Author: Matthias Schumacher | Date: 16. April 2014 | Kommentare deaktiviert

zirkus_angela merkel_cdu_europawahl

Ich muss grad wirklich viel um die Ohren haben.
Ging komplett an mir vorbei, dass Angela Merkel auch zur Europawahl antritt …
… aber wenn man sonst keine Zirkus Zugpferde hat. Hü!

Frohe Ostern!

 

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 8. April 2014 | Kommentare deaktiviert

Verraucht_Rahmen

warst hier
hast deine Siebensachen
abgeholt und einige von meinen

Warmer Zigarettenrauch

Noch Bilder an den Wänden,
Die Rahmen gleichen Gittern,
Gefangene in leeren Händen
Hinter Glas und Splittern

warst hier
hast zweidrei Fächer
ausgeräumt und Geld genommen

Kühler Zigarettenrauch

Noch Bilder an den Wänden,
Verglimmtes Glück der Jahre,
Gefallen aus den Händen
In graue Auslegware

warst hier
kein Streit, kein Höhnischlachen
ausgespien vor den deinen

Kalter Zigarettenrauch

Die Bilder an den Wänden,
Nimm! Die weißen Flächen
Drunter bleiben und wir enden
In vergilbten Versprechen

warst hier
der Schierlingsbecher
strebt verschwommen

aus Zigarettenrauch
 

 

Verfasst von November 2013 bis April 2014 in Berlin.
© Matthias Schumacher

 
 

Author: Matthias Schumacher | Date: 27. März 2014 | Kommentare deaktiviert

Beruhigend für mich, weil Endes abenteuerliche Arbeitsweise meiner ähnelt.
Interessant für Sie, wenn Sie wissen wollen, wo es für Bastian und die “Unendliche Geschichte” ursprünglich losging, warum der Autor verständliche Probleme mit der filmischen Umsetzung hatte, und wie lang es dauerte und schwer es war, Molly, Jim Knopf und Lukas aus den schwarzen Felsen zu befreien. Einblicke in ein Autorenleben, das sich nach Brecht und einer kurzen Begegnung auf offener Straße gen Weltruhm wandte. Nein ganz eigentlich ging es richtig in einem Schuhkarton los. So kann es gehen…

(Die Videoqualität ist gar nicht so schlecht wie sie anfangs scheint.) 

Author: Matthias Schumacher | Date: 21. März 2014 | Kommentare deaktiviert

Alles in allem können Sie sich die nachfolgenden Zeilen wie 90 Prozent aller Print- und Onlinetexte getrost sparen, wenn Sie diesen einen Satz verinnerlichen und Ihren Lebtag lang nicht vergessen: “Kleine Autoren arbeiten sich hauptsächlich am Großen ab.” Da diese Weisheit aber durch die Substantivierung am Ende mindestens zweideutig ist, sollten Sie den Rest besser doch lesen. Immerhin geht es hier um den bekanntesten Medienkritiker im Netz. Im deutschen Netz. Teilen davon. Kleinen Teilen.

Stefan Niggemeier cc flickr, republica 2014

Stefan Niggemeier hat, nachdem er sein Missfallen an Markus Lanz bis ins Groteske steigerte, nun Reinhold Beckmann entdeckt, der sich das Vergehen zu schulden kommen ließ, mit Band eine Platte rauszubringen und offen rezensierbar bei Amazon zu verkloppen. Mehr hat Kläger Niggemeier nicht in der Hand. In seiner Anklageschrift “Wie auf Amazon plötzlich ganz viele Leute für Reinhold Beckmanns Musik schwärmten” erklärt Niggemeier weder dieses “Wie” noch das Warum, nämlich warum Stefan Niggemeier 33 Leute – eine etwas überfüllte Schulklasse – für “ganz viele” hält. Der ganze Artikel: ein großes Nichts. Nicht mal eine brauchbare Spekulation, keine deutlich formulierte Unterstellung, nichts Ernstzunehmendes, eben ein Nichts. Aber zählen kann er. “27 der 33 Spitzenwerter haben auf Amazon nichts rezensiert außer der fantastischen Beckmann-Platte.” Das beeindruckt. Welch ein Beleg! Aber wofür? Sie ahnen es. Für nichts! Jeder Hinz und Kunz und Niggemeier hätte diese Rezensionen schreiben können. Vielleicht war es Markus Lanz, der den Riecher des Stefan N. kennt und von seiner eigenen Fährte ablenken wollte… auf die Spur des singenden Noch-Talkers Beckmann. Vielleicht waren es Fans, vielleicht Beckmann selbst. Ist Ihnen zu spekulativ? Zu viel “vielleicht”? Zweimal griff Niggemeier in seinem Textlein selbst in die Vielleicht-Kiste, dreimal “scheint” ihm etwas, einmal mutmaßte er, dass Beckmanns Haussender ihn in der NDR Talk Show “anscheinend als »deutschen Van Morrison« ankündigte”. Warum der findige Akribiker Niggemeier, der immer alles genau wissen will, sich die frei im Netz verfügbare Ausgabe der Sendung nicht ansah, das weiß keiner. Man ahnt es. Im Blutrausch will man die Beute erlegen. Schnell.

Nach dem ersten, aus journalistischer Sicht miserablen und in den Augen seiner Anhänger pulitzerpreisverdächtigen Artikel (diesem Zitatehaufen über drei von Niggemeier eigenhändig hingewichsten Absätzchen), legte der Meister nun mit einem weiteren Häufchen nach. Denn inzwischen hat sich (oh Wunder) die Zahl der Rezensionen unter der Beckmann-Produktion auf Amazon mehr als verdoppelt. Da bleibt der Superjournalist am Ball. Doch wieder ist es Niggemeier schnurzpiep, um wen es sich bei den Rezensenten tatsächlich handelt, handeln könnte. Mir scheint, es waren vielleicht Niggemeier-Leser. Oder BILD-Leser. Aber mit BILD hat Niggemeier nichts gemein, gegen Springer kämpft er seit Jahren. Gegen all die Spekulationen, gegen das Unwahre, Ungenaue und Ungefähre und überhaupt gegen alles, was größer ist als er. Das ist ganz ganz vieles. Das weiß er und das scheint ihn zu wurmen. Warum einer aber so lange nahezu unkritisiert mit Schweinejournalismus dieser Machart ungeschoren davonkommt, das ist das Erfolgsgeheimnis des Stefan N.

Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass er einfach weiß, was gut und schlecht, falsch und richtig ist, sich in annähernd 400 Blogtexten niemals irrte. Und es ist ja nicht so, als würde er nur mäkeln. Jan Böhmermann findet er zum Beispiel gut, kann man grad im SZ-Magazin lesen. Joko & Klaas mag er ebenfalls. Vielleicht ist Niggemeier einfach nichts geheuer, was über 1 Million Zuschauer einfährt. Eine Million! Was für eine gigantische Zahl für jemanden, der 33 schon für ganz viel hält. Und wenn er doch mal danebenliegen sollte? Wer ist schon unfehlbar?! Jedenfalls nicht diejenigen, die seinen leierigen Singsang cool finden und den Leierkastenmann für Niggi Pop halten. Es bleibt eine Leier. Und der Mann dahinter ist gezwungen, um die Kundschaft zu halten, in öder Gleichmäßigkeit weiterzuleiern. Und das Äffchen applaudiert dazu. Folklore ist was für den kleinen Kreis.

Und nun Musik!

Anscheinend hat Beckmanns Mucke diesen Leuten gefallen. Waren mehr als 33. Wussten aber noch nicht, was Niggemeier davon hält und woran sie sich zu orientieren haben. Höflichkeitsapplaus klingt anders und Stefan Gwildis oder Stefan Waggershausen nicht besser.

Schmidt war bereits vor drei Jahren angetan.

Author: Matthias Schumacher | Date: 20. März 2014 | Kommentare deaktiviert

»Hab meine Meinung, meine Überzeugung, so wie du,
Hab meinen Zweifel, der mich umschmeißt ab und zu.
Versteh nicht viel von Politik, nicht viel von Schwarz und Rot.
Wenn einer Hunger hat, dann, mein ich, braucht er Brot.«


 
 

Author: Matthias Schumacher | Date: 20. Februar 2014 | Kommentare deaktiviert

Mitten im Leben„Mein Ziel kann nur Freiheit und Liebe sein“, singt einer, der weiß, wie schwer beides vereinbar ist. Das Binden, ohne zu fesseln. Udo Jürgens hat häufig betont, wie wichtig ihm seine persönliche Freiheit ist und seine Fans haben oft genug – früher oder später – aus den Klatschspalten erfahren, wenn eine Liebe einmal mehr am Freiheitsdrang zerbrach oder zerbrochen sein soll. Es wurde viel geschrieben über den Marathonkünstler Jürgens. Dieser Tage, wo sein bereits 53. Studioalbum „Mitten im Leben“ erscheint, kommt noch einiges hinzu. Albumfacts, Interviews, die ganze PR-Palette. Jede Menge Udo – bis zum großen Geburtstag inklusive TV-Show, der Tour…

„Mitten im Leben“ im 80. Lebensjahr. Positionsbestimmung und Provokation. Es könnte auch „Freiheit und Liebe“ heißen. Die beiden zentralen Themen der aufwendigen Produktion, Themen, die jeden treffen und betreffen, der mitten im Leben steht. Mit 20, 37, 79. Mitten im Leben heißt ja nicht Mitte des Lebens. Wer weiß schon, wo die Mitte ist, wann sie kommt, vielleicht schon war und wie viel Zeit ihm noch bleibt?

„Was für ‘ne Sorte Zeit, darauf kommts an!“ lässt Thomas Mann, den es wie Jürgens einst an den Zürichsee zog, seinen Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ ausrufen. Uas ist das denn für eine Zeit, heute? „BND, NSA, wir alle stehen unter Generalverdacht!“ Unser Pakt mit dem Netz. Verheißungen, Gefahren, Unbeherrschbarkeit, Hilflosigkeit. „Gefangen im Netz gegen jedes Recht und Gesetz.“ Udo Jürgens singt „Der gläserne Mensch“. Ein beachtlicher Ausruf und weiterer Beleg, dass „Mitten im Leben“ keineswegs als kokette Floskel verstanden werden sollte. Denn bislang hat sich kein deutschsprachiger Künstler ähnlichen Formats der Spitzelei im Netz musikalisch angenommen. Und der vielgerühmte neue Schlager – bereits festgenagelt auf Seichtes? Oliver Spiecker, der schon öfter kritisch für Jürgens textete, säumte nicht und kleidete den unsichtbaren, aber allseits präsenten Ungeist unserer Zeit in warnende Worte. Die grandiose Brücke zum Ende des Songs sei hier nicht zitiert. Steht eh gewiss längst irgendwo im Netz.

Das große Thema Freiheit. Auch in „Vogel im Käfig“. Klassisches Bildnis des Unfreien. Bei der Albumpräsentation im Hotel de Rome in Berlin verriet Udo Jürgens seinem Freund Hape Kerkeling und der anwesenden Presse, wie ihm der Gedanke zum Song kam. Beim Spaziergang am Bodensee. Ein Fenster. Ein Vogelkäfig. Eine erste Zeile. Ergebnis ist eines der persönlichsten Lieder des Albums. „Mein Denken, mein Handeln, mich selbst zu befrei’n/Nur das ist der Schlüssel zum Flug in die Weite.“ Streicherbetonte Lebenshilfe bewährter Art für den Künstler und sein Publikum. Es wird sich darin erkennen und daran festhalten. Ebenso wie am mitreißenden Titelsong des Albums.

Ziele. Träume. Hoffnung. „Musik verändert nicht die Welt“, sagt Udo Jürgens im Gespräch mit Kerkeling. „Musik kann bestenfalls das Bewusstsein erweitern.“ Und dann rügt er Helmut Schmidt für seinen Ausspruch „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Da irre der Altkanzler gewaltig, denn „mit Visionen und Sehnsucht beginnen Veränderungen.“

„Aus Peter wird Sandy/Aus Raider wird Twix/Aus Kohl wurde Merkel…“ Was bleibt? „Aus Fernseh’n wird Youtube/Aus lässig wird cool/Ein Papst wird zum Rentner/Und ein Fußballer schwul.“ Was hat Bestand, wenn Liebesbriefe durch unparfümierte SMS ersetzt werden? Gibt es eine feste Größe? Udo Jürgens hat eine Antwort: „Liebe bleibt Liebe“. Ein flockiger Text aus der unverkennbaren Feder von Frank Ramond.

Mit „Mitten im Leben“ spannt Jürgens wieder den Bogen zwischen swingendem Sound wie in „Alles aus Liebe“, rockigen Nummern wie „Der Mann ist das Problem“ und 5-Minuten-Symphonien à la „Mein Ziel“, eingespielt mit 87 Philharmonikern plus dem virtuosen Violinisten Julian Rachlin.

Udo Jürgens scheint sich mit seinen gerundeten 80 Jahren im so engen und doch unendlichen Gewässer der 12 Töne gänzlich freigeschwommen zu haben, sie tragen ihn – mit und gegen den Strom – und die Liebe seines Publikums ist ihm sicher. Freiheit und Liebe. Ein Etappensieg. 12 Stationen, heißt 12 Lieder, und 4 ruhige Zwischenspiele näher am Ziel.

