Author: Matthias Schumacher | Date: 27. Januar 2010 | Please Comment!

Matthias Matussek schreibt sich nach dem Studium der Amerikanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaften vom Berliner Abend, über den TIP bis zum Stern. Nach einem „Angebot, das er nicht zurückweisen konnte“, arbeitet Matussek ab 1987 für den SPIEGEL.

Bis 2003 leitet er in Folge die Korrespondentenbüros New York, Rio de Janeiro und London. 1989 wird das Berliner Palasthotel im Zentrum der umstürzenden DDR Matusseks vorläufiger Arbeitsplatz. Dort entsteht u.a. die Reportage „Rodeo im wilden Westen“, die ihm zum Egon-Erwin-Kisch-Preis verhilft. Zwischen 2003 und 2007 zeichnet er als Chef des SPIEGEL-Kulturressorts verantwortlich.

Noch während dieser Zeit etabliert er das Video-Blog „Matusseks Kulturtipp“, hierfür erhält er 2008 den Goldenen Prometheus des Medienmagazins V.i.S.d.P. Matthias Matussek: Kulturjournalist. Interview:

Matthias Schumacher (MS): Sie arbeiten für Print und Internet. Wovon können Sie besser leben?

Matthias Matussek: Vom Print. Das Internet generiert noch immer kaum Gewinne.

MS: Muß sich eine Branche wundern, die über Jahre kostenpflichtige Print-Inhalte gratis ins Netz gestellt hat? Wie lange wird es nach Ihrer Meinung SPIEGEL ONLINE so noch geben?

Matussek: SPON ist nun gerade einer der Fälle, die schwarze Zahlen schreiben.

MS: Die Auflagen sinken. Die alten Medien sterben. Auf der anderen Seite sterben die Blogs. Ist es nicht Zeit für einen „Vertriebenenverband 2.0“?

Matussek: Ich glaube, es ist voreilig, den „alten Medien“ die Sterbeglocke zu läuten. Qualitätsjournalismus kann auch das Internet nicht ersetzen, was die Erfolgsstory etwa des „Economist“ beweist. Aber selbstverständlich stünde ich als Präsident von Vertriebenen-Verbänden jederzeit zur Verfügung, vorausgesetzt, ich darf es gemeinsam mit Frau Steinbach machen.

MS: Ihr aktuelles Buch „Als wir jung und schön waren“ gibt es natürlich sowohl in gebundender Ausgabe als auch in e-Book-Form. Preis jeweils 19,90 Euro. Obwohl bei e-Books u.a. Druck- und Lieferkosten entfallen. Wann haben Sie zum letzten Mal gegen die Buchpreisbindung aufbegehrt?

Matussek: Ich halte 19,90 für dieses Buch absolut angemessen. Man muss es in die Hand nehmen, es befühlen, die Fotos anschauen. Manche kann man ausmalen. Dieses Buch ist ein sinnliches Gesamterlebnis, das sich als e-Book kaum vermitteln ließe.

MS: Ganz gleich, ob nun e- oder Holzbook. Warum sollte die Nation Ihr Buch in jedem Falle kaufen und lesen?

Matussek: Schon die schöne Geschichte über mein Idol Heinrich Heine wäre ein ausreichender Grund. Dazu ein paar gelungene Kurzgeschichten. Zudem: Es will doch jeder wissen, wie es in einem indischen Knast zugeht, oder?

MS: Wie war das denn mit Rainer?

Matussek: Welcher Rainer? (siehe Leseprobe, Anm. MS)

MS: Sie sprachen eben vom Befühlen, vom Haptischen. Gibt es etwas, das Ihnen virtuell mehr Freude macht als in der Realität?

Matussek: Ich war gestern in „Avatar“. Ein unglaublicher Trip. Der Film sieht aus wie ein „Uriah Heep“-Cover aus den frühen 70ern. Irgendwer in dem Film sagt: „Was habt ihr denn geraucht?“ Man sieht, James Cameron kommt aus der Hippie-Ära, und die hat sich längst eingeübt in Gegenwelten. Ohne virtuelle Welten, ohne Fantasy, kommt keiner aus.

MS: Ihr Freund und Kollege Frank Schirrmacher (50) ist mit dem Internet überfordert. Matthias Matussek (55) treibt sich bei Facebook und Twitter herum wie ein Mittdreißiger. Wie kommt’s?

Matussek: Weil ich in Wahrheit 16 bin, und damit 34 Jahre jünger als Schirrmacher. Ich finde übrigens, daß Schirrmacher ein sehr gutes Buch geschrieben hat und mit seinen Warnungen völlig recht hat.

MS: Warum dann Spott und Häme?

Matussek: Das müssen Sie die fragen, die spotten. Ich glaube, die sind einfach nicht in der Lage, intellektuell Schritt zu halten.

MS: Wie organisieren Sie sich, um nicht unter die Räder der Moderne zu geraten? Und bitte lassen Sie die Mär von der stärkeren Frau hinterm starken Mann weg.

Matussek: Für mich ist die starke Frau keine Mär, aber an meinen Computer lasse ich sie nicht. Sie hat ihren eigenen.

MS: Die einseitige Kommunikation mit dem alten Geheimrat Goethe ist ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Internetauftritte. Woher rührt seine Sprachlosigkeit?

Matussek: Das frage ich mich auch. Als ich ihn gecastet habe, hat er geredet wie ein Wasserfall. Darüber, was er alles verändern möchte in diesem Land. Wie er die Bildung fördern möchte etc., sobald er erst mal Kanzler ist. Das alles übrigens gereimt. Und plötzlich: sprachlos. Ich vermute, die Deutschen waren ihm einfach zu dumm.

MS: Ihre Videos gibt es im modernen Unter-10-Minuten-Format. In einer Information der Spiegel-Gruppe heißt es: „Im Durchschnitt lesen die SPIEGEL-Leser ca. zweieinhalb Stunden pro Heft.“ Was sind das eigentlich für Leute, die heute noch so viel Zeit haben?

Matussek: Analysen ergeben: Besserverdienende mit solider Bildung zwischen 30 und 50 Jahren.

MS: Heißt: Der Leistungsträger, der 50 Stunden und mehr rackert, enspannt sich bei Bildung. Ist das nicht ein Argument für einen Zwangsarbeitsdienst für Hartz-IV-Empfänger? Zur Bildung durch Erschöpfung. Fehlt nur noch die entsprechende Bezahlung.

Matussek: Es wäre sicher eine vernünftige Maßnahme, Arbeitslosen, unter denen übrigens auch sehr viel arbeitslose Akademiker sind, den SPIEGEL zu subventionieren.

MS: Am Ende Ihres jüngsten Blog-Videos entwerfen Sie ein Drehbuch, in dem sich eine „zarte Liebesgeschichte“ zwischen Veronika Ferres und Helmut Markwort auf einer Alm entspinnt. Wo sehen sie Guido Westerwelle und Erika Steinbach?

Matussek: Die sind ins Dorf geschickt worden, Proviant holen. Aber da sie sich nicht über den Weg einigen konnten, werden die beiden oben wahrscheinlich verhungern. Aber die sind ja gut gepolstert.

Matthias Schumacher: September letzten Jahres ließen Sie uns wissen, wie Sie „aus Versehen ein Linker“ wurden. Was ist mit Ihnen in den vergangenen 100 Tagen passiert?

Matthias Matussek: Wieso, bin ich wieder rechts? Ich komm‘ gar nicht mehr nach bei mir.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr: Website Matthias Matussek, Matusseks Kulturtipp

27/01/10

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