Author: Matthias Schumacher | Date: 13. September 2019 | Kommentare deaktiviert für Flimmerstunde und Fliegeralarm

Matthias Schumacher erinnert sich in der kleinen Reihe „13 aus 40“ an seine Kindheit in der DDR und folgt damit keiner großen Linie und keinem Fünfjahresplan. Erinnerungsstücke, die wie Steine aus einer Mauer fallen, zufällig wie die Lottozahlen. Garantiert ohne Ostalgie.  1. Teil

800px-Brandenburg_gate_1982

Jahre meiner Kindheit. Sterbejahre der DDR.
Die 80er, an deren Ende sich das kleine Land zwischen den Fronten des Kalten Krieges auflöste wie Brausepulver, das man sich in die Hand geschüttet und gründlich bespuckt hat. Es blubbert, schäumt hoch, plustert sich auf, wirft Blasen und man schluckt es runter, bevor es ganz unappetitlich wird. Manchmal stößt mir die DDR noch heute auf. Das ist ein anderes Thema. Bleiben wir in der Zeit, wo ich beim Anblick von Brausepulver nur an Brausepulver dachte …

Noch ein bisschen ABBA, viel Nena, Trio, Nik Kershaw, Shakin‘ Stevens. Mein Leben spielte sich zwischen „Ein Colt für alle Fälle“, „Schwarzwaldklinik“ und den „Waltons“ ab. Zu Weihnachten gab es Mehrteiler wie „Anna“ und „Patrick Pacard“. Ich liebte „Remington Steele“, „Trio mit vier Fäusten“ und natürlich „Löwenzahn“. Ich verpasste keine Folge von „Spaß am Montag“ mit dem Wuslon Zini, einem merkwürdigen animierten Lichtwurm, später hieß es „Spaß am Dienstag“ und irgendwie war dann die Luft raus. Keine Ahnung. Seit Manfred (Krug) und Lilo (Pulver), Horst (Janson) und Ute (Willing) nicht mehr dabei sind, schaue ich übrigens aus purem Protest die Sesamstraße nicht mehr. Und verdammt noch mal, ich will Herrn von Bödefeld zurück!

Habe ich schon erwähnt, dass ich damals viel in die Glotze geschaut habe? Ich habe damals viel ferngesehen. Meistens Westfernsehen, aber auch den „Kessel Buntes“ und die „Flimmerstunde“. Filme mit Agnes Kraus waren Pflicht, „Geschichten übern Gartenzaun“ sowieso und wenn Benno Geschichten machte, war die ganze Republik begeistert. Es hatte nicht selten etwas von Durchhaltefernsehen, wenn das feste Ensemble des DDR-Fernsehens, vorneweg Herbert Köfer, in einer neuen Fernsehserie, die letztlich nicht anders war als alle anderen, die Widrigkeiten des realsozialistischen Alltags aufgriffen und meisterten. Da erkannte sich jeder Werktätige sofort wieder.

Für die ganz jungen Menschen, die diesen Text lesen, sei erwähnt, dass Fernsehen in der DDR in der Regel schwarz-weiß stattfand. Farbfernseher waren für die meisten Arbeiter und Bauern unbezahlbare Luxusgüter. Meine Oma kaufte sich kurz vor der Wende (konnte ja keiner ahnen) ein Farbgerät für 6000 Mark, dafür hatte sie ein ganzes Leben lang gespart. Kein Wunder bei einem Lohn von 600 Mark monatlich.

1983 wurde ich widerwillig eingeschult. Ich ahnte, dass die Schule und ich immer auf Kriegsfuß stehen würden und das Desaster am Ende meiner Schulzeit hat die Ahnung Wirklichkeit werden lassen. Dieser Kriegszustand hinderte mich allerdings nicht daran, in den ersten sechs Schuljahren stets der zweitbeste Schüler unserer Klasse zu sein. Immer der Zweite! Was dazu führte, dass ich auch nur zum stellvertretenden Gruppenratsvorsitzenden gewählt wurde und später im Freundschaftsrat den Agitator geben musste. Ja ich musste, weil Pioniere „immer bereit“ waren und Neinsagen einfach nicht drin war. So war das damals. Außerdem war man ja als Schüler, Pionier und Timurhelfer, als intensiver Frösi-Leser und leidenschaftlicher Westfernsehengucker auch überzeugt vom Sozialismus. Und dass Ernst Thälmann unser Vorbild war, stand außer Frage. Thälmann hatte kein Westfernsehen. Wahrscheinlich war er deshalb noch ein wenig überzeugter als die meisten von uns. Vorbilder bekam man in der DDR vorgesetzt. Da hatte man keine Wahl. Überhaupt kam man in der DDR selten in die Verlegenheit, etwas zu wählen.