Foto: © Gabo Agentur Focus

Author: Matthias Schumacher | Date: 15. Januar 2014 | Kommentare deaktiviert

christmas house

Es war Mittwoch, der 32. Dezember.
Das sollte reichen, um in die Liste der berühmten ersten Sätze zu kommen. Kurz hinter Orwells 1984„Es war ein strahlend-kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.“ Kenne keinen Menschen, der dieses Buch gelesen hat, aber alle reden darüber. An Neujahr, das ist jetzt zwei pisswarme Wochen her, ließ meine beknackte Schwester Carol beim abendlichen Umziehen die Vorhänge offen. Gute Gelegenheit, dachte sich Porky von gegenüber und testete das Fernglas, das ihm sein großer Bruder aus dem Afghanistan-Einsatz als Weihnachtsgeschenk mitgebracht hatte. Ich weiß nicht, ob es genaugenommen noch immer US-Eigentum ist oder einem Taliban abgeknöpft wurde. Diese und andere Fragen der nationalen Sicherheit waren Carol ziemlich egal als sie Porky mit der Gardine auf seinem Kopf am Fenster entdeckte. Sie schrie wie sie jeden Tag mindestens zweimal wegen irgendeinem Kram schreit. Vater meinte gleich, ich solle nachschauen, was da wieder los sei und ich dachte sofort an eine Spinne, Maus oder daran, dass Carol ihr Spiegelbild für den Marshmellow-Mann hielt, aber schuld war diesmal eben Porky, der Amateurspanner, dem niemand gesagt hatte, dass man besser das Licht im Zimmer ausmacht, wenn man mittels Feldstecher in anderer Leute Häuser und Privatsphäre vordringt.
„Das ist ja wie Big Brother“, keifte Carol, und ich hatte Mühe, ihren Zorn am Laufen zu halten, denn schon nach zwei Minuten war sie völlig außer Atem.
„Lass ihm doch ein bisschen Spaß“, sagte ich. Dann: „Armes Schwein, wenn ihm so langweilig ist, ich mein, sowas wie dich sollte keiner nötig haben.“ Und: „Jetzt bluten seine Augen.“ Was man als durchtrainierter jüngerer Bruder der fetten älteren Schwester in solchen Situationen sagt. Als Carol mich zur Seite schob und nach Dad rief, wechselte ich die Strategie, denn James W. Corner hätte das alles nicht witzig gefunden. Nicht die gewohnt rotzigen Sprüche seines Jüngsten, nicht seine Älteste, die noch immer einen für diesen Zweck zu kleinen Winnie Pooh vor ihre nackten Brüste hielt, was der auch als Strafe für 10 hoch 12 gestohlene Honigtöpfe nicht verdient hätte. Jeder Dad wäre stracks zu Porkys Eltern marschiert und hätte Satisfaktion gefordert. Ein Duell. Aber dieser Dad war James W. Corner, der Automobilvertreter aus Philis. Er wusste so gut wie alle in der Straße, dass er den Colt niemals aus dem Halfter gezogen hätte. Dad ist friedliebend und die Vereinigten Staaten können froh sein, dass er nicht nach Afghanistan musste. Obwohl mir sicher einiges einfiele, das er für mich bei der Army mitgehen lassen könnte.
„Was hat der große Bruder von Porky gemacht?“ Dad stand in der Tür, hatte unten in der Küche Fetzen von Carols Tobsuchtsanfall mitbekommen und sich auf dem Weg nach oben einiges zusammengereimt.
„Nicht großer Bruder, Big Brother, Dad, Orwell!“ Carol fühlte sich sichtlich missverstanden, doch Dad ließ sich nicht bremsen. Er baute sich auf, beide Arme schlaff herabhängend, kein nervöses Revolverhandzucken.
„Peter P. Peterson ist ein Held, er hat für unser Land gekämpft und viele Entbehrungen-“, Dad suchte nach einem Verb und fuhr fort, „viele Entbehrungen entbehrt. Du weißt. Ich dulde nicht-“
Carol versuchte dazwischen zukommen.
„Dad, Porky!“
„Die Petersons sind ohne Zweifel… Kein Peterson würde- Eher haben wir heute den 32. Dezember!“
Dad sah aus dem Fenster, sah im Peterson-Helden-Haus Porky noch immer gardinenbehangen am Fenster hocken. Dann sah er zu Carol, die inzwischen im Schmollmodus auf der Bettkannte die Pose einer ungerecht Behandelten einnahm.
„Gut“, brummte er. „Schluss jetzt und zieh dir endlich was an, die Leute gucken ja schon.“

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Januar 2014 | Kommentare deaktiviert

Matthias Schumacher_Interview Dichtung heute_2014

Matthias Schumacher mit überraschenden und einleuchtenden Ansichten zum Zustand der Gegenwartslyrik.

Wo steht die Lyrik?

Die Lyrik steht gut da. Es mangelt allerdings an Bewußtsein und Bekenntnis. Gedichte zu lesen, hat noch immer etwas von Weichheit und Versponnensein. Menschen in schwarzen Rollkragenpullovern lesen Gedichte, Frauen mit Hang zum Esoterischen. Darum geben viele, die Gedichte bewußt lesen, es höchst ungern zu. Da ist eine Scham. Andere konsumieren täglich dutzendfach Lyrik. Unbewußt. Überall.

Ist das nicht reichlich übertrieben? Der Anteil der Lyrik auf dem Buchmarkt beträgt gerade einmal 1 Prozent. Zusammen mit dem Drama.

Niemals zuvor würde so viel Lyrik konsumiert und nie zuvor in der Menschheitsgeschichte konnten wir so viele Gedichte auswendig. Wir werden mit Gedichten überflutet. Täglich reißt uns ein Lyrik-Tsunami mit und wir merken es nicht. Aber trotzdem muß ich Ihnen zustimmen. Die ausschließlich geschriebene Lyrik hat wie eh und je einen schweren Stand. Nur gehen Sie mal in ein Konzert von Helene Fischer, Adel Tawil, Robbie Williams. Die Fans singen jede Strophe mit. Kennen Ton für Ton, aber auch Wort für Wort. Drei Stunden Gedicht auf Gedicht. Oft in eingängiger gereimter Form. Rock, Pop, Rap, was auch immer. Das ist ein wesentlicher Teil zeitgenössischer Dichtung. Und nochmal: Die Menschen kennen jedes Wort! Würde man dieselben Leute nach dem Konzert auf der Straße fragen, ob sie ein Gedicht auswendig können, stünden sie ratlos da und fingen an, was aus dem „Erlkönig“ zu stottern.

Herz auf Schmerz ist banal und Banales findet schnell ein Publikum.

