Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2014 | Kommentare deaktiviert

Udo Jürgens - (c) Hubert Burda Media: Bambi 2013, 14.11.2013, Berlin

Ich mag in diesen Stunden keinen klassischen Nachruf schreiben.
Zu nah geht mir unser Verlust. Wir sind alle ärmer geworden und wie sehr uns Udo Jürgens fehlen wird, werden wir erst in den nächsten Jahren feststellen, wenn es um uns herum nur noch monoton plätschert oder wummert.
Jetzt wird viel geschrieben, viel Wahres von Freunden, Anekdotenreiches von Weggefährten und Enzyklopädisches von Journalisten, die mit dem Verstorbenen nie etwas anzufangen wussten und nun diesen Tod aufs Auge gedrückt bekommen. Vielleicht weil alle anderen schon im Weihnachtsurlaub sind. Mein Nachruf würde untergehen. Ist das ein Grund, ihn nicht zu schreiben? Nein.

Ich habe auf dieser Seite schon etliches über Udo Jürgens geschrieben, eine meiner Rezensionen hat es sogar auf die offizielle Website des Künstlers geschafft. Was aus der Jürgensschen Vita zu pressen ist, werden die Medienhäuser in den kommenden Tagen noch einmal ausführlichst über uns ausschütten. Und während manche der Großen, die ihm mal auf einer Gala zuprosteten und mit ihm kaum etwas zu tun hatten, nun vielbeachtete Tweets in die Welt setzen und auf Facebook Likes sammeln, darf der langjährige Fan die Kommentarspalten fluten und geht in der Flut unter. Udo Jürgens wusste, dass er von Millionen geliebt und verehrt wurde, und jene, die eines seiner zahllosen Konzerte besuchten, lange Fan waren, bewundernde Briefe schrieben oder ihm ausschließlich beim Hören seiner Platten nahe waren, trauern nun bei seinen Liedern. Die werden sie trösten wie so oft, wenn ihnen das Leben übel mitgespielte, sie neu liebten oder vergebenen Chancen nachweinten. Ihre unerzählten Geschichten sind mit den viel gesungenen Liedern von Udo Jürgens verbunden und viele denken nun zurück an ihre ersten musikalischen Berührungen.

Bei mir muss es 1986 gewesen sein, es war ein herrlicher Sommermorgen und aus dem klobigen Röhrenradio meiner Oma klang “Du hörst dasselbe Lied im Radio…” Welch eine Story! Ein verlorenes Stück Papier mit einer Telefonnummer. Ich war mit meinen 10 Jahren hin und weg. Zum einen, weil mir der Song nicht mehr aus den Ohren ging, zum anderen, weil an ein Telefon bei uns zu Hause nicht zu denken war, aber vor allem, weil ich bis dato noch nie einen im Radio vom Radio hatte singen hören. Als meine Oma den Sänger identifizierte und ich ganz langsam neben ihr her in die Küche schlurfte, um keinen Ton zu verpassen, sagte sie etwas wie “Den Jürgens mit der großen Nase konnte Opa nie leiden… mit 66 Jahren fängt das Leben an… ‘So ein Quatsch’ hat Opa immer gesagt.” Mein Opa war ein Jahr zuvor 60jährig verstorben und ja, es war Quatsch. Für ihn. Für Millionen war es die gesungene Hoffnung auf ein Leben nach dem Arbeitsleben.

Bald lernte ich mehr von Udo kennen, die damals frische Produktion “Deinetwegen” ging mir ins Blut. “Jeder so, wie er mag”, “Ladies and Gentlemen” sowie der für viele in der DDR zur Metapher gewordene Song “Sperr mich nicht ein” oder das starke Titellied mit dem Refrain von Thomas Christen “Ich werd’ nie wieder geboren/bin nie der, den ihr meint./Und vor allem – wer spinnt,/wird nie alt!/Ich hab’ genau so wie du/meine Karte am Eingang bezahlt!” Da war Biografisches und Glaubwürdigkeit, Trotz, Ironie, Kritik, auch Tod und Verlust, und dieser Wille, diese Lust auf Morgen, diese Lust am Leben. Den doppelten Boden des Anti-Atomkraft-Songs “Guten Morgen, mein Liebes” entdeckte ich erst viel später, obwohl so kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf allen unsichtbaren Uhren “5 Minuten nach 12″ stand. Aber im Alter von 10 Jahren…!

