Author: Matthias Schumacher | Date: 1. Oktober 2010 | Please Comment!

Die Mahner und Warner vor der deutschen Einheit waren so zahlreich, wie vorher die Apologeten des Sozialismus. Sie sind bis heute nicht verstummt, obwohl sie die Wirklichkeit längst widerlegt hat. Deutschland ist zusammengewachsen, es ist weder nach rechts abgedriftet, noch sonst wie zu einer Gefahr für seine Nachbarn oder die Welt geworden. Im Gegenteil, die deutsche Vereinigung wurde zum Startpunkt für die Vereinigung Europas. Wer hätte das vor mehr als 20 Jahren auch nur zu träumen gewagt? Ich kenne außer den Freunden von Charta 77 in der damaligen CSSR und Peter Brandt in der Bundesrepublik niemanden, der das vorausgesehen hätte.

Noch im Januar 1989 verkündete der damalige Partei- und Staatschef der DDR Erich Honecker, die Mauer würde noch 100 Jahre stehen. Niemand widersprach ihm.

Dann kam bekanntlich alles ganz anders, für manche plötzlich und unerwartet, besonders für Beobachter aus dem Westen.

Unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit hatte sich in fast allen sozialistischen Ländern in den 80er Jahren eine Opposition gegen das kommunistische Regime herausgebildet, die im Laufe des Jahrzehnts immer aktiver und effektiver wurde. In der DDR versammelte sich diese Opposition in den Räumen der Evangelischen Kirche, die einen Freiraum boten, weil hier die Staatssicherheit weder Verhaftungen vornehmen, Versammlungen auflösen, Veranstaltungen verbieten, noch Ausstellungen abbauen durfte. Am Ende der 80er Jahre gab es mehr als 3000 aktive Bürgerrechtler, organisiert in über 300 Gruppen im ganzen Land. Es gab noch mehr Menschen, die einfach nicht mehr in der DDR leben wollten. So kamen zwei Prozesse zusammen, die den Lauf der Ereignisse des Jahres 1989 bestimmten und beschleunigten: die Ausreisewilligen, die erst in westdeutschen Botschaften in der DDR und in anderen sozialistischen Ländern Zuflucht suchten, um ihre Ausreise zu erzwingen. Im Sommer schwoll dieser Strom auf zehntausende Menschen an, die alles stehen- und liegen ließen, um über Ungarn oder die Tschechoslowakei in den Westen zu flüchten. Sie entzogen damit dem Regime jede Legitimation. Gleichzeitig organisierten die Oppositionellen, die das Land nicht verlassen, sondern verändern wollten, immer Aufsehen erregendere Aktionen.

Ein Beispiel ist die massenhafte Kontrolle der Stimmauszählung bei den Kommunalwahlen im Mai durch Bürger, die begannen, ihre rechtlichen Spielräume auszunutzen. Die Demonstrationen gegen die Wahlfälschung zogen sich monatelang hin. Als im Herbst nach der ersten „Montagsdemonstration“, die Anfang September von der Leipziger Nikolaikirche ausging, in rascher Folge in mehr als 30 Städten und Gemeinden Folgedemonstrationen stattfanden, die kurz darauf die Mauer zum Einsturz und das DDR-Regime zu Fall brachten, waren die meisten Beobachter völlig überrascht. Vor ihren Augen hatte sich eine Revolution abgespielt, die alle bislang geltenden wissenschaftlichen Kriterien über den Haufen warf. Keine gut organisierte Minderheit eroberte die Macht und verteidigte sie blutig gegen die Mehrheit. Das Unverständnis ist so groß, dass bis heute die Rolle der unbekannten Maueröffner nicht gewürdigt wird. Kein Politiker war an diesem Prozess beteiligt. Im Gegenteil, die Politik konnte über ein Jahr nur nachvollziehen, was auf der Straße an Tatsachen geschaffen wurde. Am besten hat das Helmut Kohl erkannt, der am 12. Dezember 1989 auf dem so genannten „Kleinen Parteitag“ der CDU in Westberlin sagte: „Nicht wir oder andere in West und Ost bestimmen heute Inhalt, Richtung und Tempo dieser Prozesse. Die Entwicklung in der DDR wird von den Menschen dort gestaltet…“ Helmut Kohl hatte recht. Im Herbst 1989 hat ein Akteur die politische Bühne betreten, mit dem niemand gerechnet hatte, auch die Bürgerrechtler nicht: das Volk.

Es war das Volk der DDR, daran sei hier noch einmal nachdrücklich erinnert, das die Einheit wollte und durchsetzte.

Zu den weitgehend unbekannt gebliebenen Tatsachen gehört, dass zwischen dem 27.Dezember 1989, dem Tag, an dem nach der Weihnachtspause die Montagsdemonstrationen wieder aufgenommen wurden und dem 30. Januar, der Tag an dem der Runde Tisch, der die letzten Wochen der SED-Regierung begleitete, die vorgezogenen Volkskammerwahlen verkündete, dreimal mehr Menschen auf der Straße waren als zwischen dem 9. September, dem Tag der ersten Montagsdemonstration in Leipzig und dem Mauerfall. In manchen Städten waren bis zu Dreiviertel der erwachsenen Bevölkerung auf den Beinen. Diese Menschen hatten nur ein Ziel. Die schnelle Vereinigung ohne Wenn und Aber. Hatte es anfangs auf den Demonstrationen „Wir sind das Volk“ geheißen, so dominierte jetzt der Ruf: „Wir sind ein Volk“.

