Author: Matthias Schumacher | Date: 2. Juni 2010 | Please Comment!

Mein Land befinde sich in der schwersten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg, heißt es. Ich will es glauben. Doch das Erlebte deckt sich nicht mit dem Gesagten. Auch das ist ein Teil unserer Krise. Das Leben geht weiter. Wie gewohnt. Wir sehen Grafiken vom Eurokurs, die immer irgendwie an ein EKG erinnern, und wir müssen nicht studiert haben, um zu erkennen, dass sich der Patient in akuter Lebensgefahr befindet. Aber wir spüren die gefährlichen Schwankungen nicht. Wir spüren auch nicht die 1,7 Billionen Staatsschulden – und wir spüren nicht, was das bedeutet. Wir sehen die Zahl, immer wieder diese unbegreiflich große Zahl. Man muss dagegen etwas tun, denken wir. Das ist alles nicht gesund, denken wir. Gestern wurden die neuen Arbeitslosenzahlen bekanntgegeben. Sie sind gesunken.

Wo ist die Krise?

Würden mir die Politiker, Medien und echten Experten in meinem Land nicht stets und ständig versichern, sie sei längst da – ich hätte es nicht bemerkt.

Wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt, sagte unlängst die Kanzlerin. Meint sie mich? Meint sie sich? Der Staat hat Schulden gemacht. Ja, der Staat. Was habe ich damit zu tun? Alles. Denn ich bin der Staat. Jeder Leser dieses Artikels ist der Staat. Jeder Cent, den der Staat ausgibt, gibt er im Namen des Volkes aus (sagt man) – und das meiste für uns. Es ist unser Geld. Fürs Gesundheitswesen, für die Rente, für Sozialleistungen, ja auch für Verteidigung und jede Menge Bürokratie. Zuschüsse, Zuschüsse. Subventionen. Ich denke, ja gut, das Gesundheitssystem wird schon lang nicht mehr ausschließlich mit Beiträgen finanziert. Mancher Arztbesuch war nicht wirklich notwendig, denke ich, das letzte MRT überflüssig. Aber was ist das gegen die 1,3 Milliarden, die uns der Afghanistankrieg jährlich kostet?

Ja, der ist teuer. Da soll man mal anfangen. Das ist typisch, das ist bequem. Zuerst die großen Posten, die sofort ins Auge fallen. Dabei ziehen wir nicht in Betracht, dass die Summe dessen, was an kleinen Luxusleistungen eingespart werden kann, womöglich größer ist als das, was an Einsparungen am Großen machbar ist. Man wird manche heilige Kuh schlachten müssen. Wir sind teuer, waren teuer. Ich war teuer. Teuer auch der Bankenrettungsschirm, die Konjunkturpakete und eben die Eurorettung. Es ist wenig beruhigend, wenn ich mir sage, dass mein Land bereits vor den zahllosen Maßnahmenpaketen pleite war.

Krise, das Wort. Krise, das Gefühl. Zur Einsicht in die Notwendigkeit gehört mehr. Wer einem Übergewichtigen, der sich pudelwohl fühlt, sagt, er müsse den Gürtel enger schnallen, indes er ihm weiterhin Wurst und Sahneschnitten vorsetzt, der erntet Unverständnis und wenig Bereitschaft. Das soll sich nun ändern. Der Belag wird dünner werden, die Garnierungen spärlicher, Halbfettstufe. Manches wird künftig so lange auf Sparflamme gebrutzelt, bis es sich auflöst.

Man kann ruhigen Gewissens von einer nationalen Kraftanstrengung sprechen. Mein Land hat das Wohlstandslimit erreicht – und überschritten, sich vollgefressen, und nun muss es einiges stemmen, um wieder in Form zu kommen. Uns geht es gut. Doch es geht seit Jahren nur noch auf Pump. Selbst die, denen es finanziell schlecht geht, geht es gut, sie sind abgesichert. Auch diese Sicherung: gepumpt. Immer von kommenden Generationen. Wir haben es ausgeblendet. Unser Sparwille – bislang nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Ohne Androhung von Peitschenhieben gibt der Deutsche sein Zuckerbrot nicht her.

Wer sein Land liebt, ist jetzt zu Opfern bereit.

Das klingt patriotisch. Und patriotisch hat in Deutschland immer was von idiotisch, aber mit Patriotismus kämen wir leichter aus der Krise. Für etwas, das man liebt, schätzt, tut man viel. Es muss beileibe nicht alles sein. Hier ein wenig, dort ein bisschen, da darf’s vielleicht a‘ bisserl mehr sein.