Und all dieser Pionierkram war schon sehr zeitraubend, aber auch schön. Ja es war schön! Als Kind, das weder 15 Jahre auf einen Trabbi warten muss und auch keinen Urlaub auf Mallorca anstrebt, fühlt man sich durchaus wohl in einer Diktatur. Ich musste als Kind nicht fürchten, in Bautzen zu landen. Höchstens im Heim oder später im Jugendwerkhof, aber ich war ja zweitbester Schüler in unserer Klasse, stellvertretender Gruppenratsvorsitzender… Sowas schützt. Obwohl unsere ganze Familie immer etwas aufmüpfig war.

Mein Vater war in den 70er Jahren Hausmeister in einer Schule. Als im Chaoswinter 1978 keine Kohlen mehr da waren, um das Gebäude zu heizen, rief Vater kurzerhand beim Staatsrat an. Sowas ging damals und blieb selten ohne Folgen. Die erste Folge waren 1A-Kohlen schon am nächsten Morgen. Die zweite Folge eine Abmahnung vom Schuldirektor, der sich übergangen fühlte und mit einem Parteiverfahren drohte, was an meinem Vater, der nie Parteimitglied war, abprallte.

Die 80er in der DDR waren schon eine merkwürdige Zeit. Man hatte als Kind immer das Gefühl, es könne jeden Moment losgehen. Irgendwas. Die wöchentlichen Alarme, meist Mittwoch, bei denen die Sirenen auf den Dächern probeweise angeworfen wurden, sorgten sicherlich nicht nur bei mir für ein flaues Gefühl im Magen. Ich erinnere, dass einmal, versehentlich, das Signal für Fliegeralarm ausgelöst wurde und mein Herz zu rasen begann, wie es dies sonst nur tat, wenn wir im Intershop an den Überraschungseiern vorübergingen. Und wenn in der Regel am 1. September nach achtwöchigen Sommerferien das neue Schuljahr begann, jagten zuweilen beim Fahnenappell Düsenjäger über unsere Köpfe hinweg. Tiefflieger. Zur Übung und als Demonstration der Stärke und Überlegenheit unserer friedlichen Heimat. Als Kind schwankt man da zwischen Entsetzen und Faszination.

Ich könnte hier noch viel erzählen von Kuchenbasaren für Nicaragua, vom Smog, den es bei uns nicht gab, das war alles nur Nebel, Smog machte an der Grenze halt, ebenso die Umweltverschmutzung und das Waldsterben. Ich könnte vom Supergau in Tschernobyl berichten, der in der DDR runtergespielt wurde, von Pioniernachmittagen und wie ich es schaffte, nicht zum Pioniertreffen nach Karl-Marx-Stadt zu müssen. Das ist ja alles nicht mehr wahr, und wer mir den Pionierknoten beibrachte, was spielt das noch für eine Rolle?

Ich muss so acht Jahre alt gewesen sein, als ich an der Hand meiner Mutter in Berlin Unter den Linden stand, so nah am Brandenburger Tor wie wir herankamen. Grenzer, Absperrungen, Mauer. Und ich wusste, da wirst du erst rüberkommen, wenn du Rentner bist, vielleicht nie. Mögen es 100, 200 Meter gewesen sein, sie waren unüberwindbar. Weit, weit weg. Und heute so nah. Gleich um die Ecke. Die ersten paar Meter hinter dem Brandenburger Tor heißen inzwischen „Platz des 18. März„. Manchmal stehe ich dort, schaue gen Osten, zurück, dem kleinen Jungen von damals nach. Er ist verschwunden und frei.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer und ich gehe auf die Mitte 40 zu. Ohne Wende müsste ich noch 22 Jahre warten, bis ich die Quadriga mal von hinten sehen dürfte. Übrigens: Frauen gingen in der DDR regulär mit 60 in Rente, Männer erst mit 65. Gleichheit und Gerechtigkeit Made in GDR.

So weit dieses Damals zurückliegt, so weit voraus auch der Tag, an dem die Kinder und Jugendlichen von heute ähnlich wie ich auf ihre Jugendzeit zurückblicken werden. Sie werden von ihrer Freiheit berichten und ihren Grenzen auch, von Zwängen und Pflichten, von Dingen, die dann unvorstellbar scheinen werden. Sie werden darüber lachen, wie viel ihre Smartphones gekostet haben und ihren Kindern berichten, dass deren Großeltern damals noch TV schauten. Und einige werden vielleicht von diesem Gefühl erzählen, dass irgendetwas jeden Moment hätte losgehen können. Irgendwas.

