Author: Matthias Schumacher | Date: 29. September 2010 | Please Comment!

67 Jahre Alice Schwarzer. 33 Jahre Emma. 92 Jahre Frauenwahlrecht.
Nichts Rundes. Viel Halbes und nichts Ganzes? Ein Herz für Tiere wird in der Bundesrepublik doppelt so häufig verkauft wie das einstige Leitmagazin der Frauenbewegung. Was heißt das für unsere Land? Wo stehen wir, wie geht es weiter mit Jörg Kachelmann und was hat das alles mit Alice Schwarzer zu tun? Ein Zwischenruf.


»Ich war dabei und werde auch in den kommenden Wochen an den entscheidenden Tagen im Sitzungssaal 1 des Mannheimer Landgerichts auf meinem Platz Nr. 26, Reihe 2 sitzen…«

schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog unter »Der Fall Kachelmann, Nr. 6«.
Die fortlaufende Numerierung stellt kein jähes Ende in Aussicht und der übrige Text ist weit von jeder Weichspülung. »Ich war dabei« – endlich wieder irgendwo dabei. Mittendrin. Wie früher. Jeder, der nun Google befragt, wer denn da im »Sitzungssaal 1, Mannheimer Landgericht, Platz Nr. 26, Reihe 2« saß, wird erfahren: Alice Schwarzer. Hurra, sie lebt noch. Ja, sie lebt noch.

Das war lange nicht sicher. Mancher mag gemeint haben, das Nächste, was man in vielleicht 20 Jahren über Deutschlands bekannteste Feministin lesen würde, könne nur ein Nachruf sein. Mancher mag es insgeheim gehofft haben. Weit gefehlt: Alice Schwarzer ist zurück aus Nirwana, bloggt und berichtet für BILD, die sie einst so leidenschaftlich verachtete. Ein spätes Glück, das sie ausgerechnet einem Mann zu verdanken hat, einem Mann, dem schwere Vergewaltigung vorgeworfen wird. Wenn das nichts ist! Endlich wieder Schlagzeilen, stattfinden!

Ende der 70er Jahre hat Emma, deren Redaktion sich vornehmlich aus Alice Schwarzer und ihrem Willen zusammenfügt, noch für eigene große Schlagzeilen gesorgt. Heute, über 30 Jahre später und 150.000 Exemplare je Auflage weniger, ist es schwerer geworden, das an den Mann zu bringen, was der Feminismus in Deutschland, sprich Alice Schwarzer, zu sagen hat.

Damals, man scheut angesichts des überschaubaren Zeitraums beinah das Wort, doch ist es angesichts der rasanten und deutlichen Veränderungen in der Gesellschaft durchaus berechtigt. Nun denn: Damals, als es noch Fronten gab, war Emma an vorderster dabei. Die Initialen auf der Speerspitze hießen A.S.

Deutschland wusste nichts von Klitorisverstümmelung. Der Terror war noch hausgemacht und wurde nicht aus dem Nahen Osten importiert. Emma hat Islamismus und Kopftuch schon damals thematisiert. Unbestrittene Verdienste – und nicht die einzigen. Nicht weniger Umstrittenes. Schwarzers Buch »Der kleine Unterschied und seine großen Folgen« wird dieser Tage 35. Jubiläumsstimmung bleibt aus. Makulatur feiert man nicht. Jahrzehnte und ungezählte immer ähnlicher werdende Debatten später hat man keine Lust mehr. Allzu oft folgte dem Aufschrei die Diskussion und der Diskussion das Nichts. Wir haben ab und zu über alles geredet. Wenigstens das. Es befreit nicht, aber es beruhigt.

Die wesentlichen Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte vollzogen sich vor allem in Wissen, Information und Kommunikation. Berichte über Missstände erreichen uns heute in Sekundenschnelle aus jedem Winkel der Welt. Jedes bestehende und anhaltende Übel kennt man. Alles schon gesehen und dagewesen! Folglich spielt sich das Neueste fast ausschließlich in den Rubriken der Tagesaktualität ab. Kindesmissbrauch und Homoehe – noch immer und immer wieder Themen, die bewegen. Aber dann ist auch mal gut damit. Man diskutiert nur noch, wenn irgendwo grad was passiert oder passiert ist. Grundsätzliches ist nicht unser.

Was aber tun, um sich und bestenfalls Inhalte zu platzieren?
Man begebe sich in den Sitzungssaal 1 des Mannheimer Landgerichts, wähle Platz Nr. 26, Reihe 2, und berichte über einen Prozess, dessen Sensation allein in der Person des Angeklagten besteht. Sonst wäre es ein Vergewaltigungsprozess wie jeder andere. Und wer auf Platz 26 säße, weiß nicht mal Google.

Schwarzers Pakt mit BILD ist nicht zuletzt der veränderten Mediensituation geschuldet. Man stimmt ihr gern zu, wenn sie sagt, es sei nötig, »dass in einem tagesaktuellen, meinungsprägenden Blatt auch die Sicht des mutmaßlichen Opfers ernst genommen wird.« Doch hinter dieser vordergründig journalistischen Position steht eine Positionierung, eine Parteinahme. Letztlich ausschlaggebend für die spätsommerliche Liaison Schwarzer/Springer dürfte aber das Festhalten, Klammern, Krallen der Alice S. an eine Zeit gewesen sein, die man Gestern nennt, eine Zeit, die ihre Zeit war. Loslassen fällt schwer.

Alice Schwarzer hat es schon einmal nicht geschafft. Im April 2008 übernahm die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion der Emma und Schwarzer ging, ging so weit sie zu gehen imstande war. Nur zwei Monate später ging Ortgies. »Zu unserem Bedauern eignet sich die Kollegin nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin« trat Emma in einer dpa-Meldung kräftig nach. Alice Schwarzer eignete sich und feierte ihr Comeback. Wer nicht wirklich geht, ist schneller da.

Noch heute hält sie die Wacht bis am Horizont eine Vorreiterin ihres Schlages auf einer weißen Vespa dahergaloppiert kommt und die Mulde im Emma-Chefinsessel mindestens halb so gut auszufüllen vermag wie die Grande Dame höchstselbst. Es sind bis dorthin gewiß nur sieben Meere, sieben Brücken und eine Dornenhecke zu überwinden. Zur Übergabe hält Alice Schwarzer schon Kamm, Schnürriemen und einen wundersam rotbäckigen Apfel bereit.

Diese Besitzstandswahrung: menschlich nachvollziehbar. Die Schlachten des Feminismus sind in Deutschland weitestgehend geschlagen. Die Stelle der Rädelsführerin – ersatzlos gestrichen. Und Alice Schwarzer tingelt. Mal ruft sie »Hey, Bushido, wie waren denn die Titten damals von deiner Mutter?« Dann geht sie Polanski-Unterstützer an. Abendfüllend ist das nicht. So schwingt sie bis zur Ermüdung aller wie eh und je die Keule gegen 5000 Jahre Patriachat. Sie selbst (ja selbst sie!) konnte es nicht gänzlich abstellen – und ihr wird es wohl auch aus dem Sitzungssaal 1 des Mannheimer Landgerichts, Platz Nr. 26, Reihe 2 nicht gelingen. Wie auch aus der 2. Reihe?

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Foto: schivaelektra

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