Author: Matthias Schumacher | Date: 24. August 2010 | Please Comment!

Sicherlich haben Sie sich noch nie gefragt, welche Nation Hauptabnehmer deutscher Wohnwagen ist. „Die Niederländer“ würde Komikerveteran Mike Krüger in urige Dorfgasthöfe schmettern und damit jede arglos scheinende Kaffeefahrtgemeinde in ein Festival des Froh- und Schwachsinns verwandeln.

Doch indes sich unaufhörlich Horden verarmter Senioren in die Geiselhaft rabiater Rheumadecken- und Topf-Set-Terroristen begeben, veröffentlichte das Statistische Bundesamt unlängst eine Pressemitteilung, aus der hervorgeht, dass es sich beim Hauptabnehmer deutscher Wohnwagen im ersten Halbjahr 2010 um die Niederlande handelt. Wie im Vorjahr.

Das ist die kalte Realität. Und man spürt, dass es richtig war, die letzten drei Renten in eine kuschelige Lama-Gold-Decke investiert zu haben. Wären die Altersbezüge nach 45 Berufsjahren üppiger, hätte man auch noch eine Heizdecke erworben und in bar bezahlt. So allerdings blieb nur der Ratenkauf in 72 Monaten. Geht doch! Aber wo war der versprochene Gewinn, das Pfund Bohnenkaffee, das Päckchen Butter und der elegante Goldschmuck? Sie blieben aus.

Stattdessen die bittere Erkenntnis, dass manche Wahrheit sich als Vorurteil tarnt… Der Holländer und die Wohnwagen. Kein Käse. Und Kaffeefahrten sind auch nicht mehr das, was sie nie waren. Muckefuck. Mucke vom Krüger und viel, viel Fuck. Schuld sind die Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte, denn mehr Rente hieße weniger Schnäppchenjagd, Rheumadecken und anständiger Arabica.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass, wenn der Staat die Tage weiterhin so rücksichtslos kürzt und dem Sommer den Garaus macht, ein Buch auf dem Ramschtisch der Kaffeefahrtgangster landen wird, das ebenso manches Vorurteil vorgaukelt und womöglich nur ein Potpourri aus Wahr- und Klarheiten ist – eingesammelt und herangekarrt von einem Wohnwagenlosen auf Anhängersuche:

Thilo Sarrazin –
„Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“.

Die Verlagsinfo:

Thilo Sarrazin beschreibt mit seiner profunden Erfahrung aus Politik und Verwaltung die Folgen, die sich für Deutschlands Zukunft aus der Kombination von Geburtenrückgang, problematischer Zuwanderung und wachsender Unterschicht ergeben. Er will sich nicht damit abfinden, dass Deutschland nicht nur älter und kleiner, sondern auch dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen wird. Sarrazin sieht genau hin, seine Analyse schont niemanden. Er zeigt ganz konkret, wie wir die Grundlagen unseres Wohlstands untergraben und so den sozialen Frieden und eine stabile Gesellschaft aufs Spiel setzen. Deutschland läuft Gefahr, in einen Alptraum zu schlittern. Dass das so ist, weshalb das so ist und was man dagegen tun kann, davon handelt dieses Buch.

464 Seiten aus dem Hause DVA (Deutsche Verlags-Anstalt, Randomhouse). 464 Seiten für 22,99 EUR (davon muss ein Hartz-IV-Empfänger zwei Tage leben) und nur wenige von ihnen werden sich der Lektüre hingeben oder wissen, wie sie sie verstehen sollen. Deutschkenntnisse helfen ungemein. Fatalerweise stehen Illner, Will, Plasberg und künftig Jauch Gewehr bei Fuß. Öffentlich-rechtlich, von der Erschöpfung über die Ermüdung bis zum Erbrechen werden sie ausgewählte Zeilen und Passagen aus 464 Seiten vortragen, um den Inhalt dieses Buches in Richtung Vorurteil zu drücken. Auf dass eine Einheitsmeinung entstehe!