Verfasst in Berlin
von Matthias Schumacher.

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 9. September 2019 | Kommentare deaktiviert für Die Rose

Und einsam welkt die Rose,
Die man vergessen hat,
Die Blätter werden lose,
So stirbt sie – Blatt um Blatt.

Sie welkt, vergeht, wird nimmer blühn,
Man macht sich nichts daraus,
Denn all ihr Feuer, alles Glühn
Verließ schon lang das Haus.

Was fort ist, kann man schätzen,
Doch muß es weitergehn,
Man wird sie bald ersetzen –
Als wäre nichts geschehn.

 

Verfasst im Januar 2004 in Berlin
von Matthias Schumacher.

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. August 2019 | Kommentare deaktiviert für Rainer Bielfeldt »Zwei Leben« AlbumKritik | EIN MANN WIE IM SCHRANK

Matthias Schumacher rezensiert »Zwei Leben« von Rainer Bielfeldt und hat eine vage Vermutung, wie der Singersongwriter dazu kommt.

Rainer Bielfeldt _ Album "Zwei Leben" _ Foto: Tiago Bielfeldt

Zwei Jahre ist Rainer Bielfeldt durch unsere Schränke getingelt und kommt nun mit neuem Album wieder heraus. Wie wäre es anders zu erklären? »Viel zu viele Einbahnstraßen, die ins Leere führten, bist du ein halbes Leben ohne Mut entlang gefahrn«, singt Rainer Bielfeldt im Titelsong. Und »Du warst, wie man dich sehn will, so viele tausend Male, dass du dich aus den Augen verlierst.« Man möchte ausrufen: »Woher weiß der Mann das von mir?«

Bielfeldt ist mit »Zwei Leben« wieder ganz nah an uns dran. Einblicke in Zweierkisten und Selbstreflexionen, wie sie oft nur vor dem inneren Spiegel stattfinden, sind die Spezialitäten des gebürtigen Hamburgers. Das muss er nicht mehr beweisen. Jedes Solo-Album ist Beleg, ungezählte Kompositionen für Tim Fischer tragen Bielfeldts unverwechselbare Note. Und dann ist der Mann auch noch niveauvoll witzig! Die Sehnsucht verschmalzt er nicht. Dem schnöden Alltag zwingt er Skurriles ab, das der Alltag tatsächlich oft bietet, aber wir gehen blind daran vorbei oder stehen mittendrin. Bielfeldt hat das Sehen nicht verlernt.

Rainer Bielfeldt ist seit über drei Jahrzehnten vor und hinter der Bühne federführend unterwegs und doch ist er, so heißt es im Begleittext zu seinem 2017er Album, »kein Typ für Massenware«. Da versteht man das Publikum und die Welt nicht mehr! Warum steht so einer nicht öfter selbst vorn an der Rampe? Vielleicht hat er sich – für andere – zu oft zurückgenommen. Der Künstler verrät mir, wie er das sieht:

Rainer Bielfeldt:
— »Nun, zu dem ganz normalen „Schiss“, sich in die erste Reihe Mitte der Bühne zu stellen – oder in meinem Falle zu setzen –  kam die Tatsache, dass ich an vielen anderen Projekten gearbeitet hatte, die auch künstlerisch sehr erfüllend waren. Also hatte ich nicht das Gefühl: Ich muss unbedingt mein eigenes Ding machen! In allem, was ich tat, steckte schon eine Menge von mir und meiner Persönlichkeit. Nun habe ich aber wieder Blut geleckt. Die künstlerische Freiheit, die ich nun wieder in meinen Soloprojekten habe, ist unvergleichlich schön. Wichtig für mich war aber auch, zu erkennen, was meine Stärken sind, und was nicht. Und nicht alles gleichzeitig zu wollen. Ich kann Lieder schreiben, Klavier spielen, singen und Geschichten erzählen. Ich muss nicht auch noch Comedy machen, tanzen und steppen und stagediven. Ich habe viele Sachen probiert, ohne gleich zu merken, dass das nicht ich bin. Jetzt bin ich wieder pur. Am Klavier sitzend und singend.« —

Der Mensch R. Bielfeldt scheint dem Küchenpsychologen auch aufgrund mancher Texte ein gleichmütiges, sanftes Wesen zu sein, das sich wie wir alle an fast alles gewöhnt. Und davon erzählt er uns im zweiten Titel. Bielfeldt macht eine Liste auf: »Man gewöhnt sich an Macken und Kratzer, an Bußgeld und Steuerbescheid…« und haut uns zum Ende doch deutlich in die Ohren, woran er sich eben nicht gewöhnt. Und wieder sagen wir: »Wir auch nicht!« Aber, woher weiß der das?

