Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für Ich hab noch eine Schuld


 

Ich hab noch eine Schuld
Tief unten im Gepäck,
An Stahlseiln der Geduld
Beinbaumelnd im Versteck.

Unter verdrängten neuen
Diese alte unverjährte,
Waidwunde, die Bereuen
Und Vergebung mir verwehrte.

Die bei jedem Gehen
An meinen Knien rieb,
Die bei jedem Stehen
Ihre Spitzen in mich trieb.

Kein Vor und kein Zurück
Ohne sie seit frühen Tagen,
Gezerrt durch jedes Unglück
Und doch nicht abgetragen.

Noch wie neu und unberührt.
Wie wird man schuldenfrei?
Wie wird man rückgeführt
Und stirbt kein Stück dabei?

Ich öffne nicht die Laschen,
Bleib schuldig nur darum:
Man krempelt weder Taschen
Noch Leben einfach um.

 

 

Foto: Anthony Catalano (flickr), CC 2.0
(stellt nicht Matthias Schumacher dar)
Gedicht verfasst im August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die neue Macht des bösen Händchens

Geschüttelt oder gerührt. Der Handschlag ist zum Gradmesser der weltpolitischen Stimmungslage geworden. Matthias Schumacher nimmt seine Leserschaft in dieser Kolumne sanft an die Hand und führt sie bis in ihre Kinderstube.

Seit Donald Trump die Hände im Spiel hat, sind Umgangsformen in der Politik wieder ein Thema. Jeder Handschlag des graublonden Rüttelbären aus Washington wird zur Zerreißprobe von Maßanzug und Schultermuskulatur, jedes ausgelassene Händeschütteln zur Schicksalsfrage künftiger bilateraler Beziehungen. Jetzt kriegen wir was zu sehen und meinen ungefähr zu wissen, woran wir sind.

Jahrelang konnten wir nur raten, welche Stimmung sich hinter Putins maskenhaftem kalten Grinsen verbarg und ob die Mundwinkel der Kanzlerin an diesem Tag nicht einfach nur besonders stark der Erdanziehung nachgaben. Ein Trump geht um die Welt. Dank ihm zeigt man nun von vornherein ganz offen, was man vom anderen hält und was unsereins erwartet. „Reich mir die Hand mein Leben, // Komm auf mein Schloss mit mir“¹ – oder fahr zur Hölle.

Wir müssen uns erst reinfummeln und bewegen uns im Bereich von Spekulation und Interpretation meist in Richtung Eskalation. In Sozialen Medien mindestens fünfmal pro Viertelstunde. Die nicht entgegengenommene Begrüßung führt direkt zur größtmöglich anzunehmenden Katastrophe.

Die neue Macht des bösen Händchens spüren wir vor allem an den Kehlen. Atemlos durch die Macht. Sauerstoffmangelnd taumelt die Deutung eines verpatzten Handshakes für uns zwischen baldigem Handelskrieg und sofortigem atomaren Erstschlag. Aber ehrlich, es kann doch in keinem Fall schaden, Trockenobst und Wasser für 14 Tage einzulagern und die Jodtabletten bereitzuhalten.

Wie wurden wir von besorgten Tanten zurechtgewiesen, wenn wir ihnen im zarten Alter von vier Jahren das böse Händchen gaben – oder das gute Händchen nicht auf die richtige Weise! Wie sollten wir gescholtenen Kinder ahnen, dass Tantchen das weltpolitische Ausmaß einer falschen Geste mahnend vor Augen stand? Wie ahnen, dass wir für die olle Tante potenzielle Weltenlenker waren? Ohne Knigge fährt man auf diplomatischen Kanälen die Welt schnell an die Wand. Jeder verkorkste Handschlag: ein Schlag ins Gesicht oder ins Wasser. Mit unabsehbaren Folgen für das Fortbestehen der Menschheit.

Viele von uns sind über die Jahre, auch aus hygienischen Gründen, fast ganz vom Händeschütteln abgekommen. Manche nicken einander nur noch zu. Tantes Kinderstube fast vergessen. Nun werden wir erinnert. Vom 45. US-Präsidenten, der uns eindrücklich vorführt, wie man es nicht macht. Und wir fragen uns, wann der kleine Donald diese Barkeeperin kennenlernte, die den störrischen Jungen so lang schüttelte, bis er sie zornig „Fake-Tante“ nannte.
Sowas prägt.