Herz auf Schmerz kann banal gedichtet sein, ja. Aber Herz auf Schmerz ist das Leben. Eine Liebe geht zu Ende, eine neue beginnt, eine andere wird im Keim erstickt. Vergessen wir nicht die Sehnsucht, wenn keine Liebe in Sicht ist. Die Hoffnung und Verzweiflung. Sie hönnen sich oder Ihre Freunde beim nächsten Liebeskummer gern damit trösten, daß Schmerz auf Herz banal ist, es wird nicht helfen. Die tröstenden Worte eines Dichters, der dieses alte Liebesleid beschreibt, vielleicht schon. Der Tod ist auch nicht banal. Reich-Ranicki hat gesagt „Die Literatur kennt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod.“ Abschied, Ankommen. Die Libretti eines Michael Kunze sind überragend unbanal. Sie sind nah am Menschen, was viele schon banal finden. „Ich + Ich“, Udo Lindenberg, Max Raabe und andere – ganz ganz groß.

Verlage und Feuilleton verstehen unter moderner Lyrik etwas anderes.

Zu meinem Bedauern. Grundsätzlich gilt: Die Kunst ist nicht dazu da, jedem Trend nachzulaufen oder lediglich den Markt zu bedienen. Die Kunst ist aber auch nicht da, um komplett am Publikum vorbeizuarbeiten. Wenn sie das tut, sieht sie genauso aus wie Etliches der sogenannten zeitgenössischen Lyrik. Was da so gedruckt und mit Preisen dekoriert wird, ist oft Universen von dem entfernt, was die Menschen unter Lyrik verstehen. Keine Struktur, keine Poesie, keine Anstrengungen. Aber jeder, der sein Herz in eine Zeile wirft, die ich nicht gut finde, hat einen Platz in meinem Herzen. Ich würde auch einen Schreiner für einen wackligen Stuhl loben, wenn er ihn mit Ausdauer und Liebe gefertigt hätte. Kaufen würde ich ihn wahrscheinlich nicht. Andere mögen ihn womöglich unbedingt haben wollen, weil sie ihn avantgardistisch oder charmant finden.

Warum reimen Lyriker heute kaum noch?

Ich fürchte, weil sie es schlicht nicht können. Einen anderen Grund sehe ich nicht. Viele meinen, der Reim sei ausgelutscht und gäbe nichts mehr her. Dagegen spricht sein Siegeszug in der Musik. Daß man durchaus nicht auf Reime verzichten muß und dabei Anspruchsvolles zu Tage bringen kann, hat zum Beispiel Eva Strittmatter bewiesen. Immerhin die auflagenstärkste deutsche Dichterin. Es ist natürlich einfacher, einen Prosasatz auf vier Zeilen zu verteilen als ihn sich auch noch reimen zu lassen. Ich mach es mir lieber weiterhin schwer. Und wenn man als Dichter den Anspruch hat, den Menschen mit seinen Texten im Gedächtnis zu bleiben, sollten man reimen. Das garantiert nichts, aber erhöht die Chancen. Der Mensch merkt sich Melodisches besser. Das ist, und da schießt sich der Kreis, wie in der Musik. Haben Sie schon mal jemanden auf der Straße Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ pfeifen hören?

Januar 2014

Author: Matthias Schumacher | Date: 31. Dezember 2013 | Kommentare deaktiviert

Matthias Schumacher NACHLASS GedichteEin verwaistes Nest.
Ein kleiner Bruder, der malträtiert wird.
Liebe wie ein flirrender Südwind.
Bojen am Kai.
Trotz. Stille.
Börsenschluß.
Ein exhibitionistischer Mond, nackte Leute.
Matthias Schumacher versteht es, in seinem zweiten Gedichtband von ihnen und sich zu erzählen. Dieser Nachlass ist ein poetisches Lebenszeichen in klassischem Takt.
Eindringlich pochend, kurz wummernd.
Sanft. Stark.
Ein Wechselspiel, doch kaum gefährdet, aus dem Rhythmus zu geraten.

 

Erhältlich bei
Amazon Kindle-Shop | Apple iBookstore | Google Play
Sony Reader Store | Thalia | Weltbild | Hugendubel | buch.de | bücher.de
Der Club Bertelsmann | txtr |
Barnes & Noble | Kobo | BILDebooks | Epubli

 

Leseprobe (PDF)

 

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Author: Matthias Schumacher | Date: 21. November 2013 | Kommentare deaktiviert

Dieter Hildebrandt

Kabarett lebt von der Satire, der Überhöhung, vom Teufel-an-die-Wand-Malen und Finger-in-die-Wunde-Legen und dabei zu schreien: “Wir werden alle verbluten, falls uns die blutsaugenden Kapitalisten noch einen Tropfen gelassen haben.” Kabarett lebt ebenfalls davon, etwas ganz Ungeheuerliches auf offener Bühne in einem geschlossenen Raum zuzulassen, das man freie Meinungsäußerung nennt. Dieter Hildebrandt war ein Meister darin, dem Publikum vorzustottern, was es für wahr hielt und hören wollte. Darauf basiert die ganze Mechanik des Kabaretts. Nagelst du vorne mit dem Hammer der Offensichtlichkeit die Regierung auf die Bretter, gehn die Leute im Parkett begeistert an die Decke. Jeder Kabarettist kann das.

Dieter Hildebrandt hatte das Glück, in einer Zeit bekannt geworden zu sein, als es praktisch gar nicht anders ging, sobald man einmal den Fuß in der Tür zum Fernsehen hatte. Seine “Notizen aus der Provinz” liefen in den 70er Jahren im ZDF, dem Zweiten Deutschen Fernsehen. Einzig alternatives Programm: Das Erste Deutsche Fernsehen. Alle Fernsehmacher dieser Zeit schwärmten später von “Einschaltquoten bis zu 80 Prozent”. Hildebrandt wechselte zur Alternative. Der “Scheibenwischer” im Ersten pegelte sich ab 1980 zwischen 2 und 5 Mio. Zuschauern ein. Und wieder fehlte es an einer Alternative. Hildebrandt war mit seiner klassischen Form des Ensemblekabaretts allein auf weiter Flur im bundesdeutschen TV. Das ZDF wagte 28 Jahre lang kein vergleichbares Format. Vermutlich aus berechtigter Sorge, gegen Hildebrandt abzustinken, wie man heute sagt. Der erste Versuch im Zweiten, “Neues aus der Anstalt”, ging unlängst baden. Die Privaten fielen in den ersten 30 Jahren in Deutschland nicht mit Satire auf, sondern üben weiterhin massenwirksamen Brachialhumor im Stil englischer oder US-amerikanischer Vorbilder. Hildebrandt wuchs zur Legende, deren wahre Größe schon darum kaum messbar ist, weil vieles um sie herum selbstgezogener Nachwuchs war. Ziehpapa blieb der Beste. Mit Hanns Dieter Hüsch hätte Hildebrandt in der öffentlichen Wahrnehmung auf Augenhöhe sein können, vielleicht sein müssen, oder mit einem Wolfgang Neuss, der allerdings in den 80ern mehr ab- und entglitt, und Hüsch war dann doch nur wieder Gast in Hildebrandts “Scheibenwischer”, der einzigen überregionalen Kabarettsendung.