Dann setzen wir uns mit ihm an die Tafel während einer Familienfeier. Die Herrschaften kennen wir! Die Namen von Schwager Konrad mit dem immer leeren Bierglas, Oma Helga mit ihren Torten, von Gertrud, Wölfchen und Renate und Kati könnten wir austauschen. »Die Hölle, die mich wärmt«. Da braten wir alle gelegentlich vor uns hin. Und doch…

Den Albumtitel »Zwei Leben« interpretiert Bielfeldt im Song »Insel namens Abendland« thematisch ganz anders. Geschichte zweier Jugendfreunde, deren Wege sich trennten. Wie es eben so ist. Und dann folgt man sich bei Facebook und stellt fest, wie weit diese zwei Leben inzwischen auseinandergegangen sind, wie Ideale verloren gingen, wie schief Weltbilder hängen. Ein starkes Stück Musik im Heute ist Rainer Bielfeldt da gelungen. Vielleicht doch einmal etwas fürs Radio – und für die Masse, die es angeht und sich sagen lassen muss: »Auf deiner Insel namens Abendland, von der du meinst, sie würde sinken, stehst du am Strand und siehst den Menschen zu, die im Mittelmeer ertrinken.«

Man fragt sich mit Recht, warum andere namhafte Künstler sich weder ans Problem der zunehmenden Hassverbreitung in den »Facebook-Echokammern« noch an das Thema Flucht wagen. Dazu gäbe es viel zu sagen und die Antworten dürften den Künstlern nicht gefallen.

Dem Publikum bereits gefallen haben zwei Songs der neuen Produktion. »Pflanz Lavendel auf mein Grab« und »Schau, sie schläft« erschienen 2016 auf dem Tim-Fischer-Album »Absolut!« Nun singt sie, eigens für sich arrangiert, Rainer Bielfeldt höchstselbst mit weicher Stimme und macht sie sich auf seine Weise wieder zu eigen.

Besondere Chanson-Miniaturen sind dem Künstler mit »Kleines Liebeslied / Liebeslied / Memento« geglückt. Fünfminütige Vertonung dreier Gedichte von Mascha Kaléko, der Bielfeldt lange verfallen ist. Ruhig, getragen, verträumt. Ganz anders als in »Gemeinsam sind wir Muhammad Ali«, wo der Flügel zum Saloon-Piano wird. Ja mit zwei o, nicht Salon! »Ich habe Angst, dass ich den Mut verliere, bei dem was sich weltweit zusammenbraut!« Rainer Bielfeldt setzt immer wieder Akzente, bringt Statements, klar und unaufdringlich.

Rainer Bielfeld _ Zwei Leben _ Cover by Tiago Bielfeldt

Mit »Unerwartet« widmet Rainer Bielfeldt ein Lied seinem Ehemann Tiago, der im Übrigen das Coverfoto und die Pressebilder zum Album beigesteuert hat. Im Refrain geht’s auf brasilianischem Portugiesisch ab! Doch kein Heischen um Aufmerksamkeit, das Outing hat Bielfeldt lang hinter sich und sein buntes Publikum wird es genauso aufnehmen, wie es gedacht ist: als aufrichtiges Bekenntnis zweier Liebender zueinander. Zwei Leben, die – unerwartet – aufeinandergestoßen sind und ineinander fließen.

In »Gib auf deine Seele acht« setzt er das Gegenstück. »Wenn Liebe geht, dann darf man sie nicht halten, im Käfig wird sie krank und singt nicht mehr«. Rainer Bielfeldt singt vom Loslassen einer Liebe und gibt ihr guten Rat mit auf den Weg ins weitere Leben – und zur nächsten Liebe.  Zärtlich berührend und gerade groß, weil viele von uns eben diese Größe nicht haben, ohne Hass und Verbitterung einen Partner ziehen zu lassen. Der Titel, ein älteres Stück, wurde nun noch einmal durch ein Streichquartett verstärkt und verschönt.

Doch bevor das Album damit endet, besingt Rainer Bielfeldt zuvor in »Viel zu selten allein« die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Inklusive Reiseempfehlungen für Goslar und Gerolstein! »Du schicktest endlich wieder Ansichtskarten, an jede Wand häng ich ein Bild von dir!« Wer in einer längeren Beziehung lebt, der weiß, wovon Bielfeldt da singt. »Die Sehnsucht stirbt an der Schwelle zur Erfüllung«, sagte Udo Jürgens einmal. Rainer Bielfeldt versucht, die Sehnsucht in diesem Song am Leben zu erhalten. Würden wir doch auch!