 

¹ W. A. Mozart „Don Giovanni“, Erster Aufzug
Foto: golanlevin (flickr), CC BY 2.0
Verfasst am 29. und 30.V.2017 in Berlin.

© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die Nudel – The Next Generation

Remakes und Spin-offs sind beliebt. Nicht erst seit Star Wars oder The Big Bang Theory. Nun bringt Matthias Schumacher einen legendären Sketch von Loriot mit Lichtgeschwindigkeit ins digitale Zeitalter.

„Nein, sagen Sie noch nichts! Es gibt Augenblicke im Leben, wo die Sprache versagt…“ Das waren Zeiten, als noch die Sprache versagen konnte! Im Mai 1977, beinah auf den Tag vor 40 Jahren, ging die dritte Episode Loriot über den Schirm, der damals in jedem Falle ein Fernsehbildschirm war. Wie sich Sehgewohnheiten und Technik veränderten, veränderte sich auch das Kommunikationsverhalten. Aus Zurückhaltung und Sprachlosigkeit ist zügelloses Geplapper geworden. Manches mutiert über die Jahrzehnte.

„Die Nudel“ gehört zweifellos zu den beliebtesten Sketchen aus Loriot I bis VI. An der Seite des Meisters: Die große Evelyn Hamann. Wir erinnern: Während der namentlich nicht erwähnte Verehrer in einem italienischen Restaurant der angebeteten Hildegard eine umständliche Liebeserklärung macht, wandert ihm Dank ungeschickter Handgriffe eine Nudel übers Gesicht. Was Hildegard irritiert und vom geraspelten Süßholz ablenkt.

Das brachte Millionen zum Lachen und hat längst Kultcharakter, könnte heute so allerdings nicht mehr stattfinden. Gewiss würde Vicco von Bülow, der feine Beobachter deutschen Alltags, diesen Sketch inzwischen ganz anders anlegen. Denn der Mensch 1977 ist dem Menschen 2017 innerlich wie äußerlich noch recht ähnlich, aber nicht sein Alltag.  

Im Jahr 2017 wäre Hildegard zwar weiterhin abgelenkt, allerdings aus anderen Gründen. Denn Hildegard hätte ein Smartphone, viele Facebookfreunde und ihre Mutti, die Hildegard gern unter der Haube sehen würde, auf WhatsApp. Alle wollen immer was und haben ständig was mitzuteilen. Auch Hildegard.

So würde sie heute vielleicht exakt in jenen Momenten von ihrem Mobiltelefon zu ihrem Gegenüber aufschauen, wenn die Nudel – ganz kurz – eben nicht(!) auf seiner Nasenspitze oder im Augenwinkel klebt. Was zwar genau das Gegenteil von damals wäre, als Hildegard die Reise der Nudel gebannt verfolgte, aber eben zeitgemäßer wäre und dem heutigem Das-könnte-jedem-Passieren entspräche. Genau darum fände es der Zuschauer 2.0, der die #Nudel im Gegensatz zu #Hildegard wandern sieht, brüllend komisch. Und wenn sich der zukünftige Chef der Einkaufsabteilung, dem so leicht keiner was vormacht, Hildegards Sprachlosigkeit mit den Worten „Warum sagen Sie denn nichts?“ zuwendet, lästert diese gerade mit ihrer besten Freundin im Facebookchat über seine „Nudel“. Schlüpfrig und doppeldeutig ging es ja gern bei Loriot zu. Wie im echten Leben.

Ähnlich – ja – oder ganz anders – könnte „Die Nudel“ heute aussehen. Und die Pointe? Der Verehrer ruft nicht nur wie schon 1977 den Ober, sondern postet ein Foto der skandalösen Nudel in seinem Latte macchiato bei Facebook, wo sie viral geht und Hildegard in Echtzeit serviert wird. Entsetzter Blick zu ihrem Verehrer. Klappe.