Sein über die Jahrzehnte gewachsenes und teils vor ihm gestorbenes Publikum liebte Hildebrandts Angriffe auf “die da oben”, die allein aus ihm kamen. Er traf immer einen Kern, eckte an, ohne Zuhilfenahme von Klatschkonserven oder eilig hingerotzter Einspielfilme aus der Feder eingekaufter Autoren. Da sprach einer frei aus, was er dachte und vielen unaussprechlich schien – und es schien manchem immer wahrer je öfter und länger es Hildebrandt wiederholte oder eben nicht wiederholte, was die Wirkung nur verstärkte. Auch das Verschlucken will gelernt sein. Kein Applaus musste reingefahren werden, um dem Studiopublikum zu signalisieren: Hey Leute, Ende, Pointe! Die Hildebrandt-Fans folgten dem Künstler auf seinen verschlungenen Gedankengängen wie der Lunte zum Dynamit und dann… ja dann. Mauern gesprengt hat das Dynamit freilich nicht. Kabarett ist und bleibt Kleinkunst, Kunst bewegt nicht wirklich etwas, Satire ist nicht mehr als ein Dorn, der stürzt keine Diktatoren. Aber dieser Dorn hindert Diktatoren, vor uns in gewohnter Weise aufzutreten. Nun, sie tun es schon, aber wir sehen sie verwundet und ihrem Ende entgegengehen. Kabarett ist der bissige Volksmund, der darauf hofft, die Wunde möge sich infizieren. Und Kabarett beißt und beißt und beißt.

Gute Kabarettisten, damit meint man hierzulande linke Kabarettisten, also: Linke Kabarettisten bestätigen ihrem Publikum, dass die unter Generalverdacht befindlichen konservativen Kräfte, wo auch immer sie walten und wo immer sie können, korrupt und verlogen sind. Exzellente Kabarettisten schieben sofort einen nach und erinnern noch im Beifallssturm daran, wie wenig anders wir alle doch gestrickt sind und dass wir es einmal mehr waren, die diese Kräfte nicht entmachtet haben. Das Brot guter wie exzellenter Kabarettisten bleibt die Unbelehrbarkeit. Das Kabarett wäre in größter Gefahr, würden wir schlau im Sinne der Kabarettisten. Solange aber wir alle dann und wann das eine sagen, aber das andere tun, uns schwindelnd aus der Affäre zu ziehen versuchen und – wenn keiner hinschaut – die Hand aufhalten, solange wird es Kabarett geben. Mit der Religion verhält es sich nicht anders.

Dieter Hildebrandt, einer, der immer da war, solange die meisten von uns denken können. Eine Marke, von der man wusste, was man von ihr zu erwarten hat und das auch in gewohnter Qualität geliefert bekam. Allein die Kontinuität, beachtlich. Viele haben gedacht, was Hildebrandt dachte.
Wäre die alte Bundesrepublik gewesen wie von Hildebrandt gezeichnet, hätten wir gewählt wie wir wählten? So gehandelt, jenes unterlassen? Wären wir heute, wo wir sind? Kann sein. Und wo sind wir eigentlich? Hildebrandt hätte eine Antwort gewusst, eine die gesessen hätte und an der sich die Geister hätten scheiden können. Ob er etwas verändert hat? Es ist so möglich wie unmöglich. Er allein? Er in uns? Geht das überhaupt? Wäre es keine Überhöhung? Und wenn? Kabarett lebt von der Überhöhung. Und damit nichts vom Urgestein Hildebrandt wegbricht, werden mit höchster Wahrscheinlichkeit Freunde und Weggefährten im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre einen Dieter-Hildebrandt-Preis ins Leben rufen und die Legende stützen, zementieren, auch damit die junge Garde in Zukunft nicht nur hinauf, sondern vor allem aufschauen kann, sich am Alten orientieren.

Die Schlussformel dieses unwürdigen Nachrufs (das hat er mit allen Nachrufen gemein) könnte ihn gänzlich ersetzen, weil sie die unvermessbare, womöglich unermessliche Lebensleistung Dieter Hildebrandts auf einen radikal einfachen Nenner bringt:

Wir gedenken eines Künstlers, der uns unterhaltsam geärgert hat und keinem gleichgültig war.

20/11/2013

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Oktober 2013 | Kommentare deaktiviert

Matthias Schumacher - Dichter - 14/10/2013 - ms

Ich wollte Lied. Da war ich fünf Jahre alt. Ich wollte ein Lied, ein eigenes, mir eines ausdenken, das nur mir gehören würde und  - sänge es selbst die ganze Welt – nicht kürzer als alle Ewigkeit mit mir verbunden bliebe.

Ich setzte mich in mein Zimmer und versuchte eine Melodie, einen Text. Noch einen und weitere. Zuerst gingen mir bekannte Lieder durch den Kopf, doch je tiefer ich drang, schwand das vertraute Hintergrundrauschen und Bilder entstanden. Erstaunlicherweise Bilder. Ich sah das Gemüsebeet in unserem Garten und dahinter das Becken aus weißem Kalksandstein, für den unser kleiner Ort bekannt war. Gras und Unkraut wucherten schon damals lange aus dem zugeschütteten Bassin. Daneben sah ich die alte mannshohe Pumpe mit ihrem rostig aufgeplatzen Lack, die ich niemals zu berühren wagte und von der es hieß, sie sei versandet und zöge nicht. Sie stand auf fremdem Boden, er grenzte zwar an unser Land, aber diese Linie markierte ein Zaun, den ich zu umgehen nie dem Mut hatte. Oft strich ich fasziniert umher, die Pumpe fest im Blick, es reizte mich, es zu probieren, doch einiges hielt mich ab: Ehrfurcht, Versagensangst, begleitet auch von der Ahnung, es könnte mir gelingen, ihr einen Sturzbach zu entlocken. Es war ein Gefühl wie nach einem durchflogenen Traum aufzuwachen und zu glauben, man müsste nur die Arme ausbreiten. Man tut es nie.

Als ich in meinem Zimmer saß und an die Pumpe dachte, alles bis ins Kleinste vor mir sah, wollte ich kein Wasser fördern, ich wollte aus mir unbekannten Tiefen eigene Töne und Worte heben und unentdecktes Land in mir selbst betreten. Ich saß vielleicht fünf Minuten, vielleicht 15, heute wirkt es wie fünf Stunden. Irgendwann endlich hatte ich Worte gefunden und eine Melodie, in die sie sich fügten; ein unbeholfenes erstes eigenes Liedchen, das mir selbst nicht mehr bekannt vorkam, nicht mehr wie eine Variante eines Kinderliedes klang – noch heute weiß ich es und könnte es Euch singen. Nichts hatte es mit unserem Garten, mit etwas Vertrautem zu tun. Mit regelrechtem Einhämmern konnte ich mir die Reime merken und sang sie etwas später mit Stolz und Furcht den gleichermaßen beeindruckt und überraschten Eltern vor.