Jetzt will ich’s aber wissen! »Man könnte meinen, Du hättest manchmal bei uns gelauscht. Aber wie kam es wirklich zum neuen Album?«

Rainer Bielfeldt:
— »Vor gut zwei Jahren bin ich auf einen weisen Leitsatz gestoßen: „Wir haben zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn uns klar wird, dass wir nur eins haben.“ Dieser Gedanke, dass das Leben Grenzen hat, und dass es darum umso wichtiger ist, unsere Zeit bewusst und sinnvoll und glücklich zu verbringen, lässt mich seitdem nicht mehr los. Ich bin jetzt 55, also befinde ich mich, auch wenn’s gut läuft, klar in der zweiten Lebenshälfte. Da kommen diese Fragen auf: „Was will ich?“ und vor allem: „Was will ich nicht mehr?“ Aber diese Themen sind nicht allein von meiner Altersgruppe gepachtet, ich denke, sie sind universell. Es ist nie zu früh, sein Leben von Ballast und Zwängen zu befreien. In jungen Jahren bin ich dieser nicht immer angenehmen Aufgabe allerdings öfter ausgewichen als heute. Frei nach dem Motto: „Ich habe ja noch sooo viel Zeit.“ Vor drei Jahren hab ich mich gefragt: „Was will ich eigentlich erzählen mit Anfang 50? Jetzt weiß ich es; und es kommt immer mehr. Hinzu kommt auch immer wieder der Wunsch, mich angesichts des aktuellen Rechtsrucks und einer größer werdenden Verrohung im Zwischenmenschlichen klar zu positionieren. Ich bin kein politischer Kabarettist und will auch keiner werden. Aber die Klappe halten kann und will ich auch nicht.« —

Klar, die Story mit dem Schrank war nur ein launiger Aufhänger für diese Rezension. An den Haaren herbeigezogen und abwegig. ABER machen Sie sich lieber selbst ein Bild, hören Sie in die 14 Titel rein oder besuchen Sie ein Konzert von Rainer Bielfeldt. Vielleicht singt er ja auch was aus Ihrem Leben… Und wenn Sie irgendwann einmal nachts ein taktvolles Klopfen im Kleiderschrank hören, bitte, stören Sie den Künstler nicht bei der Arbeit!

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Rainer Bielfeldt: Website, Facebook
Tiago Bielfeldt: Website

Verfasst in Berlin, 23.VIII./30.VIII.2018
von Matthias Schumacher.

Author: Matthias Schumacher | Date: 24. August 2019 | Kommentare deaktiviert für „Sie erzählen uns ohne Tabu“

Der preisgekrönte Film von Laura Ngo Maï und Arnaud Clerici zum Thema Mobbing wurde nun von Stephan Sulke ins Deutsche übertragen. Beeindruckende wie bedrückende Minuten.

https://www.nonauharcelement.education.gouv.fr

Author: Matthias Schumacher | Date: | Kommentare deaktiviert für SOZIALE MEDIEN: Das Missverständnis

Die Annahme, mancher suche in den Sozialen Medien nur STREIT, ist gänzlich falsch. JEDER sucht dort nur eines: ZUSTIMMUNG.

Bild: Matthias Schumacher, "Sozial", 20.XIII.2019
Author: Matthias Schumacher | Date: | Kommentare deaktiviert für Hermann Hesse – Annäherungsversuch an einen Berührer

Wie nähert man sich einem Übermächtigen? Sich verneigend, ehrerbietend oder frech aufmüpfig, seine Größe anzweifelnd, herunterspielend? Die Größe eines Schriftstellers misst man am besten fern der Jubiläen, zu denen Verlage besonders nach Auflage schielen und Mittelgroße zu Riesen aufblasen, die – wenn der Hauch eines Zweifels über sie hinwegzieht – zusammenfallen wie ein Soufflé. Hermann Hesse hält noch immer allen Stürmen stand, jedes Wanken, Straucheln, jeder Bruch, der frühe Selbstmordversuch, die Aufschreie und Befreiungsversuche aus bürgerlicher Enge – alles ist dokumentiert. Nichts kriegte ihn klein.

Das Nachzeichnen seiner Lebens-, selbst seiner Wanderwege hat mal wieder Konjunktur. Jener, mit dem man auf „Morgenlandfahrt“ am Blautopf, auf Suche nach dem Ich in Indien oder im Karzer des Klosters Maulbronn war, ist allgegenwärtig, doch unerreichbar. Er lehrte uns: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ So laufen viele ihm nach und gehen mit ihm in sich. Es ist nicht die schlechteste Richtung und vielleicht die einzige in ein bessere Welt. Welcher Dichter war so erfolgreich selbstsuchend wie Hermann Hesse und welcher Dichter hat dabei so tief in unsere Herzen gefunden?