Der erste kritische Kommentar zur Sendung käme heute übrigens via Twitter: „@ard, @radiobremen: Das können Sie Ihren Gästen in Neapel anbieten! Hier kommen Sie damit nicht durch.“

Das Netz heult auf: „Ach was!“


Verfasst vom 19. bis 21.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Comeback des guten Gefühls

Zwischen Hasspostings, Fake News und Koreakrise, Syrien trotzend und Trump ignorierend: ein Liedchen. »Amar Pelos Dois« ein kleines Stück Musik stemmt sich gegen den Zeitgeist. Und plötzlich verstehen wir Portugiesisch, ohne viel zu verstehen. Aus dem kleinen gebeutelten Land, wo Europa ins Wasser fällt, packen uns Töne, die wir so zart lang nicht mehr an uns herangelassen haben.

Salvador Sobral hat gestern Abend ein Wunder vollbracht. Hier im Land der Angstgeplagten und Schlafgestörten konnten wir für eine Nacht wieder glauben, alles wird gut. Vermutlich, ja ganz wahrscheinlich wird es das nicht. Der Alltag, die Tagespolitik, ein Troll, irgendwas wird uns bei den Beinen packen, bevor wir abheben. Aber das Erlebte ist nicht auszulöschen. Der Traum vom Fliegen bleibt. Gerade mit gestutzten Flügeln. Irgendwo werden wir dieses verloren gemeinte Gefühl der Leichtigkeit abspeichern. Es wirkt nach.

Ja, der Mensch ist gar nicht so schlecht. Und er muss nicht immer laut sein, es muss nicht immer alles Millionen einspielen und sowieso kann man nicht alles in Geld umrechnen. Verstehen wir diese drei Minuten Klang als Ermutigung! Wir müssen uns ja nicht alle gleich bei den Händen nehmen und wie von Liebe berauscht den Planeten platttanzen – täte ihm auch nicht gut – aber wir sollten uns hin und wieder bewusst sein, dass wir es im Grunde könnten – und wir sollten uns eingestehen, dass jedem von uns gelegentlich genau danach ist.

Könnte aus dieser Eurovision nicht eine Vision werden?
Haben wir denn vergessen…?

Verfasst am 14.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Oktober 2016 | Kommentare deaktiviert für Knockin‘ on Heaven’s Door meets Grillparzer

matthias-schumacher_nachlass

Derzeit ordne ich meinen Nachlass. Ich habe, wie es sich für einen ängstlichen, übertrieben vorsichtigen Menschen gehört, die notwendig gemeinten Versicherungen abgeschlossen, eine Bestattungsverfügung und mein Testament verfasst. Meine literarischen Arbeiten werden in freundschaftliche Hände kommen, falls diese Hände dann nicht schon kalt sind. Ich bin mitnichten krank, aber ich bin Träumer genug, um mir jederzeit das Schlimmste ausmalen, und Realist genug, es mir nicht ausreden zu können. Ab 40 nehmen die finsteren Gedanken zu und man beginnt einen Dialog mit der Endlichkeit, die man mit 20 für eine Fata Morgana hielt und mit 30 noch in weiter Ferne wähnte. Es spricht sich leichter, wenn der Papierkram vom Tisch ist. 

Künstler arbeiten, um den Tod zu überleben. Da soll was bleiben. Darum liegt, was ich der Nachwelt hinterlassen will, einigermaßen sortiert, dem Anlass angemessen in tiefschwarzen Kartons. Vorsorglich legte ich dennoch einige Silikagel-Beutel dazu, die im Falle längerer Lagerung Feuchtigkeit absorbieren. Stockflecken sind nicht schön und mindern den Wert. Im Museum wie bei Ebay. Wer weiß, wo das Zeug tatsächlich einmal landen wird. 

Was habe ich in den vergangenen Jahren vor mich hingereimt! Gegen die Zeit und gegen jeden Trend, weit an allem vorbei, das von Kritik, Leser und Jurys beachtet wurde. Wer unbehelligt vom Erfolg nur für sich schreiben will, der reimt. Die Ignoranz des Literaturbetriebs ist ihm sicher. Nur wer nicht reimt, hat heute noch eine Chance auf einen Literaturpreis. Und nur wer einen Preis bekommen hat, wird vielleicht verlegt. Nur wer verlegt wird, bekommt einen Preis. Und überhaupt ist alles Schiebung. Wer reimt, findet sich irgendwann damit ab, nicht in die Zeit zu passen, und hofft auf ein Leben nach dem Tod.