Ich hielt den zarten Geburtstropfen eines Ozeans in der Hand und mehrte ihn.
Er sollte mich tragen oder verschlingen.

Mir fielen fortan unentwegt Verse ein. Manchmal Melodien. Den musikalischen Pfad baute ich nicht aus, doch nachdem einige Jahre der Drang zur Dichtung in mir gereift war, Schrift und Ausdruck gewachsen, begann ich mit 12 ernsthaft Verse zu schreiben. Alberne Schülerverse, nicht wirklich gut, aber – und das war mir damals nicht bewusst – es waren Reime und Wortspiele, zu denen meine Kameraden nicht fähig gewesen wären. Jedem jungen Künstler geht es anfangs so, er hält sein Können für etwas Normales und wundert sich schon sehr über das Erstaunen seines Umfelds, dem das, was dem Talentierten meist leicht fällt, nur nach großen Anstrengungen gelingen würde oder nie.

13 Jahre nach jenem “Erweckungserlebnis”, mit 18 also, stand ich mit eigenen Kabarettprogrammen auf den Bühnen meiner Heimatstadt und nach einigen Jahren, die ich meinen Eltern zuliebe herunterriss und in denen ich etwas “Vernünftiges” lernte und tat, kam mir “mit 24 die Erkenntnis über Nacht, dass nur glücklich ist, wen auch der Ernst des Lebens glücklich macht.” Diese Zeilen von Reinhard Mey festigten meinen Entschluss, aus meinem Talent einen Beruf zu machen, nichts anderes tun zu wollen als zu schreiben. 24, das ist 13 Jahre her. Ich bin, wo ich bin. Mehr unten als oben. Ich habe einiges in Kauf genommen. Einsamkeit. Armut. Hunger. Ängste. Meine Texte: Fassaden.
Die Welt weiß nicht, wie viel Kälte man ertragen kann, wenn einen inneres Feuer leitet. Ich habe mir vorzuwerfen, meinen Weg nicht konsequent genug gegangen zu sein. Aber ich habe mir nicht zu vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben. Ein gutes Gefühl mit bitterer Note. In 13 Jahren werde ich 50 sein. Man macht sich Gedanken übers Alter und was kommt. Will man so weitermachen? Noch ist es nicht zu spät, alles zu ändern. Aber ich will es nicht.

37 Jahre. Lebensmitte. Zeit des Erkennens und Bekennens. Wer ist man? Was kann man ändern? Aber auch Zeit, zu erkennen, wer man nicht ist und was man nicht ändern kann. Ich bin Dichter.

Author: Matthias Schumacher | Date: 11. August 2013 | Kommentare deaktiviert

Matussek zu Krömer: "Nimm dein Ding weg" (ard.de/mediathek)

SPIEGEL-Autor und Bestseller-Katholik Matthias Matussek war angetreten, Gott in die Quotenhölle der ARD zu begleiten: Kurt Krömers „Late Night Show“. Wer in dessen 45-minütigem Rampenlicht nicht verglüht, den kann ewiges Fegenfeuer nicht mehr schrecken. Und da waren die Kandidaten, mehr oder weniger bereit zur Feuerprobe: Alexander Bojcan als Kurt Krömer, Ades Zabel als Edith Schröder, Rosemarie Böhm (geb. Schwab) als Mary Roos, der Pianist Joja Wendt als Hochkulturbeitrag, Matthias Matussek als himself. Und Gott. Gott ist ja überall, auf der Bühne des Berliner Ensembles, wenn Krömer seine Opferlämmer schlachtet, schräg gegenüber in der Charité, wo zur selben Zeit Kinder ums Überleben kämpfen und in jedem noch so kleinen Kaff und Puff. Gott ist auch in uns allen. Fragen Sie Matussek! In jedem Puffgänger wie im hinterfotzigsten Arschloch ist Gott. So weit, so christlich.

Und Gott sah sich alles an, was da gemacht wurde. Sah Schlagerstar Mary Roos in Lachtränen zerfließen, die Schröder als Krömers Braut „Mummelmaus“ in Hochzeitskleidern und Matussek auf Krömers Angriffe „blöde Sau“ kontern. Dem Wortgewandten sei nichts anderes eingefallen, wird er sein zeitweises Erstarren später erklären. Gleich nach der Aufzeichnung im Juli hatte sich Matussek beklagt. Er stellte die Stilfrage, die Wo-war-ich-da-reingeraten-Frage, später die Coolnessfrage (er möchte gar nicht cool sein, war er auch nicht). Einige krömertypische, dem Journalisten aber unangenehme Pöbeleien wollte er rausschneiden, mindestens aber überpiepen lassen. Matussek telefonierte, mailte, kontaktierte bis hoch zur Intendanz des produzierenden RBB. Intendantin Dagmar Reim schrieb laut Matussek, sie wolle sich mit ihm „zusammensetzen. Nach Ausstrahlung der Sendung.“ Beleidigt, enttäuscht und zornig zog Matthias Matussek schließlich mit seinem Anwalt Joachim Nikolaus Steinhöfel vor Gericht. Man scheiterte in erster Instanz. Es geht in die nächste Runde. Steinhöfel, der schon mal „Pitbull in Robe“ genannt wird und diese Rolle gern ausfüllt. In der anderen Ecke: Christian Schertz, nicht weniger bekannt und beliebt, als Krömer-Anwalt. Ein Fest für jedes Gericht! Das sollte man übertragen! Im Schlamm oder irgendeinem Glibber, den Ranga Yogeshwar danach kritisch und für jeden verständlich analysiert. Denkbarer: ein edles Wein-Wetttrinken. Stilvoll – man sendet öffentlich-rechtlich! Steinhöfel postete noch kurz vor Ausstrahlung des Infernos selbst auf Facebook ein kleines Weinquiz. Gute Vorlage!

