Author: Matthias Schumacher | Date: 19. Mai 2010 | Please Comment!

Thomas Langheinrich ist das, was man gemeinhin eine Spaßbremse nennt, einen berufsmäßigen Spielverderber. Thomas Langheinrich ist Medienwächter.
Seit gut zwei Jahren ist der Jurist Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten der Medienrepublik Deutschland. Dass es nur noch 14 dieser Anstalten gibt – ein Wunder fast. Jahresetat im übrigen 160 Mio. Euro. Finanziert durch knapp 2 Prozent des gesamten Rundfunkgebühren von ARD und ZDF (7,6 Milliarden Euro).

Genüsslich angewidert nimmt man alles unter die Lupe, was die privaten Radio- und Fernsehprogramme sowie Telemedien treiben oder unterlassen. Mit seiner 450 Mann starken Besatzung dringt der Koloss dabei in Galaxien vor, die täglich Millionen gerne Menschen sehen.

450 Mann für 160 Mio. Euro!

Menschen wie Langheinrich halten ARD und ZDF für das Maß aller Dinge und Langeweile für guten Geschmack. Um sich dies immer wieder zu bestätigen, müssen die Medienwächter tief in die Abgründe der Quotengipfel steigen, dorthin, wo Superstars gesucht werden, wo Big Brother watcht und Ingrid van Bergen Känguruhoden kaut bis ihr das Weiße aus den Augen quillt.

Zu den Aufgaben der Anstalten gehören auch Entscheidungen über die Vergabe neuer Sendelizenzen wie etwa für „Wein TV“ u.Ä. Am liebsten behindern sie aber unseren Voyeurismus und versuchen, den zügellosen Exhibitionismus zu bändigen. Langeweile, die an Körperverletzung grenzt, ignorieren die Medienwächter, ist sie doch vor allem in den Öffentlich-Rechtlichen zu finden. Gut und allemal wichtig sind die Landesmedienmogule allerdings, wenn gegen rechtswidrige Inhalte vorgegangen werden muss. Niemand darf von windigen Telefongewinnspielanbietern abgezockt werden. Das Recht auf schlechten Geschmack sollte sich aber kein TV-Konsument nehmen lassen.

Thomas Langheinrich und seine Kollegen plagt wie schon so oft das Nachrichtenangebot der Privaten. Denn indes Das Erste die Fernsehnation am Tag durchschnittlich mit 140 Minuten ausgewählten News füttert und das ZDF in der Regel sogar noch drei Minuten nachschiebt, offeriert RTL lediglich eine Stunde Schwerverdauliches und Sat.1 nur ein Häppchen von 30 Minuten –  Tendenz fallend.

Wenn etwas die Zuschauer nicht stört, kann man sich darauf verlassen, dass irgendeine zuständige Landesmedienanstalt (oder eine, die sich zuständig fühlt) harsche Kritik üben wird. Es dürfte schwer werden, einen Super-RTL-Zuschauer zu finden, der auf die Frage „Was fehlt Ihnen in Ihrem Lieblingsprogramm?“ wie aus der Pistole geschossen „Nachrichten!“ antworten wird. Um 18.45 Uhr kommt nebenan auf RTL der Kloeppel und gut ist. Um 19 Uhr ist „heute“ dran und um 20 Uhr die Tagesschau. Die Fernbedienung macht’s möglich.

Es ist fraglich, ob die Programmqualität zunimmt, wenn die unentwegt im Visier stehenden Sender dazu übergehen, vermehrt dpa-Meldungen im Wortlaut vorzulesen oder bestenfalls zuvor geringfügig umzuschreiben, wie es selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen inzwischen gang und gäbe ist. Fraglich auch, weil mehr Nachrichten weder bessere noch andere Nachrichten bedeuten.

Der Gleichklang der Meldungen ist längst unübersehbar. Und er ist erschreckend. Das Medium Fernsehen bestimmt darüber, was wir zu sehen haben und was wir wissen sollten. Es ist ein Kanon. Ein Gleichklang. Ein Einerlei. Es hätte vermutlich keinen Vorteil für irgendjemanden, wenn nun auf RTL oder bei ProSiebenSat.1 noch mehr der gleichen Meldungen verbreitet würden.

Wo findet Europa statt, wenn der Euro stabil ist? Was spielt sich in der Weltmacht China ab, wenn mal kein Bergwerk zusammenbricht? Gibt es Russland und Indien noch? Ist die USA mehr als Obama? Was geht ab in Österreich? ’schuldigung, Tschechien?

Die Welt, die uns ARD und ZDF präsentieren, ist die Welt, die auf 40, 50 Videotextseiten passt. Als Leckerli gibt es News auf tagesschau.de und heute.de. Wer mehr wissen will als das, was die Online-und-Nachrichtenredaktionen aus der Flut der Meldungen zu fischen bereit sind, muss weiterschwimmen, muss sich aus den alten Medien herauslösen. Möglichkeiten gibt es viele. Das Internet ist derzeit die beste und sie wird immer besser. Das Internet ist nicht wie ARD und ZDF auf Deutschland fokussiert. Im Internet ist die ganze Welt.

In dieser Woche versendet die ARD die Tagesthemen zu fünf verschiedenen Zeiten, das heute-journal kommt auch längst nicht mehr immer pünktlich um 21.45 Uhr. Da bleiben viele lieber bei RTL. Man kann auch ein Buch lesen und zwischendurch ins Netz gehen. Da bekommt man alles. Immer.

19/05/2010

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