn im „Philosophischen Quartett“ die „vorauseilende Niveauabsenkung“ im Wortbetrieb. Die Sätze würden immer kürzer und man habe Angst, jemandem noch etwas „zuzumuten“. Als Sie in „Die Vorleser“ den neuen Mosebach besprachen, schien es, als hätten Sie nichts gegen eine einfachere Sprache einzuwenden. Wie hätten Sie’s denn gern?

Fried: Das hängt vom Buch ab. Ich persönlich mag keine prätentiöse Sprache, die sich eitel spreizt und ihre Kunstfertigkeit ausstellt – das ist mein Problem mit Mosebach. Deshalb muss ein Buch für mich noch lange nicht aus Drei-Wort-Sätzen bestehen. Aber eine gelungene, literarische Sprache ordnet sich der Geschichte unter und versucht nicht, sie zu übertrumpfen.

MS: Unlängst wurde die Verfilmung Ihres Bestsellers „Rosannas Tochter“ mit Veronica Ferres in der ARD zum Quotenhit. Hätte es Sie nicht gereizt, eine Gastrolle zu übernehmen? Angelnd wie Siegfried Lenz im „Feuerschiff“. Oder lieber strickend?

Fried: Wie gesagt: ich kenne meine Grenzen. Ich bin als Schauspielerin restlos unbegabt, also könnte das nur eine Komparsenrolle sein. Aber was soll reizvoll daran sein, einmal durchs Bild zu gehen oder irgendwo in der Ecke zu sitzen und zu stricken? (Wobei ich betonen möchte, dass ich hervorragend stricken kann!)

MS: Sie haben immerhin Theaterwissenschaften studiert und in freien Theatergruppen gearbeitet.

Fried: Die Performances unserer Theatergruppe hatten mit klassischer Schauspielkunst sehr wenig zu tun, das waren mehr so experimentell angelegte Werke. Also, ohne Koketterie: es treibt mich weder auf die Bühne noch vor die Kamera.

MS: Wie groß ist Ihr Ärger, wenn Glücksbuchschreiber, Bekehrer und andere Gurus über Monate die Bestsellerlisten verstopfen?

Fried: Das ist mir herzlich egal. Wenn es ein Publikum für diese Bücher gibt – bitte schön. So lange es auch die anderen Bücher gibt, ist das für mich kein Problem.

MS: Welches Buch möchten Sie in diesem Jahr am liebsten ungelesen machen?

Fried: Geärgert habe ich mich über Adam Thirlwell, „Flüchtig“. Das sind schwülstige Altherrenphantasien, geschrieben von einem 30jährigen in einer gezierten, altmodischen Sprache – sowas brauche ich persönlich nicht, und wenn es angeblich hundertmal Literatur ist.

MS: Vielleicht ein Männerbuch? Ihr Moderationspartner Ijoma Mangold war begeistert von diesen Phantasien. Gönnen Sie den Kerlen doch wenigstens noch diesen Spaß!

Amelie Fried: Ich gönne jedem Kerl seinen Spaß, solange er mir meinen gönnt!

Vielen Dank für das Interview!


Linktipp: Homepage Amelie Fried, ZDF „Die Vorleser“

.

Foto Fried: Annette Hornischer

04/12/10

 


Leave a reply!