Author: Matthias Schumacher | Date: 26. Februar 2010 | Please Comment!

In diesem Jahr gibt der Bund 146,82 Milliarden Euro für Arbeit und Soziales aus. Ganze 14,8 Prozent mehr als 2009.
Der gesamte Bundeshaushalt umfasst 325,4 Milliarden. Wieder einmal sind die Sozialausgaben gestiegen und machen den größten Posten aus.
Sie steigen seit Jahren, denn nicht nur Mandy und Kevin in Marzahn (beide 17, arbeitssuchend und nun zweifache Eltern) wollen leben, sondern auch ihr Nachbar Willy (56), der sich unentwegt um Arbeit bemüht, aber keine bekommt, obwohl er qualifizierter nicht sein könnte…

Und dann ist da noch Jutta, Jutta ist Schauspielerin und Sängerin. Jutta wohnt direkt gegenüber, sie steht in der Mitte ihrer Lebenserwartung, ist preisgekrönt und einigermaßen bekannt, auch im Jobcenter. Das besucht sie ungern, aber regelmäßig, wenn mal wieder ein Engagement beendet ist oder ein Film abgedreht. Drei Monate Dreharbeiten liegen gerade hinter ihr. Davon stand sie real nur zwei Wochen vor der Kamera – dazwischen tagelange Pausen. Früh raus, 12 bis 16 Stunden rumstehen, warten, spielen, für ein paar Minuten Film. Immer auf Abruf. Jutta brennt für ihren Beruf. Sie liebt ihn. Sie hasst ihn.

Jutta kann, wenn sie ihre Kunst ausübt, gut davon leben, nur übt sie ihre Kunst nicht immer aus. Einige Monate hier am Stadttheater, im Sommer bestenfalls auf einer Freilichtbühne, irgendwo in der Provinz. Im Sommer sind Theaterferien. Jutta fühlt sich als Künstlerin, sie ist eine Künstlerin, sie kann nur nicht dauerhaft davon leben. Die Theater sind klamm und jedes zweite von der Schließung bedroht. Die Gagen: Hungerlöhne. Sie hangelt sich unermüdlich von Bühne zu Bühne. Manchmal gibt sie Autogramme. Man kennt und liebt sie. Ab und zu wird sie im Jobcenter angesprochen: „Was machen Sie denn hier?“
Jutta sagt dann meist sowas wie „Tja.“ Was soll sie auch sagen?

Jutta ist froh, dass das Amt die Miete übernimmt und das Leben sichert, wenn sie mal ohne Engagement ist. Ja, das Geld ist schon verdammt knapp. Vielleicht sollte Jutta putzen gehen, Jutta weiß nicht so recht. Sie kann doch nicht jeden dritten Tag sagen: „Entschuldigung, morgen kann ich nicht, ich muss zum Dreh!“

Sven wohnt im Wedding. Er schreibt und lebt davon. Eigentlich schreibt er nur – und manchmal bekommt er das sogar bezahlt. Er veröffentlicht in Magazinen, die kaum einer liest, manchmal rutscht was bis in eine Tageszeitung durch. Dann gibt es in der Regel Zeilenhonorar. Zwischen 10 Cent und maximal einem Euro. Das ist nicht mehr als ein Zuverdienst zum Hartz IV. Im Moment ist bei Zeitungen eigentlich gar nichts zu holen. Das Internet macht den Papiermedien schwer zu schaffen. Sven bloggt jetzt, ziemlich erfolgreich sogar, zumindest was die Seitenaufrufe angeht. Er recherchiert, arbeitet dafür Tage und Nächte, kostenlos, vielleicht umsonst und vergebens. Zahlen will dafür keiner was.

Seit einem Vierteljahr ist sein Roman draußen. Bevor die Zusage vom Verlag kam, hat er monatelang in der Luft gehangen. Zu blöd, zu stolz, um Stütze zu beantragen. So blöd ist er heute nicht mehr. Beworben hat er sich damals so oft es ging. „Aber wer nimmt denn jemanden mit meinem Lebenslauf?“ fragt Sven. „Hier eine Kurzgeschichte, da eine Reportage. Erklär das mal jemandem, der von Kunst und Journalismus keine Ahnung hat! Nirgends ein halbes Jahr am Stück gearbeitet! Wie sieht das denn aus?“
Sven hat in jener Zeit einige Male für Geld seinen „Arsch hingehalten“, wie er es nennt. Schwul zu sein, hat manchmal Vorteile, aber eigentlich sucht er sich schon lieber seine Sexpartner selber aus. Dass er auch mal im Supermarkt was hat mitgehen lassen, um seinen Freunden und seiner Familie nicht auf der Tasche zu liegen, weiß kaum jemand. Er hat an sich geglaubt, ist seinen Weg gegangen.