Mit Begriffen wie Vaterlandsliebe tut sich der Deutsche schwer. Sie zu leben, zu fühlen, sich zu ihr zu bekennen – eine unüberwindbar scheinende Hürde.

Ich liebe mein Land. Das heißt: Ich mag es. Es ist mir im großen und ganzen nicht so unsympathisch wie mancher, der hier lebt. Es ist eine Zuneigung ohne Kadavergehorsam, ohne großen Stolz. Ob ich mein Leben für mein Land geben würde, kann ich nicht beantworten. Wahrscheinlich ist mir mein eigenes Leben wichtiger als das von Hunderten. Ich bin kein Vorbild. Ich bin feige. Ich bin Deutscher. Kein Risiko ohne Absicherung und weit aufgespanntes, engmaschiges Netz. Vielleicht noch immer tief drinnen ein Diederich Heßling, Heinrich Manns „Untertan“ – mehr Maul als Held.

Ich bin gern Deutscher und ich sehe keinen Grund, mich dafür zu schämen. Ich habe es mir nicht ausgesucht und ich hadere nicht damit. Deutschland hat mich nicht zu dem gemacht, was ich bin. Aber es hat es mich werden lassen und lässt mich meinen Weg weitergehen. Es hat die Rahmenbedingungen geschaffen.
Wir haben die Bedingungen geschaffen! Ich bin ein mehr oder weniger braver Bürger mit gelegentlichen A
usbrüchen. Mein Land lässt mich gewähren. Die freie Rede, dieses hohe Gut, immer in Gefahr, aber sie ist möglich und sie wiegt schwer in der Waagschale. Wenn ich Franzose, Italiener, Brite wäre, wären die Gefühle für mein Land andere und doch sicher ähnlich. Ich halte es für einen normalen Vorgang. Dass dieser Vorgang hierzulande nicht normal ist, gehört zur deutschen Normalität und charaktierisiert uns. Vereinigt in der Zerrissenheit.

Viele tun sich leicht und sagen: „Was ich bin, habe ich mir selbst erarbeitet. An dem, was ich nicht bin, ist der Staat schuld.“ Wir sind schnell dabei, Negatives zu suchen und zu finden. Und sicher, vieles liegt im Argen, aber zu sehen, das doch das Positive bei weitem überwiegt, fällt uns verdammt schwer, obwohl es uns umgibt und überall stattfindet.

Vielleicht fiele es uns leichter, wenn wir nicht sagten „unser Land“, sondern schlicht „wir“. Stolz auf Deutschland? Stolz auf uns? Stolz auf 65 Jahre Frieden auf deutschem Boden? Stolz auf die friedliche Revolution 1989, auf die enorme Leistung im Osten nach der Deutschen Einheit? Das waren alles wir! Warum wollen wir damit nichts zu tun haben? Es sind große Leistungen, derer man sich nicht zu schämen braucht. Wir schämen uns heutzutage viel zu schnell, viel zu schnell für Dinge, die nicht des Schämens wert sind. Es ist populär, populistisch und Beifall gewiss.

Das gebeugte Rückgrat droht zu brechen, wenn wir uns nicht endlich besinnen. Wir sind Deutsche, ob wir es nun wollen oder nicht. Ein bisschen aufrechter, ein bisschen selbstbewusster könnten wir schon sein, ohne gleich in den alten Größenwahn zu verfallen.

Gibt es in diesem Land wirklich nur Grund, die Fahnen zu schwenken, wenn wir den Eurovision Song Contest gewinnen oder gerade irgendwo eine WM läuft?


Wir hätten den Grand Prix gar nicht gewonnen, sondern „Satellite“, ein dänisch-amerikanischer Song, meint Ralph Siegel. Lena war auch irgendwie beteiligt und ein gewisser Raab. Wo kommen wir da ins Spiel? Wir schwenken die Fahnen, sind froh, dass Deutschland gewonnen hat und am 03. Oktober lassen wir die Winkelemente im Keller, was nicht nur Hans-Christian Ströbele freut, der ja bekanntlich beim Anblick wehender Deutschlandfahnen kollabiert.
Mein Land hat sie manchmal nicht alle.

Bildquellen: 
Merkel (World Economic Forum),
Ludwig Erhard (Bundesarchiv, B 145 Bild-F041449-0007 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA) 

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