„Will unsre Zeit mich bestreiten,
Ich laß es ruhig geschehn,
Ich komme aus andern Zeiten
Und hoffe in andre zu gehn.“

Den guten Grillparzer würde heute auch keiner mehr kennen, wenn er nicht von gestern wäre. 

Zeiten kommen und gehen und Literaturnobelpreise gehen oft seltsame Wege. Heuer an Bob Dylan. Reimte der nicht sea auf free und see? Und in einem anderen Welthit me auf see und auch anymore auf door. Pulitzer-Preis, Nobelpreis. Milliarden Menschen singen seine Poesie und verehren den, der sie weise erdachte oder einfach dreist klaute. Dem einen reißen seine Verse die Seele auf, anderen schließen sie Wunden. Öffnen und Heilen. Mehr geht nicht. 

Ich schieb meine Kartons beiseite, dichte und geh in andre Zeiten. Einer muss ja vorangehen.

Knockin‘ on Heaven’s Door?
Verschoben! 

Verfasst 13./14.X.2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Juli 2016 | Kommentare deaktiviert für Halbzeitbilanz

FM

Legen Sie die Arbeit nieder! Werfen Sie den Hammer in die Ecke! Hören Sie um Himmels Willen auf! Egal womit. Aber hören Sie auf, sobald jemand in Ihrer Gegenwart Cicero zitiert: „Fange nie an aufzuhören…“ Und dann laufen Sie und – ja – hier gilt, nur hier: Hören Sie nie auf! Laufen Sie weit und verstecken Sie sich! Graben Sie sich ein! Dieses Halbzitat könnte Ihre Verdammnis bedeuten, eine immerwährende Folter, Qual, ein langes Sterben ohne Tod. Die Hölle auf Erden.

Ich weiß, wovon ich rede. Wahrscheinlich weiß es keiner besser als ich. Nun, 40 Jahre alt, meine ich, dass es kaum etwas Wichtigeres im Leben gibt, als den Moment zu erkennen, an dem man aufhören sollte. Auf dem Absatz kehrt zu machen, Schluss. Nicht mehr nachlaufen, falschem Stolz oder einem Ansporn folgend, nicht glauben, sich (etwas) beweisen zu müssen. Einfach aufhören und kein Thomas Gottschalk werden.

Ich habe nicht das Talent zum Schlussmachen. Ich klebe. An Ideen, an Menschen, selbst an jenen, die sich längst von mir gelöst haben. Vielleicht bin ich lästig. Ich nenne es treu. Wen ich einmal ins Herz geschlossen habe, der Ciceroverscheißt nicht so leicht bei mir. Ich kann kaum aufhören, ihn zu mögen. Doch ich verschenke meine Zuneigung ebenso schnell wie meinen Hass. Auch hier kann ich nicht aufhören.
Es gibt Menschen, die hasse ich seit Kindertagen und noch heute wie damals, manche heute noch mehr. Ich hasse etliche meiner Kindergärtnerinnen und zig Lehrer und Schulkameraden.
Ich entschuldige nichts und falls, sind Entschuldigungen nicht nötig.

40 Jahre. Seit 17 Jahren Dichter. Autor mit journalistischen Anklängen. Kein Journalist! Seit sieben Jahren verstärkt im Netz. Manchmal politisch, lieber und öfter poetisch. Seit meinem 17. Lebensjahr versuche ich, von der Kunst, ausschließlich von der Kunst zu leben. 23 Jahre! Mehr als mein halbes Leben.

Sich im Kreis zu drehen, bedeutet nicht, innerlich stillzustehen. So wurde ich weltläufig, ohne physische Reisen unternommen zu haben, lernte die Abartigkeit und raren Liebenswürdigkeiten der Menschen, das Leben und Armut kennen. Ich habe erlebt, was echter Hunger ist, weiß wohl, wie schnell man ohne Dach über dem Kopf dasteht und doch habe ich weitergeschrieben, Eigenes publiziert, weil der Glaube an das Gute immer die Vernunft besiegt. Scheitern aus eigener Kraft, ja! Ich habe mich nicht auf andere verlassen und es immer abgelehnt, zu kungeln oder mich einem vermeintlichen Markt entgegenzubiegen. Marketingtricks lagen mir fern. Ich glaubte zwei lange Jahrzehnte, es würde genügen, meine Zeilen für sich sprechen zu lassen. Und währenddessen sah ich viele an mir vorüberziehen, deren Arbeiten nichts sagten, die es aber verstanden, ihre Werke schön und wichtig zu reden. Doch einige, die andere Felder glücklich bestellten, blieben an meiner Seite. Die wahren Freunde, die man in der Not erkennt, verliert man auch nicht, wenn sich die Not über Jahre, Jahrzehnte erstreckt.