Nach dem Einschalten folgt die Gleischschaltung. Wer meint, Talkshows würden ergebnisoffen geführt, singt gewiss auch noch das Hohelied der unabhängigen Medien. Es hat sie nie gegeben. Am Pressekodex herumzubiegen, ist in Zeiten der Publikationen von Hinz und Kunz und Jedermann längst Volkssport. Die Leser freut es. Unterhaltsam ist es allemal. Solange es einen nicht selber trifft.

Allerorten Selektion.
Das Aus- und Weglassen – gängiges Stilmittel journalistischer Arbeit.

Schlicht formulierte, zurechtgefilterte, vor allem volksnahe Ansichten und Interpretationen der Publizisten zu Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ werden ihr Ziel und jeden Bezieher von ALG II erreichen, denn er ist von der Zahlung der Rundfunkgebühren befreit. Deutschland ist unsozial – eben auch nur so ein Vorurteil, das nimmermüde gestreut wird.

Alles übrige wird in Blogs und auf Twitter erledigt. Integrationsexperten, SPD-Genossen und andere Gutmenschen befeuern die Kampagne ohnehin. Gesagtes und Gehörtes auf- und abzuschreiben, ist unser größtes Vergnügen. Dabeisein ist alles. Die Kolportage ersetzt die Reportage, Meinung die Tatsache.

Auch Sarrazin meint. Niemand muss ihm glauben. Niemand muss irgendwem irgendwas glauben. Doch Geschriebenes gilt nach wie vor in manchen Fällen als gefährlich. Gefährlich ist es aber nur dann, wenn das Volk dumm genug ist, dieses vermeintlich Falsche, Schlechte, gar Verhetzende für bare Münze nehmen. Dies setzt eine gehörige Portion Dummheit zumindest eines Teils der Bevölkerung voraus. Wir erinnern uns: Vor einer solchen Dummheit hat Sarrazin mehrfach gewarnt. Soll das bedeuten, dass Zuwanderer aus „der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ allem und jedem und jedem alles glauben. Auch ihm? Und die Unterschicht?

Finden wir die Antworten in seinem Buch? Oder treffen diejenigen den Nagel auf den Kopf, die heute so souverän tun, die das Werk ungelesen vor der Veröffentlichung  in der Luft zerreißen? Oder sind sie lediglich nach Applaus heischende Rattenfänger, die über ihre eigenen Denkmuster hinauszukommen nicht imstande sind? Jeder sollte sich von Zeit zu Zeit selbst auf den Prüfstand stellen.

Deutschland kann schreien und schreiben, doch bis zum Lesen und Verstehen ist es ein weiter Weg. Lassen wir den vorgekauten Brei der alten und neuen Medien aber unbeachtet, so bestimmen wir ganz allein, was uns schmeckt und was nicht. Der Versuch einer neuen gesunden Autonomie sollte wieder gewagt werden.
Es wird zuviel geglaubt und zuwenig gewusst.

Wahrheiten, Sichtweisen und Moralvorstellungen. Wer kennt schon ihre Zahl! ?
Ob was wir heute glauben, tun oder unterlassen richtig ist, werden wir vielleicht erst in zwanzig Jahren beurteilen können. Dann wenn wir nicht mehr so verdammt betroffen sind. Oder glauben, es zu sein. Oder meinen, es sein zu müssen.

Durchaus denkbar, dass es sich lohnt, in einigen Jahr(zehnt)en, wenn der Pulverdampf verzogen ist, erneut in Sarrazins Buch zu blättern, um festzustellen: da und dort hatte er recht. Gleiches gilt für die Schriften seiner Kritiker.

Denken und urteilen wir ausnahmsweise mal wieder selbst und entscheiden wir eigenständig, ob wir belogen und betrogen werden sollen – oder ob wir uns selbst belügen. Wir sind mündige Kaffeefahrer. Thilo Sarrazin will etwas verkaufen. Uns etwa für dumm? Nach 464 Seiten sollten wir es wissen. Oder überlassen Sie Ihre Meinungsbildung lieber anderen?

24/08/10

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