Seit langem sucht die ARD glücklos nach einem neuen Erfolgsformat. Wie wärs mit „Erraten Sie den Jahrgang!“ Man muss alles versuchen. Und man versucht alles. Zum Beispiel Krömer. Late night. Gefühlter Jahrgang: 1990. Gefühlte Lage: RTL. Wer schaut sowas? Nicht viele. Die Krömer-Quoten waren bislang so unterirdisch, dass diese Frage nicht hinterfotzig, sondern zwingend ist. Auch, da muss man als Gebührenzahler Matussek beipflichten, im Hinblick auf die groß angekündigte Qualitätsoffensive der ARD-Anstalten. Übrigens blieb der von einigen erwartete Matussek-Effekt aus. 0,84 Mio. Zuschauer schalteten ein. Das Format war einmal mit außergewöhnlichen 1,36 Mio. gestartet.
Vor zwei Jahren erhielt Krömer nach fünf vergeblichen Nominierungen im sechsten Anlauf für seine damalige „Internationale Show“ den Grimme-Preis. Beste Unterhaltung! In der Begründung wird über virtuose Wechsel „zwischen den Ebenen und Silmitteln“ gelobhudelt. Alexander Bojcan habe „mit Kurt Krömer eine Figur geschaffen, deren Vielschichtigkeit sich einfach nicht erschöpft.“ Die Jury fragt „Muss man als Gast deshalb Angst vor Bojcan haben?“ und antwortet „Auf keinen Fall. Sein Krömer ist kein Platzhirsch“.

Profi und Medienkenner Matussek ahnte trotzdem nichts von Krömers Wirken, seiner „Vielschichtigkeit“ und auch nichts von dessen „feinster Ironie“, die ihm die Grimme-Jury bescheinigte. Mary Roos hatten immerhin „zwei bis fünf Kollegen“ gewarnt. Bei Matussek die eigene Frau. Sie klärte also offensichtlich auf, aber er erkannte das Prinzip der Sendung dann immer noch nicht. Auch die ungezählten raubkopierten Video-Schnipsel im Netz schienen nicht auffindbar. So ging er arglos ins Verderben – mit seinem aktuellen Buch – und Gott gleich mit. Sehenden Auges. Als Krömer-Verlobte Edith Schröder entfesselt einen Neuköllner Fruchtbarkeitstanz playbackte, fahndete Matussek im ganzen Saal nach einem Punkt, wohin er wegschauen konnte – Stoßgebete aussendend, nicht noch einer wohl gleichgeschlechtlichen Trauung beiwohnen zu müssen. Denn das Sakrament der Ehe ist ja selbst heute noch nach katholischem Glauben ausschließlich echten Männern und echten Frauen… Fragen Sie Matussek! Der heimliche Star des Abends war eine reihum gehende Wasserflasche. Die Flasche schwieg! Das Publikum johlte. Gläser gab es nicht. Vielleicht hätte sich ja ein Sturm darin entwickelt, ähnlich dem rührend bemühten Shitstorm, den Matusseks Vorgeführtwerden in den Feuilletons der letzten Tage angetippt hat. An diesem Abend verwandelte niemand Wasser in Wein. Eine wie auch immer geartete Veredelung blieb aus.

Die Trulla kreiselt denn - Ades Zabel - ard/mediathek

Bleiben die Fragen: Warum? Weiß kein Mensch. Und „Wo ist Gott?“ Matussek konnte Krömer das so spontan nicht beantworten. Er hatte Gott im Chaos wohl kurz aus den Augen verloren. Welch eine Show! Als gäbe es nicht schon genug Grausamkeiten auf der Welt. Man denke an die Sterbenskranken in der Charité, wo Gott sicher mehr gebraucht wird als in einer Sendung, in der man bekennt „Ich bin regelmäßiger Puffgänger“ (Krömer). Und jetzt lief alles ungeschnitten im Ersten. Sieben Tage soll es in der Mediathek abrufbar sein. Dem Medienzeitalter 2.0 ist nichts heilig, es kennt keinen Sonntag. Vielleicht werden Menschen, die die Ausstrahlung gottlob verpassten, statt in der Kirche Weihrauch zu schnüffeln, sich im Internet an dieser schwachen Stunde deutschen Fernsehens berauschen und dann in einen 100jährigen Schlaf fallen. Gott wird bei ihnen sein, selbst wenn sie am Abend zuvor im Puff waren oder nur davon träumen oder dort arbeiten. Und Gott muss jede Minute dieser verdammten Show, alles, wieder und wieder ansehen. Sie sollten sich entschuldigen. Alle. Für alles. Sorry, Gott!

11/08/2013

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juli 2013 | Kommentare deaktiviert

- EINE FLUCHTSCHRIFT -

A Brand New Minneapolis

Vielleicht hätte Thomas Mann einen Essay verfasst, Tucholsky etwas noch 80 Jahre später Gültiges formuliert, Kästner ironisch gedichtet. Sie hätten etwas getan, von dem man noch lange nach ihrem Tod sagen würde “Sieh mal an!” oder “Das zu dieser Zeit!” Zu Wort melden sich heute nur noch jene, die sich jede Woche melden. Zu allem, was grad anliegt. Pünktlich zum Abgabetermin. Je nach Budget auch mal zwischendurch. Allroundkompetent und kompatibel. Austauschbar. Heute so, morgen so. Dies, das und sonst noch was. Rasender Ramsch für rollenden Rubel.

Der größte Spionageskandal nach dem Kalten Krieg wird durchgehechelt wie das Foto eines Ministers mit einem teilzeit-emigrierten Chefredakteur. Jeder darf aus dem goldenen Kalb Kapital schlagen, es streicheln und füttern – bis es uns langweilt, platzt und eingefroren wird. In Jahresrückblicken wird man es auftauen und mundgerecht zwischen Bildern der Flut und Siegern der Bundestagswahl servieren. Natürlich erinnern wir uns an diesen Edgar, Eduard, diesen Snowden. Wir werden uns über Facebook, Skype und mittels Outlook darüber austauschen, werden jammern, wie wenig sich geändert hat und die NSA achtet ungezügelt darauf, dass nichts verloren geht. Der #Aufschrei wird verklungen sein, Brad Pitt und Angelina Jolie wieder den Boulevard erobert haben und der Chefredakteur noch einmal die Ministerfotos unter “Highlights 2013″ ins Blatt drücken. Und schau: Wie süß Kates und Williams Baby ist! Die Kolumnisten werden beschreiben, was sie glauben, das irgendeine Zielgruppe im Land bewegt. Uns bewegt vieles. Und genau darum bewegt sich oft gar nichts.

Neues ist attraktiv. Wir gehen schnell weiter, aber mit Fortschritt hat das nichts zu tun. Wenn das nackte Elend in Tausende Worte gehüllt wurde, verliert es den Schrecken. Dabei wäre ein längeres Entsetzen ohne jede Verdrängung durchaus heilsam. Verweile doch, Du bist so schrecklich – wer lebt danach? Wo immer es sich anbietet, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, zieht man ihn. Die Schlinge aber bleibt. Das Elend setzt sich fort. In Gesprächen mit Kundigen erfährt jeder, der tatsächlich nachfragt, dass “im Hintergrund” grad sehr viel passiert. Niemand weiß, wann der Hintergrund wieder zum Vordergrund wird. Kolumnisten tragen selten nach vorn. Sie sind Huren der Zeit. Kauend auf dem Schwanz, den irgendjemand für sie enthüllt und ihnen direkt auf die Zunge gepackt hat. Und die Zeit läuft weiter – und ab. Oder anders: Der Braten stinkt noch immer, doch nachdem jeder seinen Senf dazu gegeben hat – mal scharf, mal mild – stinkt er uns weniger und irgendwann überdeckt der Senf alles.