Während meine Freunde auf der Neuen Deutschen Welle ritten, mancher linientreu auf Puhdys und Karat schwor, wurde ich Udo-Fan, holte mir aus der Bibliothek, was es zu holen gab, und überzog die Leihfrist bis die Platte praktisch mir gehörte und meine Mutter die Unterschlagung des Volkseigentums mittels Barzahlung aus der Welt räumte. Ich war udofanatisch, saß stundenlang hochgespannt vor dem Radiorecorder, um blitzschnell “Play” und gleichzeitig “Record” zu drücken, und hoffte, der Moderator würde diesmal nicht am Ende ins Lied quatschen. Meist tat er es doch und versabbelte obendrein die ersten Töne. Oft hockte ich mit dem Mikrofon vor dem Fernseher und nahm Udo Jürgens auf, wenn er in einer der vielen erfolgreichen Samstagabendshows der 80er Jahre zu Gast war.

Die Mauer fiel, ich war 13 und ich bekniete meine Mutter, mir “Ohne Maske”, das ’89er Album zu kaufen. Eine Offenbarung. Und dann diese Zeile zum Umbruch “Du kannst den Sänger in Ketten legen, aber niemals sein Lied” oder “Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient.” Wie oft habe ich dieses Lied bis heute gebraucht! Meine Begeisterung riss nicht ab, jedes neue Album musste her und jedes, an das zu DDR-Zeiten nicht ranzukommen war – nicht mal durch dreisten Bibliotheksdiebstahl.

Natürlich gab es schwächere Produktionen. Doch auch zweifellose Meilensteine wie 1999 “Ich werde da sein” mit dem Titel “Ich lass Euch alles da”, den mancher damals als Anzeichen von Künstlermüdigkeit verstand, ein baldiges Ableben ahnend. Aber Udo zeigte es Fans wie Kritikern immer wieder. Ausverkaufte Konzerttourneen, Gold und Platin. Im Jahr 2000 mein erstes Konzert, ganz vorn stehend mit Hausfrauen, jungen und alten Männern, schwulen und verträumten Sparkassenangestellten, besonders gut gekleideten Rechtsanwaltsgattinnen und 17jährigen Mädchen mit blondem Jahr. Fast wie besungen. Den Soloabend 2005 auf dem Berliner Gendarmenmarkt bei strömendem Regen erlebte ich von außen vor einem Friseursalon, in dem ein guter Freund arbeitete. Gemeinsam mit einigen flotten Weibern um die 50 tanzten wir nach Ladenschluss mit reichlich Prosecco zu allem ab, was da mit den Wolkenbrüchen über die meterhohe Brüstung schwappte. Die Frauen wurden butterweich bei der Erinnerung an die legendäre Tour Udo ’70. Das waren 266 Konzerte am Stück mit über einer halben Million Besuchern. Und alle, auch die letzte Reihe, fühlte sich dem Star und seinen Liedern ganz nah verbunden. Nicht erst seit Mitte der 80er Jahre, wo es sich etablierte, exakt zum Udo-Song “Hautnah” an die Rampe zu stürmen.

Udo strich über die Tastatur und griff dabei mitten in unser Leben. “Ich war noch niemals in New York”, klar. Doch auch “Donnerstag”, an dem sie “für ein paar Stunden” seine Frau wird, “Gaby”, die im Park wartet. “Immer wieder geht die Sonne auf” und es soll vorkommen, “dass ein Mann auch manchmal weint.”  Sahne. Griechischer Wein. Udo. Udo! UDO! Fünf Jahrzehnte. Sehnsucht weckend, Sehnsucht nährend. 

Ich hatte das Glück, Udo Jürgens in diesem Jahr zweimal zu begegnen. Einmal bei der Verleihung des Musikautorenpreises für sein Lebenswerk, kurz zuvor bei der Albumpräsentation “Mitten im Leben“. Ich bin Autor und kein Journalist, und so fehlte mir letzten Endes der Mut, ihn selbst bei Presseterminen anzusprechen, mir ein weiteres Autogramm zu holen, mich gar mit ihm ablichten zu lassen. Die Gelegenheit kommt nicht wieder. Obwohl es noch eben so schien. Neben mir liegt eine Karte für das Konzert am 18. März 2015 in Berlin, Reihe 6 Platz 8. Ich werde sie nicht umtauschen. Wieder wäre ich ihm hautnah gewesen. Ich werde ihm ganz nah sein, wie Millionen seiner Fans, ob in Tokio, Peking, Zürich, Berlin, Gelsenkirchen oder Bautzen.

Es bleibt ein großes Werk. 1000 Lieder, viele von ihm über sich, bei denen wir gern glauben, er meinte uns. Ja! Das ist hautnah. Udo Jürgens hat unser Leben mit seinen Liedern berührt. 


 

Foto: © Hubert Burda Media: Bambi 2013, 14.11.2013, Berlin (flickr, CC2.0)