Wie nähert man sich einem, der so viele berührt hat, der so individualistisch war, dass sich Abermillionen auf der Welt in ihm erkannten, mit ihm verbündeten? Viele wissen früh, wo sie im Leben hin, was, wie, wer sie sein möchten. Viele haben in der Jugend eine Lehre hingeworfen und eine andere nur widerwillig über sich ergehen lassen, doch kaum jemand war so radikal, so „ich“ im Späteren. Der lange Atem ist nicht jedem gegeben. Nicht jedes Nein in Stein gemeißelt. „Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle.“ Ein Zitat, das so oder verkürzt in kaum einer Hesse-Besprechung fehlt. Sein „Kurzgefasster Lebenslauf“ aus dem Jahr 1929 offenbart die „Abgründe“, die es zu überwinden galt. „Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein: das heißt als Dichter erfolgreich und bekannt zu sein, meistens war man leider dann schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande […] Dichter war etwas, was man bloß sein, nicht aber werden durfte.“ Hesse fand seinen Weg.

Scheitern ist nur auf dem Weg möglich. Die meisten fügen sich in von anderen vorgezeichnete Wege, mögen Sie steinig sein, voller Mühsal und Selbstaufgabe fordernd. Viele lassen sich ihre Jugendträume aus dem Kopf schlagen, lernen etwas „Anständiges“ und sterben anständig. Ihr Leben krönt ein Grabstein mit der Aufschrift „unvergessen“. Die Friedhöfe sind voll von Unvergessenen, an die sich niemand erinnert. Auf Hesses Grabstein steht allein sein Name, Geburts- und Sterbetag.

Hesse hat rebelliert und war erfolgreich dabei. Auch deshalb ist er für Abermillionen Menschen der Inbegriff der Sehnsucht nach sich selbst, einer Sehnsucht, die wir alle unterschiedlich stark ausgebildet in uns tragen, die wir aber freizulassen, zu leben, selten fähig sind oder nicht den Mut haben. Hesse ist der Bruder aller Leidenden und Unterdrückten in einer vermeintlich geordneten Welt, die nur mit Unterordnung funktioniert; ein Freund jener, die nur bei der Lektüre aus ihren Bahnen können. Doch er war kein Stern, der sich losgelöst von allem im Raum bewegte, der sich nicht an die Naturgesetze hielt. Hesse war in Wut und Verzweiflung verwurzelt, der heute wie eingangs erwähnt als übermächtig Wahrgenommene, oft ein Ohnmächtiger, ein Menschenkind, das sich mit dem Menschsein schwer tat. 32jährig schrieb er in einem Brief: „Ich bin ein Dichter geworden, aber ein Mensch bin ich nicht geworden. Ich habe ein Teilziel erreicht, das Hauptziel nicht. Ich bin gescheitert.“

Hesse war Idealist und darum ein Phantast. Das Leben ist nicht so. Nicht alle können tun, was sie wollen. Nicht alle können, was sie gern würden. Dem Sohn eines deutsch-baltischen Missionars und einer schwäbisch-welschschweizerischen Missionarstochter war ein überragendes Talent in die Wiege gelegt, ein Talent, das etwa die meisten Bewerber bei „Deutschland sucht den Superstar“ nicht haben. Doch man hört es immer wieder, dass ihnen schon seit frühester Jugend das eine klar war: Popstar oder nichts werden zu wollen. Aber soll man es trotz Piepsstimme nicht wenigstens versuchen?

Hier berührt uns Hesse, stupst: Tu es! Geh, fall, steh auf, geh weiter… „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – sein Gedicht „Stufen“. Diese Art Ermutigungen von jemandem, der alle Ängste und Tiefen kannte, seine Romane, Erzählungen und 1200 Gedichte, sind so urmenschlich, so international und zeitlos, dass ihre Botschaft auch heute noch allerorts verstanden wird. In jedem Jahr werden allein bei Suhrkamp bis zu 400.000 Hesse-Titel verkauft. Die Weltauflage liegt derzeit bei etwa 150 Millionen. Überall gibt es Träume, die nur geträumt, Leben, die nie gelebt werden. An jedem Ende der Welt unerhörte Liebe, sexuelles Verlangen, Schuldgefühle,  Außenseitertum und Einsamkeit, Krisen – unterbrochen von aufflackerndem Glück.