Dann die große Chance: Der Verlag, das Buch. Das Feuilleton warf sogar einen kurzen Blick auf Sven. Flüchtig, im Vorbeigehen auf dem Weg zu den Großen. Der Roman hat in den Buchhandelpalästen noch niemals Licht gesehen. Irgendwo in einer dunklen Ecke hat Sven ihn kürzlich entdeckt. Keine Chance zu vergilben, dachte Sven. Und einige Meter weiter standen die Sondertische mit dem Mainstreamscheiß aus den Büchersendungen. Der Markt ist voll.
Seit Wochen hat sich niemand mehr vom Verlag gemeldet. Der Vorschuss – längst ausgegeben.

Würde Sven einer sogenannten geregelten Arbeit nachgehen, wäre er nicht auf Hartz IV angewiesen. Aber seine Kreativität wäre dahin. Seine Reportagen schriebe auf seine Weise niemand anderes. Sie blieben ungeschrieben. Geschichten unerzählt. Seine Gedichte wortlos. Sven braucht den Müßiggang. Nur Spießer nennen das Faulenzen.

Sven hat neulich mal überlegt, ob er für Jutta ein Stück schreiben sollte. Er kennt sie ja ganz gut und er kennt Ulrike, Ulrike leitet ein kleines Kindertheater und Kabarett in Kreuzberg. Mehr oder weniger ehrenamtlich. Ohne ihren Einsatz wäre der Laden längst dicht, sie kämpft um Fördermittel und sammelt Spenden. Leben kann Ulrike davon nicht, aber mit Hartz IV kommt sie durch. Ihre zweijährige Tochter ist ja aus dem Gröbsten raus und pflegeleicht, die nimmt sie einfach mit, wenn sie arbeiten geht. Und die Sache mit dem Kindergartenplatz und dem Unterhalt von ihrem Ex – na, die kriegt sie auch noch gebacken. Sie lebe das Leben eines Klischees, sagte Sven einmal zu ihr. Und sie: „Klischee sind doch alle.“

Letztens saßen die drei zusammen, jammerten, lachten, fragten sich, wie und ob das alles noch lange so weitergeht. Man suchte Lösungen und stieß auf Fragen. Schallendes Gelächter gab es, als Sven erzählte, dass ihn das Jobcenter vor einem Monat zum Bewerbungstraining schicken wollte. Jutta hatte die gleiche Einladung bekommen. Beide hätten in wenigen Wochen gelernt, wie man anständig schreibt und sich ausdrückt. Der Autor und die Schauspielerin! Sven hat sich sofort einen Krankenschein geholt, Jutta haben zwei Castingtermine gerettet.
Man stimmte Ulrike zu: „Arme Schweine, die Arbeitsvermittler!“
Und dann ging es wie immer:
„Hartz IV muss weg!“
„Sei froh, dass es sowas überhaupt gibt!“
„Mindestlohn!“
„Was hätte unsereins vom Mindestlohn?“
„Bedingungsloses Grundeinkommen.“
„Träum weiter!“

Und plötzlich schoss es aus Jutta heraus:
„Ein Stück, ein Buch, über die Künstler und Hartz IV, das gab es noch nicht.“
„Gibt doch fast alles in der Richtung schon“ entgegnete Sven. „Würden eh nur Künstler und Hartzler lesen. Haben die Geld für Bücher? Haben die Geld fürs Theater?“
Worauf Ulrike einwarf:
„Realsatire geht immer.“
Nach einem Häufchen Stille fragte Jutta:
„Sagt mal, wenn alle Hartz-IV-Bezieher 100 Euro mehr bekämen, wie viel würde das dann kosten?“
Sven rechnete: „Denk mal, so sieben Milliarden im Jahr.“
„Wäre doch eine super Kulturförderung“  rief Ulrike. Und:
„Irgendwann gibt’s ja Rente!“
Bitteres Lachen.

Sie sind Künstler, sie leben von Hartz IV. Hartz IV ist Kunst.

26/02/10

Leave a reply!