Heute will ich also erkannt haben, dass ich längst hätte aufhören sollen. Und natürlich werfe ich in diese flammende Erkenntnis noch eine Schippe Pathos. Man ist doch als Dichter etwas Besonderes. Besonderer als die Millionen, die ebenso mit ihren Berufen und Berufungen hadern, eher schlecht als recht davon leben und nicht vorankommen. Doch „es ist hier nicht der Ort, um die besonderen Aufgaben des Dichters als eines besonderen Werkzeuges der Menschen aufzuzählen und zu erläutern“, zitiere hier ich Hermann Hesse und will es dabei belassen.

Wie weiter?
Fernando-pessoaFernando Pessoa, der einflussreichste moderne Dichter Portugals schrieb seine Werke für die Truhe. Über 25.000 Fragmente fanden sich nach dessen Tod in seiner Wohnung. Seine Notizen, denen er selbst den Titel Buch der Unruhe gegeben hatte, erschienen erst 1982, ganze 47 Jahre nachdem er in Lissabon gestorben war.

RimbaudDer Franzose Arthur Rimbaud, ohne den es den literarischen Expressionismus oder die surrealistischen Meisterstücke eines Pablo Picasso vielleicht so nie gegeben hätte, dichtete nur von seinem 15. bis zum 19. Lebensjahr und wandte sich danach seinen vielen anderen Leben zu, getreu Ciceros zweiter Zitathälfte „höre nie auf anzufangen.“

Es gibt kein literarisches Erfolgsmodell, Zehntausende Bücher erscheinen jährlich allein in Deutschland. Die Bestenlisten erklimmt lediglich ein Bruchteil, der zu oft ein kläglicher ist. Die Zahl der Bücher, die niemals erscheinen, mag bei Hundert mal Zehntausend und höher liegen. Von ihnen werden viele kaum weniger Wert sein als die meistverkauften. Der Wert eines Buches ist nicht an Verkaufszahlen zu messen. Das wusste ich schon vor 23 Jahren und dass es für mich schwer würde, war vorhersehbar. Letztlich hatte ich nur die Wahl, in einem Beruf mit festem Gehalt und trügerischen Sicherheiten 50 Jahre vor mich hin zu siechen oder alles auf eine unbekannte Karte zu setzen. Kurzum: Ich hatte keine Wahl. Es ist die vordringlichste Pflicht aller Träumer und Idealisten, ihr Leben gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand zu richten und ihn mit ihren Ideen aus der Irrenanstalt zu befreien.

40 Jahre, da spricht man hoffnungsvoll von Halbzeit und ich verdränge gern, dass Pessoa weitestgehend ungelesen nur 47 wurde und Rimbaud gar nur 37. Mit 40 ist es fast zu spät, um jung zu sterben.

Hermann_Hesse_1926_by_Gret_WidmannIch bleibe meiner Haltung, dem Selbstverständnis, dem Selbstzweifel und auch der Zuversicht eines Hermann Hesse treu und setze auf weitere 45 Jahre.
Genug Zeit für eine zweite Spielhälfte plus Nachspielzeit. Auch wenn man angeschlagen ist, wenn man zurückliegt, ist die Niederlage nicht ausgemacht. Man geht doch in der Halbzeitpause nur vom Platz, um sich frisch zu machen.

Und kommt dann wieder.

Verfasst im Juni und Juli 2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Foto „Fußballplatz im Nebel“ von Felix Meyer (Flickr, CC 2.0)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 7. April 2016 | Kommentare deaktiviert für Zeitpoltergeist im Böhmerwald

Screen 1 ms

„Gefällt mir sehr gut und regt zum Nachdenken an.“ Größere Komplimente sind für moderne deutsche Lyrik im Internet kaum zu haben. Achten Sie mal darauf, wenn Sie sich auf eine Lyrikplattform verirren. Verirren Sie sich aber besser nicht!