Ob in „Unterm Rad“ oder im „Demian“, ob im „Glasperlenspiel“ – Hesses Charaktere gehen ihre Wege und Hesse zeigt wie kein Zweiter die Schatten am Wegesrand, die Zweifel und bitteren Nöte… Und verdammt noch mal, keiner schaffte es wie er, Liebgewonnene jäh aus dem Leben zu reißen! Der unerwartete Tod ist eine von Hesses besonderen Spezialitäten, er lässt uns wie „Peter Camenzind“ mit Flüchen und Weinen zurück. Millionen warf Richards Tod aus der Bahn. Aus der Bahn ist man meist ganz nah bei sich. Hans Giebenrath ließ Hesse ebenfalls ertrinken, Magister Knecht erging es nicht anders.

Hesses Schreiben ist wie ein Versuch, uns das Radfahren zu lehren. Erinnern Sie sich, wie Ihr Vater versprach, Sie festzuhalten? Erinnern Sie sich, wie Sie mit der Sicherheit seiner Hand am Sattel die ersten Meter fuhren, wie Sie anhielten und strahlend zurückblickten, voller Stolz über Ihre Gemeinschaftsleistung? Da stand, weit, weit hinter Ihnen Ihr Vater und lachte. Sie waren allein gefahren. Ihr erster eigener Weg. Ein kleiner Betrug, ein gebrochenes Versprechen. Eine Illusion am Ende. Unvergesslich doch und so unendlich viel Selbstbewusstsein aufbauend.

Hesse ist Sattelhalter und Aus-dem-Nest-Schubser zugleich. Ein gutes Gefühl gibt er, selbst in der Verzweiflung, wenn wir gefallen sind, er spendet den Trost, nicht als erster und nicht allein gefallen zu sein.

Doch alles hier Geschriebene ist lediglich eine Interpretation, Gedanken und Empfindungen eines Autors, eines Mannes, der in vier Jahren 40 wird, der seinen Weg eingeschlagen hat, an ihm verzweifelt und in ihm Erfüllung findet. Hesse hat mich immer begleitet und an diesen Zeilen hat auch ein wenig er Schuld. Auf der „Nürnberger Reise“ glaubte ich, eine Seelenverwandtschaft zu ihm entdeckt zu haben. Seine Arbeitsweise des Müßiggangs ist mir näher als die eines Thomas Mann, „der seine Arbeit so treu und gediegen leistet.“ Seine oft volksliedhaften Gedichte, die dieser Tage wieder im Schatten seiner Romane stehen, sind mir wie ihm näher als moderne Prosadichtung, deren Kunstfertigkeit sich darauf beschränke, „dass man nach je zwei, drei, vier Worten eine neue Zeile beginnt.“ Nein, an Grass‘ „Was gesagt werden muss“ hätte auch Hesse keine Freude gehabt. Hesse, ich – Parallelen, die sich in irgendeiner Unergründlichkeit treffen und – in jedem Wortsinn – berühren. Irgendwo bei Hesse kann sich jeder erkennen.

Die Frage ist beantwortet. Wir müssen nicht ins Tessin, müssen nichts bei Wikipedia nachlesen, können die Literaturkritik, die Aufsätze und was man uns in der Schule über diesen Sonderling beizubringen versuchte, ignorieren. Selbst diesen Artikel. Hesse ist in uns. Näherungsversuche zwecklos, nutzlos. Er ist nicht das Ziel, wir sind es. Wenn wir in uns gehen, sind wir ihm nah. Das riecht nach religiöser Transzendenz und will doch nur sagen: Sei wie Du willst, dann bist Du wie er sein wollte – er selbst. Sich an einen Namen, ein Idol zu hängen, bringt nicht weiter. Es führen alle Wege nach Rom und viele in uns. Was nutzt es, sich an einen Wegweiser mit dem Schriftzug „Rom“ zu klammern? Selber gehen! Die Angekommenen, die sich am Ziel wähnen, sind verloren und werden Hesse nicht bemühen.

Jede über sein Werk hinausgehende Annäherung wäre ihm, dem menschenscheuen Vegetarier, Kleingärtner, Nacktkletterer, dem Eremiten Hesse ohnehin ein Gräuel gewesen. Am Tor zu seinem Domizil in Montagnola hatte er ein Schild mit der Aufschrift „Bitte keine Besuche“ angebracht. Wie vielen Größen haftet Hesse der Ruf an, nicht sonderlich sympathisch gewesen zu sein, es muss uns also nicht betrüben, ihm nie persönlich gegenüber gestanden zu haben. Und wenn wir, die wir uns verwandt und ihm ähnlich fühlen, tatsächlich ein wenig wie er sind, wäre er sicher froh, dass wir ihm erspart blieben.

