Author: Matthias Schumacher | Date: 13. Oktober 2009 | Please Comment!

Wigald Boning gehört seit Anfang der 90er Jahre zu den vielseitigsten Persönlichkeiten des deutschen Fernsehens. Ich hatte vor einigen Tagen Gelegenheit, den mehrfach preisgekrönten Künstler zu interviewen.

Es wurde ein Flug von Rio nach Wildeshausen, über Afghanistan – bis in die Welt der Piraten.

MS: Herr Boning, fühlen Sie sich ernstgenommen?

Wigald Boning: Mal mehr, mal weniger. Hierin unterscheide ich mich kaum von meinen Mitmenschen.

MS: Die letzte Folge „RTL Samstag Nacht“ wurde 1998 produziert, im selben Jahr wurde Gerhard Schröder Bundeskanzler. Wo ist der Zusammenhang?

Boning: Wir mussten aufhören, weil wir uns im televisionären Alltag völlig verausgabt hatten. Alles, was wir dem Fernsehpublikum an Neuigkeiten anzubieten hatten, war präsentiert, alle Sketche gespielt, alle Pointen gesetzt. Jetzt musste etwas neues passieren – so wurden wir von Gerhard Schröder beerbt.

MS: In „Clever! Die Show, die Wissen schafft“, die Sie bereits im sechsten Jahr zusammen mit Barbara Eligmann moderieren, sind Sie für teils waghalsige Experimente zuständig, wie waghalsig wird Schwarz-Gelb?

Boning: Mein waghalsigster Dreh war ein Dreh in Rio. “Red Bull Airrace” – ich flog bei einem Kunstflieger mit und stellte schon auf der Rollbahn fest, dass Sicherheit deutlich hinter der Freiheit des einzelnen Piloten rangierte. Ein Dreh mit minimalem Budget, auf eigene Verantwortung. Insofern gibt’s da tatsächlich drei Parallelen zum politischen Liberalismus. Aber mehr fallen mir auch nicht ein.

MS: Als Sie 1967 in Wildeshausen (Oldenburg) geboren wurden, war die Stadt in CDU-Hand. Ein Jahr später wurde ein Liberaler zum Bürgermeister gewählt. Wieviel Anteil hat diese erste postnatale Politikerfahrung daran, dass sie heute selbst FDP-Mitglied sind?

Boning: Eine große. Mein Vater war FDP-Kreisvorsitzender, und bei uns wurde von morgens bis abends über Politik gestritten. Ist heute immer noch so: Treffe ich auf meinen Vater, geht es wenige Minuten später hoch her. Derzeitiger Lieblingsdissens: Afghanistan.

MS: Worin unterscheidet sich denn Ihre Sicht von der Ihres Vaters?

Boning: Er ist für einen Abzug ohne Wenn und Aber, ich habe mich vor Ort davon überzeugen können, dass die Situation äusserst vertrackt ist. Ein sofortiger Abzug würde, wäre er denn überhaupt möglich, die Lage dramatisch verschlimmern.

MS: Bleiben wir noch kurz beim Thema Afghanistan. Sie engagieren sich für Lachen Helfen e.V. Worum geht es da?

Boning: “Lachen Helfen” ist ein privater Verein von Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz, die in ihrer Freizeit versuchen, die Not der Zivilbevölkerung zu lindern, vor allem der Kinder. Ich bin seit Jahren dabei und habe außerordentlich viel gelernt, z.B. wie man wirksam hilft, was die dafür notwendigen Bedingungen sind etc. V.a. in Afghanistan habe ich gemeinsam mit Barbara Eligmann und “Lachen Helfen” einiges auf die Beine stellen können.

MS: Wigald Boning: Komiker, Moderator, Musiker, Journalist. Die Menschen trauen Ihnen vieles zu, mancher vielleicht sogar alles. Warum haben Sie nicht längst zur Piratenpartei gewechselt? Oder finden Sie es etwa noch verrückter, die FDP zu unterstützen?

Boning: Die Piratenpartei hat ja nur zwei Programmpunkte: Internetzensur und Urheberrecht. Auch ich bin gegen staatliche Internetsperren, während ich beim Urheberrecht fundamental anderer Meinung bin als die Piraten. Knappe 50% Zustimmung reicht einfach nicht. Im FDP-Programm werde ich fündiger, hätte ich bald geschrieben; aber: Fündiger? -Dieses Wort gibt’s, glaube ich, gar nicht.

MS: “Fundamental anderer Meinung”. Das Urheberrecht gilt als veraltet und unmodern. Und dass es ein geistiges Eigentum gibt, wird von den Piraten heftig bestritten. Ohne diese zentrale Säule bräche das Gebilde des geltenden Urheberrecht in sich zusammen. Sind Sie ein konservativer Besitzstandswahrer?

Boning: Jedenfalls kann ich nicht nachvollziehen, warum es sinnvoll sein soll, das Recht auf geistiges Eigentum vom sonstigen Recht auf Eigentum zu entkoppeln. Die Piraten argumentieren, beim Urheberrecht handele es sich “um ein dynamisches, vergleichsweise junges Recht, das frühestens in der Renaissance Einzug ins Europäische Recht gehalten habe”. Das Frauenwahlrecht gibt es in Deutschland erst seit 1918. Ganz schön jung. Ist dies ein Grund, es jetzt wieder abzuschaffen?

MS: Sie haben die Pflege Ihre Website aufgegeben und begründen diesen Schritt damit, dass sie zweifacher Vater und vielbeschäftigter TV-Moderator sind. Hat das Internet das Fernsehen bereits als Zeitfressmaschine abgelöst?

Boning: Ich schaue äusserst wenig TV, bin aber praktisch immer online. Eine eigene Internetseite brauche ich einfach nicht – der Laden läuft ja auch so. Und fürs Privatvergnügen reichen mit Facebook und Co.

MS: Was raten Sie Eltern, die ihre Kinder nicht mehr vom Computer wegbekommen?

Boning: Kommt drauf an, was die Kinder da so treiben. Wikipedia gilt bei uns zuhause z.B. als vollwertiger Leseersatz. Was soll’s denn sonst sein?

MS: Dieses Blog liest sich auch ganz gut. Sie sind ganz nebenbei begeisterter Ausdauersportler, da läge es nahe, Ihre Kinder zu ordentlichen Ultramarathon-Läufern zu erziehen. Oder sind Sie dann doch der übermotivierte Eiskunstlaufvater?

Boning: Um Himmels Willen! In ihrer Freizeit sollen meine Kinder ihren Interessen nachgehen, im sportlichen Bereich Tennis und Fußball. Da mische ich mich überhaupt nicht ein. Ich habe den Spass an langen Strecken erst entdeckt, als ich die 30 überschritt. ich glaube, für Marathon kann man Kinder sowieso kaum begeistern.

MS: Komiker, Moderator, Musiker, Journalist, Familienvater und engagiertes Mitglied der Gesellschaft und und und … Wie sollen die Menschen Sie in Erinnerung behalten, wenn Sie selbst nicht mehr da sind?

Wigald Boning: Ich hoffe doch überwiegend positiv, und zwar weniger aus Eitelkeit, sondern weil es für meine Kinder sicher angenehmer wäre, sich an einen netten Papa zu erinnern als an einen ignoranten Fiesling.

Das Interview führte Matthias Schumacher.

Linktipp:
Boning im Interview (Sept. 2011): Von der Fußleiste zum Gipfel der Erkenntnis

 

 

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Foto: Schröder+Schömbs PR

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13/10/09

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