Böhmermann vs. Erdoğan.
Deutschland redet wieder über ein Gedicht. Das hat es seit Grass nicht mehr gegeben. „Halt, stopp! Julia Engelmann mit ihrem One Day / Reckoning-Text!“, wird hier vielleicht einer protestieren. Das war Psychologiestudentinnen-Poesie im Jahr 2013. Das war YouTube mit etwas medialem Rückenwind, von dem sich einige Medien selbst etwas Aufwind versprachen. Aber Böhmermann 2016 ist ein Monstersturm. So mitgerissen und umgehauen hat uns davor zuletzt Grass 2012 mit „Was gesagt werden muss“ und bald darauf „Europas Schande“. Letzteres regte auch zum Nachdenken an – und es regte auf. Grass‘ Gedicht: Ein Appell, das bankrotte Griechenland nicht aus der Europäischen Union zu verstoßen.
Jetzt trug Jan Böhmermann ein Gedicht über Recep Tayyip Erdoğan vor, dem Präsidenten der Türkei, einem Land, das sich in unserer Wahrnehmung nichts sehnlicher wünscht, als Vollmitglied der EU zu werden. Trotz Griechenland, über das keiner mehr redet. Wichtiger ist (nicht weil es tatsächlich wichtiger wäre, sondern weil es viele mehr interessiert): Der wöchentliche Böhmerwahn im Blätterwald, der längst ein Böhmerwald geworden ist und der uns erst wieder freigibt, wenn das letzte Blatt gewendet und vollgeschrieben ist. Blätter im Wald gibt es wie Sand am Meer und eine Staffel Neo Magazin Royal hat bis zu 34 Folgen im Jahr und manchmal eben Folgen…

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, // dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären, Schiller, „Wallenstein“. Oder volkstümlicher frei nach Wilhelm Busch „Dieses war der xte Streich, doch der nächste folgt sogleich.“

Besonders beachtlich an Böhmermanns bislang letztem Streich, weil kaum genauer betrachtet und lediglich hingenommen, ist die gewählte Form.
Warum ein Gedicht? Warum in Reimen? Warum so old-school? Unterstellen wir Böhmermann – ungeachtet aller unnötigen Vulgarismen – etwas wie Gespür, so hat er bewusst oder unterbewusst die eingängigste und einprägsamste Kunstform gewählt. Das Gedicht. Und hier war er ausnahmsweise wirklich „genial“ (nebenbei: Unter Böhmermann-Fans das am häufigsten verwendete Kompliment. Achten Sie mal darauf!)

Welchen Gegenwind, welchen Zuspruch, welche Aufmerksamkeit gereimte Lyrik, die sich mit ihrer Zeit auseinandersetzt, erzeugen kann, hat man u.a. bei Kästner gesehen. „Herz auf Taille“ mit den herrlichen Angriffen und Beobachtungen traf 1929 den Nerv der Zeit. Leicht verständlich, jedermann zugänglich. Böhmermann, Kind seiner Zeit, ist selbst ein Nerv. Der schmerzt nicht selten, zuckt zuweilen, ist unwetterfühlig. Und wenn er nervt, dann richtig. Da helfen keine Pillen.

Böhmermann ist ein Zeitpoltergeist, der unsere Bilder wirr auf den Kopf stellt oder unsere wirren Bilder im Kopf als Realität verkauft, er hält sich an keine Regeln des guten Geschmacks und setzt uns mit seinem breit süffisanten Grinsen einen fetten Haufen aufs Wurstbrett, was er dann selbst noch viel lustiger findet als sein überschaubares Fernsehpublikum. Aber da ist seine monströse Internetfangemeinde, die genauso ist wie er, immer quengelig, immer überengagiert, immer alles besser wissend, unfehlbar, Richter, Henker; Revoluzzer an der klebrigen Tastatur mit Bio-Amarettini-Krümeln unter den Tasten J, A, N, B, Ö, H, M, E, R  (wie das jedes Mal lustvoll knirscht!); eine verschworene Gemeinschaft, die zwischen Latte macchiato und Club-Mate auf dem Weg zum Babykonzert immer noch Zeit findet, in zwei Sekunden die Welt komplett zu überblicken und so viel Internet und Wissen vor sich zu hat, dass am Ende keine Ahnung übrig bleibt. Niemand wird bisher in den Weiten des Webs kommentiert haben, wie sehr ihn Böhmermanns Verse zum Nachdenken anregen. Ja wann denn das noch!? Es ist nicht die Zeit zum Nachdenken. Es ist Böhmermanns Zeit.

Das dürften auch preisgekrönte Vertreter moderner Lyrik wie Jan Wagner, Nora Gomringer oder Daniel Falb zur Kenntnis genommen haben. Was ihnen nicht gelingt, wovon der altgediente Durs Grünbein nur träumt und was selbst einem Robert Gernhardt verwehrt blieb, schafft #JanBoehm mit seinem Schmähgedicht auf Erdoğan: Ein Stück gereimte Sprache ist in aller Munde und zumindest für einen Moment Teil des kollektiven Bewusstseins. In der Haftwirkung ist Böhmermanns Pennäler-Poesie kaum zu überbieten. Auf Schulhöfen wird sie zitiert wie anno dazumal Otto Waalkes, im Netz unermüdlich verbreitet, unermüdlich gelöscht und daraufhin noch stärker verbreitet, sie wird diskutiert, verachtet, bejubelt.
Das regt zum Nachdenken an.

Linktipp: Stefan Niggemeier | Böhmermanns Satireschmäh

 

Verfasst am 06./07.IV.2015 in Berlin
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2015 | Kommentare deaktiviert für Herr Jé, ein eBook!

je cover bunt versuch fächer III

Herr Jé ist dem Tode nah, verhandelt mit ihm und verschwindet.
Matthias Schumacher lässt in drei heiteren Kurzgeschichten den Dicken mit dem schütteren Haar erstmals auf die Menschheit los – und die Menschheit auf Herrn Jé.

Leseprobe (PDF)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 12. Dezember 2015 | Kommentare deaktiviert für Frau Z. nun solo und käuflich

Frau Z. Cover Matthias SchumacherKleine Überraschung für alle, die sich mit Lyrik aus dem Elfenbeinturm schwer tun, aber heitere Gedichte mögen. Ich habe ein Weihnachtspäckchen in Form eines Amazon Kindle Books geschnürt und meine fünf Gedichte mit Frau Z. reingepackt. Für einige ist Frau Zitrone sicher eine gute Bekannte. Wer meine beiden Gedichtbände kaufte, hatte sie bereits inklusive. Für alle anderen bietet sich Frau Z. nun solo an. Ein Moment guter Laune kann so leicht zu haben sein!

Hier erhalten Sie das eBüchlein >>
 

Buchbeschreibung:

Matthias Schumacher serviert in fünf humorvollen Gedichten saure Szenen eines Lebens. Da ist die erste Liebe, die Frau Z. entführte. Eine zufällige Bekanntschaft mit einem Schirmherrn. Wir sehen Frau Zitrone „lässig cool am Südpol sitzen“, erleben einen peinlichen Auftritt und erfahren das Geheimnis ihrer schier ewigen Jugend. Kurzweilig und doppeldeutig. Sauer macht tatsächlich lustig!

 

(Ein Kindle Reader ist nicht zwingend notwendig. Es gibt für nahezu alle Geräte und Betriebssysteme entsprechende Apps von Amazon.)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Oktober 2015 | Kommentare deaktiviert für Jochen

Onkel Jochen hat seiner Zukunft ein Ende bereitet. Onkel Jochen ist tot.
Der jüngere Bruder meines Vaters. 66 Jahre alt. Kurz vor der Rente. Lange Polizist in der DDR. Ein einfacher Mann. Für meinen Vater ein letztes Stück Familie. Bezugspunkt unter sechs völlig zerstrittenen Geschwistern. Überhaupt hat es unsere Familie nicht so mit Familie. Väterlicher- wie mütterlicherseits. Ich nehme mich da nicht aus. Darum habe ich Jochen selten erlebt, doch wenn, dann habe ich ihn gemocht. Er machte keine Anstalten, etwas Besseres darzustellen, als er war. Das soll was heißen in meiner Verwandtschaft.

Ich will an dieser Stelle nicht die Chronik seines Lebens nachzeichnen, dafür war er mir zu fremd und zu fern, doch allemal so nah, dass man ins Grübeln kommt.

66! Das sind noch gut 26 Jahre vor mir. Vor 26 Jahren fiel die Mauer. Und ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater mit Jochen telefonierte, der im Herbst 1989 wie wohl jeder Ost-Berliner Polizist in Alarmbereitschaft stand und gezwungen war, im Falles eines Falles gegen Demonstranten vorzugehen. „Das könnten deine Brüder sein“, höre ich meinen Vater noch sagen. Ich weiß nicht, welche Rolle Jochen im großen Räderwerk spielte. Er wird still im Hintergrund mitgeschnurrt sein als die Lebenszeit der DDR unaufhaltsam runtertickte. Er war nie der Typ für die erste Reihe, er wird es auch damals nicht gewesen sein. Noch einmal höre ich „Das könnten deine Brüder sein“, sehe meinen Vater in gedrückter Stimmung am Telefon, meine, mich Fetzen einer Diskussion zu entsinnen, die meinen Vater nicht befriedigten. Aber was hätte ihm Jochen, der Vopo, am Telefon in diesem in der Auflösung befindlichen Überwachungsstaat anderes sagen sollen als das, was die Mithörer hören wollten? Ich war 13, hörte nicht mit, stand nur dabei. Es ist 26 Jahre her.

Heute habe ich mit meinen Eltern telefoniert und man ist sich einig, dass der „Blödmann“ jetzt so ein schönes Leben hätte haben können. Rente. Lebensgefährtin. Kinder aus dem Haus und unter der Haube. Mein Opa, sein Vater, wird bald 92. 26 Jahre älter als Jochen. Vielleicht hätte diese Frist auch noch vor ihm gelegen. Wie auch immer sie ausgesehen hätte, Jochen hielt sie für nicht erlebenswert. Dies gilt es zu akzeptieren. Es ist nicht zu ändern. Das sagt sich leicht und es ist schwer. Vor einigen Jahren hatte sich auch seine Frau das Leben genommen. Jochen hat sie in ihrer Wohnung gefunden. Er lebte mit ihrem Tod, wirkte bei seinem wenigen Besuchen im Beisein seiner Freundin stabil. Nur manchmal legten sich auf die Gespräche ein paar Schatten. Wie sehr sie nach ihm griffen, wussten wir nicht.

Wieder sehe ich einen Toten, mit dem – heute – niemand gerechnet hätte. Es sind ja selten die, die fürchten oder ahnen, nicht alt zu werden. Oder die, die mit Selbstmord drohen. Es sind oft die, die den Schein wahren, uns von ihren Plänen erzählen, die versprechen, bald wieder vorbeizukommen, dies und jenes mitzubringen „Lasst mal, ihr habt das letztes Mal gemacht“…

Jochen, eines Tages kommen wir zu dir! Machs gut!

Author: Matthias Schumacher | Date: 11. September 2015 | Kommentare deaktiviert für Das neue eBook ab sofort im Handel: Matthias Schumacher »Nachlass« Gedichte

Matthias Schumacher NACHLASS GedichteEin verwaistes Nest.
Ein kleiner Bruder, der malträtiert wird.
Liebe wie ein flirrender Südwind.
Bojen am Kai.
Trotz. Stille.
Börsenschluß.
Ein exhibitionistischer Mond, nackte Leute.
Matthias Schumacher versteht es, in seinem zweiten Gedichtband von ihnen und sich zu erzählen. Dieser Nachlass ist ein poetisches Lebenszeichen in klassischem Takt.
Eindringlich pochend, kurz wummernd.
Sanft. Stark.
Ein Wechselspiel, doch kaum gefährdet, aus dem Rhythmus zu geraten.

 

Erhältlich bei

 

Amazon Kindle-Shop | Apple iBookstoreGoogle Play

 

Thalia | WeltbildHugendubel | buch.de | bücher.de
Barnes & Noble | KoboEpubli

 

Leseprobe (PDF)

 

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