Author: Matthias Schumacher | Date: 13. Mai 2010 | Please Comment!

Vielleicht bin ich stehengeblieben. Vielleicht bin ich nie erwachsen geworden. Vielleicht rede ich mir alles nur ein. Ich bin noch immer ein Kind. Den viel zu kleinen Schuhen, die einem kaum Halt geben, bin ich nie entwachsen.
Ich falle heut’ noch genauso leicht um wie damals. Damals ist lange her.

Wenn ich mit Radio Paradiso auf den Ohren durch den abendlichen Wedding ziehe, wenn die Realität, dieses omnipräsente Heute, mit Musik von gestern untermalt wird, dann bin auch ich wieder gestern. Gestern war ich noch ein Kind. Musik ist immer heute oder gestern, alles ist heute oder gestern, weil nichts von morgen sein kann. Wir leihen uns nichts von morgen, wir zehren vom Gestern. Das was uns heute als Musikstil von morgen in die Muschel gesendet wird, ist ein Produkt des Heute. Nicht mehr.

Musik ist eine Zeitmaschine.

Wir sitzen inmitten von Tönen und gleiten durch Jahrzehnte. Zurück.

Immer zurück.

Letztens war ich Captain Future. Ich war unbesiegbar, dort im Wedding. Ich ließ den Penny-Markt Penny-Markt sein, ich ließ den Dönermann sein Nachtwerk verrichten, seine Knoblauchsoße rühren, sein geschnipseltes Gemüse sortieren. Cliquen, die vorgaben Gangs zu sein, zogen vorüber, die Geräuschkulisse war in mir und nicht die Musik der Gangs. Was juckte mich dieses Heute! Ich war gestern. Ich war vielleicht neun oder zehn und ich war Captain Future, der die Welt rettet, der jedes Problem in den Griff bekommt.

Ich hatte wieder dieses Gefühl der Unsterblichkeit. Ich hatte vergessen, dass ich als Kind unsterblich war. Nichts hätte mich töten können, nicht einmal der Kalte Krieg da draußen. Glenn Medeiros sang mir ins Gehirn “Nothing gonna change my love for you” und schon bald säuselte Richard Sanderson “Reality”. Ich war auf dem Weg zu Vic Beretton. La Boum war ganz nah, diese legendäre Fete. Ob es doch noch was mit Mathieu geworden ist? Der Wedding war zum Paris der 80er Jahre geworden. Aber ich wusste, es war ein Traum.

Was wird aus uns, wenn wir erwachsen werden?

Wir mutieren von Träumern zu Realisten, weil erwachsene Träumer nur belächelt und für Spinner gehalten werden. Nur wenige haben den Mut, im Leben den Narren und Spinner zu geben. So tauschen wir die bunten Kleider der Kindheit gegen graues Einerlei. Zu einem Preis, den wir zu bezahlen nicht bereit sein sollten.

Viele haben sich einen Fetzen Kindheit bewahrt, die Kleider verraten und verkauft, aber etwas herübergerettet. Irgendwo hinter den dicken Mänteln der Erfahrungen, des Wissens, des Ballast der Jahre steckt noch ein Stück Stoff, aus dem die Kindheit gestrickt war. Flitterglittertraumbesetzt.

Die Zeit maskiert uns mit Falten, mit Haltung, Achtung und dem, was wir Charakter nennen. Ich wär’ noch heute gern Robin Hood und Tom Sawyer, Sindbad, Batman, Adolar und Captain Future. Ich kann es nicht mehr sein.
Das ist bitter. Das Heute ist bitter und unerbitterlich.

Doch manchmal können wir entfliehen, für Sekunden alles, was ist, eintauschen gegen etwas, das einmal war oder vielleicht nie gewesen ist, weil die Erinnerung verzerrt und schummelt, wo sie nur kann.

Musik ist nur ein Geräusch, na und!? Manche Musik lässt mich fliegen.
Ich drehe gerade meine fünfte Runde über Atlantis. Von oben sehe ich ganz klein aus. Ich hör‘ noch einmal Glenn Medeiros und rette gleich die Welt.

Der Captain is back to the Future.

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