Die erste und letzte frei gewählte Volkskammer der DDR hatte nur eine Aufgabe in den Augen der Demonstranten, die weiter die Straßen und besonders den Marx-Engels-Platz vor dem Palast der Republik bevölkerten: auf eine schnelle Vereinigung hinzuwirken. Kaum jemals in der Geschichte hat es eine solche Dynamik gegeben, die von gänzlich unorganisierten Volksmassen ausging. Für mehr als ein Jahr wurde die Geschichte nicht von Politikern gemacht, sondern von den Menschen bestimmt, die ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen hatten und ihre Vorstellungen durchsetzten. Für ein paar Wochen waren die Deutschen das glücklichste Volk der Erde. Die Ostdeutschen, weil sie bekamen, was sie wollten, die Westdeutschen, weil sie sich an dem Glück ihrer Landsleute freuten.

Freuten sich alle? Nein. Die Dauerpolemik gegen die deutsche Einheit begann schon mit dem Mauerfall, als sie noch gar nicht auf der Tagesordnung stand.

Die ehemaligen Machthaber der DDR versuchten erfolgreich, sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem sie jede Kritik an ihrer Machtausübung als einen Angriff auf ostdeutsche Biografien umdeuteten und damit die Atmosphäre vergifteten. Sekundiert wurde ihnen von westdeutschen Vereinigungsgegnern, für die der SED-Staat immer das bessere Deutschland gewesen war, schon weil sie ihn selbst nicht ertragen mussten. Die Dauerpolemik gegen die Vereinigung hält seit zwanzig Jahren an. Dabei hat sich die SED-Linke wieder eine „führende Rolle“ erobert. Bürger „zweiter Klasse“ sollten die Ostdeutschen sein, weil sie nicht sofort dieselben Bezüge hatten, wie die Westdeutschen. Kampfbegriffe wie „Kolonialisierung“, „Abbau Ost“, „DDR-Identität“ „Entindustrialisierung“ beherrschen das publizistische Schlachtfeld. Die Linke kann leider sicher sein, dass sie in den Talkshows und Podien, auf deren Sitzen sie seit zwei Jahrzehnten fest angeschraubt ist, kaum auf ihre Verantwortlichkeit hingewiesen wird, wenn sie die hohe Arbeitslosigkeit in den Neuen Ländern anprangert. Es war die SED, die eine restlos ruinierte Volkswirtschaft hinterlassen hat und ein Land, das ökologisch so verwüstet war, dass es an ein Wunder grenzt, dass die Umwelt heute in einem so guten Zustand ist, dass Schüler heute glauben, das wäre so, weil die DDR so umweltfreundlich gewesen wäre.

„Wo sind sie denn, die blühenden Landschaften“ wurde immer mal wieder polemisch gefragt. Nun, wer sich die Mühe macht und die Neuen Länder bereist, kann sie überall besichtigen. Es ist, als hätte man ein Schatzkästlein aufgetan, das lange verstaubt und unansehnlich in der Ecke stand. Städte und Dörfer sind buchstäblich aus Ruinen auferstanden und erstrahlen im neuen Glanz. Die Wunden, die von den totalitären Diktaturen in der Bausubstanz hinterlassen wurden, sind fast verschwunden. Heute muss das ZDF schon in allertiefste ostdeutsche Provinz fahren, um noch einen „kritischen“ Beitrag zur Vereinigung zusammenschustern zu können. Aber selbst in der ehemaligen Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, einem verschlafenen Ackerbürgerstädtchen an der polnischen Grenze, das in der DDR zur ersten sozialistischen Stadt aufgeblasen wurde, mit künstlichen Industrieansiedlungen und Plattenbau auf der grünen Wiese, können so genannte kritische Journalisten nur eine Negativberichterstattung produzieren, indem sie verschweigen, dass diese Stadt ein Kunstgebilde war, das jetzt zum Normalmaß zurückkehrt. Indem sie verschweigen, dass die DDR-Industrie schon vor dem Mauerfall konkurrenzunfähig gewesen wäre, hätte sie sich auf dem freien Markt behaupten müssen.

Wir können uns damit trösten, dass diese Negativberichterstattung das Zusammenwachsen zwar erschweren, aber nicht verhindern konnte. Die Jugend sieht die Vereinigung positiv. Sie hat auch keine Probleme damit, die DDR als Diktatur zu bezeichnen. Was wir erleben, ist wieder einmal ein Sieg der Realität über die Fiktion.

Herr Platzeck wirkt nur noch ewiggestrig, wenn er die Einheit als Anschluss denunziert.

Er muss blind und taub gewesen sein, als seine Brandenburger in Potsdam und anderswo demonstriert haben. Er kann den Einigungsvertrag, über den er als Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer mit abgestimmt hat, nicht gelesen haben.

Lassen wir uns von den Ewiggestrigen die Freude nicht verderben. Brandenburg ist viel zu schön, um auf die Dauer Platzeck und Genossen überlassen zu bleiben. Schon Fontane wusste, dass die Uhren in Brandenburg langsamer gehen. Auf die Dauer kann sich das Land jedoch nicht dem entziehen, was wir heute feiern: ein vereintes Deutschland, wie es sich die Bürger gewünscht haben. Uns bleibt die Aufgabe, diesen Erfolg zu verteidigen.

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Im März dieses Jahres stand mir Vera Lengsfeld
im
Interview Rede und Antwort.

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