Verfasst am 07.XIII.2012 und 24.XIII.2019
in Berlin von Matthias Schumacher.

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Juli 2019 | Kommentare deaktiviert für Ausfahrt

Die Schreiberstube eingetauscht gegen dies auf meinem Schoß, denn wer fortwährend in sich lauscht, dem schrumpft die Welt zum Kloß. Da tut man gut hinauszufahrn, ein Kloßründchen zu drehn, mittendrin in Menschenscharn das Menschliche zu sehn.
Der geht. Der steht. Der hat kein Bein. Ach, dieser ist ja eine Frau! Und jener würd gern eine sein. Und das da weiß noch nicht genau.
Wie wenig ist doch wahr die Welt, wie vieles Illusion! Und daß da keiner runterfällt, grenzt an ein Wunder schon. Die Welt ist voller Flausen, sie reizt das Füllhorn aus, und man erkennt mit Grausen: Sie ist ein Kartenhaus.
Was brennt, kann nicht bestehen, man hat es oft gesehn. Was stürmt, das wird verwehen, was mitschwimmt, untergehn.
Was hat auf dieser Erde denn dauerhaft Bestand? Wo reicht der Menschenherde die Ewigkeit die Hand? Ein Kloß, der wird verspeist, so will es die Natur – und wenn man ihn bereist, so ist das keine Kur!

Verfasst am 15./16.VI.2004 in Berlin.
© Matthias Schumacher
Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Juli 2019 | Kommentare deaktiviert für Neues eBook im Herbst 2019

Author: Matthias Schumacher | Date: 26. März 2019 | 9 Comments »

Vorhin, im #Netz, da hab‘ ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen: #Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder ’n #Arsch zu – du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: #User WilliVKpnick, wat haste jemacht mit deiner #Lizenz zum #Leben? Un dann muß ick sagen: #YouTube #Facebook, #Twitter, #Blog, #Kommentarbereich, #Kommentare, Twitter, #Instagram, #YouTube #Comments muß ick sagen, da bin ick uff andren rumjetrampelt und andere uff mir. Da hab‘ ick mir rumjetrieben und jeschrieben – im #Internet – Tach und Nacht. Und #Gott, der #Urheber von alles, sagt zu mir: Geh off, sagt er, #WTF, #Netzsperre, #Uploadfilter, sagt er, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste mir schuldig, sagt er, wo isset?

– frei nach Zuckmayer –

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Author: Matthias Schumacher | Date: 27. Februar 2019 | Kommentare deaktiviert für VERFLOGEN. Ich kann nicht mehr fliegen, hab’s einfach verlernt, und meine Ziele liegen weit, so weit entfernt. Vielleicht könnte ich gehen – übers Meer. (Die Zeit ist vorbei!) So bleibe ich hier stehen, flügellos und vogelfrei. Ich stehe, wenn es stürmt, und stehe, wenn es schneit, und rings um mich da türmt sich sandgewordne Zeit, die durch meine Finger rann und droht, mich zu begraben – Ein Vogel, der nicht fliegen kann, den fressen bald die Raben. Ich konnte einmal fliegen in einem Traum um alle Welt, doch alle Träume liegen tot um mich – an mir zerschellt.

Verfasst 26. bis 28.XII.2008 in Berlin von
Matthias Schumacher.

Erster Entwurf
– Handschrift –


Zweiter Entwurf
– Handschrift –


Klassische Endfassung
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VERFLOGEN

Ich kann nicht mehr fliegen,
Hab’s einfach verlernt,
Und meine Ziele liegen
Weit, so weit entfernt.

Vielleicht könnte ich gehen –
Übers Meer. (Die Zeit ist vorbei!)
So bleibe ich hier stehen,
Flügellos und vogelfrei.

Ich stehe, wenn es stürmt,
Und stehe, wenn es schneit,
Und rings um mich da türmt
Sich sandgewordne Zeit,

Die durch meine Finger rann
Und droht, mich zu begraben –
Ein Vogel, der nicht fliegen kann,
Den fressen bald die Raben.

Ich konnte einmal fliegen
In einem Traum um alle Welt,
Doch alle Träume liegen
Tot um mich – an mir zerschellt.

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Author: Matthias Schumacher | Date: | Kommentare deaktiviert für Herr Jé, ein eBook!
Herr Jé - Kurzgeschichte _ Matthias Schumacher

Herr Jé ist dem Tode nah, verhandelt mit ihm und verschwindet.
Matthias Schumacher lässt in drei heiteren Kurzgeschichten den Dicken mit dem schütteren Haar erstmals auf die Menschheit los – und die Menschheit auf Herrn Jé.

TZT: