Author: Matthias Schumacher | Date: 18. Juni 2009 | Please Comment!

Stadtmagazine haben es schwer.

Die einen geben sich erst zufrieden, wenn sie die 100 peinlichsten Einwohner ausfindig gemacht und namentlich benannt haben. Die anderen geben erst Ruhe, wenn die letzte Eckkneipe vom Geheimtip zum Touristenbunker „aufgewertet“ wurde. Ja, Stadtmagazine haben es schwer. Kulturmagazine haben es schwerer. Und am schwersten haben es Stadtteilmagazine für Alltagskultur.

„Der Wedding“ ist so ein Magazin und er macht es den eingefleischten Stadtmagazinlesern nicht leicht, denn zum einen ist er gar kein Stadtmagazin, zum anderen findet man im „Wedding“ keine Spur von Veranstaltungshinweisen. Man fahndet erfolglos nach Telefonsexhotlines und erfährt nicht einmal, welche Studenten-WG einen Mitbewohner sucht und wo der nächste Yoga-Kurs stattfindet.
Es ist ein Segen.
Mir wurde vor einigen Tagen ein „Wedding“ zugespielt und ich bin mir nun beim Schreiben noch immer nicht sicher, ob es gut ist, dieses Magazin hier im Blog zu besprechen. Zu den Gründen später mehr.

„Der Wedding“ ist ein Spiegel des Bezirks, aber bezirksüberschreitend berlinisch. Kein Hochglanz. Statt armverschrenkter Banker, irokesenverzierter Top-Blogger und schriller Szenegrößen wie Gayle Tufts und Désirée Nick, zeigt das Magazin Innenansichten von Telecafés. Und wenn Frank Schinski in einer Fotostrecke die gemeinsame Einsamkeit in einem Pflegeheim beschreibt, wird sich jeder, der noch nicht ganz erkaltet und verblödet ist, irgendwann fragen, wo ihn das Leben hintragen wird. Mal literarisch, mal journalistisch exakt und analytisch beschreibt „Der Wedding“ das Leben vor Ort. Vor Ort, das kann die Romafamilie von nebenan sein oder der Single aus dem vierten Stock. Achja, Analyse: Über diese und jene könnte man sich mit den Autoren vortrefflich streiten. Aber Reibung soll ja Wärme erzeugen.

Die Liste der 30 Autoren und Fotografen liest sich wie ein Who’s Who der Kommenden, der Noch-nicht-Angekommenen, die noch etwas bewegen und erreichen wollen. Da blitzen Ideale und Ideen auf, aber man schafft noch die Kurve, bevor es Ideologien werden. Hier schreibt die Generation der 30- bis 40jährigen, jener Fifty-fifty-Generation, deren Leben sich beinah exakt aus 50 Prozent Teilungsdeutschland und Gesamtdeutschland zusammensetzt. Und so wundert es nicht, wenn Geschichten von Ost-Westpaketen auf den Tisch kommen. Pakete, die ich übrigens nie bekommen habe, weil wir keine Verwandtschaft „drüben“ hatten. Und nicht zuletzt hier belegt „Der Wedding“, daß die aktuelle Ausgabe nicht zu Unrecht den Titel „Verwandtschaft“ trägt.

Wo wird das Abendbrot, das so viel leistet, noch gewürdigt? Wo finden noch Menschen wie die 97jährige Elisabeth Hildebrandt statt, deren Enkelin das Leben der alten Dame in deren Charlottenburger Wohnung dokumentiert hat?

Doch noch immer denke ich darüber nach, ob ich den „Wedding“ hier guten Gewissens besprechen kann. Wie wird sich das Magazin entwickeln, wenn der große Erfolg und damit der Druck der Anzeigenkunden und des Marktes kommt, wenn man nicht nur kostendeckend wie heute, sondern gewinnorientiert arbeiten muß?
Herausgeber Axel Völcker versprach im
Tip-Interview: „Der Wedding ist und bleibt trendresistent.“
Ich möchte ihm so gerne glauben.

Zum „Wedding“ >>>

10/06/2009

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