Das Recht auf freie Meinung ist für eine Demokratie essentiell und angesichts von Tempora, Prism, Echelon & Co. sollten wir auch den Status quo vor den Untersuchungsausschuss zerren. Wie frei sind wir? Wie frei unsere Meinung? Wie frei die Meinung derer, die von der Meinung leben? Wie viel Kalkül steckt hinter den Kolumnen und Essays, wie viel Unabhängigkeit? Wir suchen Positionen, um uns besser positionieren zu können. Aber wer kann sagen, ob die Unmenge der Meinungsführer uns nicht verführen will, soll, weil es der Chefredaktion, dem Verlag, der Buchhaltung zugute kommt oder schlicht das Überleben sichert. Ist nicht grad in Zeiten, wo die Finanzierung der Print- und Onlinemedien wackelt, gefährlich an deren Freiheit zu glauben? Wenn er weiß, dass die krawallige, sprich “meinungsstarke” Behandlung des einen Themas mehr Klicks und Bekanntheit bringt als die aufwendige Recherche eines anderen, wofür entscheidet sich der Journalist 2013? Freie Meinung muss man sich leisten können.

Irgendwo in uns ist die Sehnsucht nach Autoritäten, nach Meinungsführern, Meinungsbildnern, denen wir nicht folgen müssen, die aber Größen sind und einen Weg zeigen, der über die reine Betrachtung und das Kommentieren eines Zustands hinausgeht. Und ja, ganz deutlich: Es ist gut: Die Deutungshoheit liegt nicht mehr bei einigen wenigen, sondern bei vielen. Doch doch. Und wir suchen und besuchen sie ja, die Deuter unserer Tage: Wir folgen im Stehen an der Haltestelle oder beim Coffee-to-go. Meinung zieht uns an, haut uns die Füße weg oder wirft uns Knüppel zwischen die Beine. Meinung ist das Letzte, was uns noch rotieren lässt. Fakten: hmm. Meinung: yeah!

Wo sind Standpunkte, die uns voranbringen? Wo die Weiser zu Auswegen, Fluchtwegen? Wir haben es mit Priestern versucht, mit Politikern, Experten für Wirtschaft und alles und jedes, mit Lindenstraße, mancher mit “Rote Rosen” und/oder Precht. Zufriedenheit, Glück und Ruhe blieben aus. Hoffnung? Stattdessen Dauerfeuerwerk. Keine Sternsekunde, die uns eine Richtung gibt, aufsehen lässt, länger als ein Aufflackern in Erinnerung bleibt und nachhaltiger wirkt als das Aufzischen einiger Raketen, die etliche schon in einer Mischung aus naiver Dankbarkeit und völliger Umnachtung für Zeichen und Wunder halten.

Und die Dichter? Schöne Träume hatten sie, wir haben ihnen gern zugehört, gefolgt sind wir anderen. Wir leben in einer traumfeindlichen Zeit der Realisten, die uns in eine Welt geführt haben, in der wir jeden Tag vor vollendete Tatsachen gestellt werden, die wir uns bislang nicht vorstellen konnten. So mag ein größerer, spürbarer, nützlicher Beitrag der Literaten, namentlich der Dichter, den meisten Gewohnheitstieren wie eine Wahnvorstellung erscheinen. Wäre es nicht einen Versuch wert?

Hermann Hesse hat “Zarathustras Wiederkehr”, seine Flugschrift an die deutsche Jugend, im Dezember 1919 in zwei Tagen und Nächten verfasst. Whistleblowgedanken heutiger Dichter sich nicht vor dem Bücherherbst 2014 zu erwarten. In einem Brief an seinen Cousin Wilhelm Gundert schrieb der alte Hesse “Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.” Wir sind an einem Punkt angelangt, wo das, was wir nicht für möglich hielten, selbst Denkbares außer Reichweite geschoben hat. An einen Rand, der unser Abgrund sein kann, weil wir kaum noch wagen, riskieren und andere davon profitieren. Wir wollen “wenigstens das”. Kompromisse wie Kompressen für Aufgeriebene. Wir haben es uns in Embryohaltung eingerichtet und werden an der langen Nabelschnur ausgesaugt. Und bitte, lassen wir die Diskussionen darüber, ob wir dorthin getrieben wurden oder brav mitgegangen sind wie ein gutgläubiges Kind mit dem Mann, der Cola und Kekse daheim zu haben vorgibt. Wir krümmen uns auf seinem Sofa, er beobachtet uns und wir können nur stammeln, bitten, flehen, er lässt uns nicht aus den Augen. Manchmal lacht er. Ein Gruselkammerspiel gleich einer deutschen Sitcom.

Dichter könnten uns befreien. Gäbe es noch Dichter, sie könnten uns da rausholen. Und ein Gefühl geben, ein gutes, warmes, ein wahres, das die Seele braucht, um nicht zu verhungern. Zu lang schon füttern wir nur den Kopf. Gäbe es noch Dichter, vielleicht hätten wir eine Chance, wenn wir ihnen eine gäben. Sie könnten an Selbstverständliches erinnern. An Grundbedürfnisse und Grundträume, die verstellt worden sind. Es wäre an der Zeit. Ja gäbe es noch Dichter, die sich als Dichter verstünden, die weit über das Sich-ins-Fernsehen-einladen-Lassen und Neues-Buch-in-die-Kamera-Halten hinausgingen, die etwas zu sagen hätten, das in noch keinem ihrer Bücher gedruckt wäre und das sie nicht aus verkaufsfördernden Gründen sagen würden. Ja wenn!

Ich will daran glauben.

Doch es ist wohl so – wenn es sie noch gäbe, wir schrien sie bald nieder, weil wir die Freiheit, die wir anstreben und ersehnen, anderen nicht gönnen, sobald Gesagtes nicht unserer eigenen Meinung, unseren Schablonen, Denkmustern und Bausteinen entspricht.

Vielleicht sind die Geheimdienste uns einen Schritt voraus, weil sie von uns wissen, was wir längst vergaßen. Vielleicht haben sie beim Durchleuchten und Zusammenfummeln unserer Ichs den einzig richtigen Schluss gezogen, dass wir mit Freiheit nicht umgehen können, sie missbrauchen, missgönnen und für ein paar Euro oder eine Handvoll Ruhm verhökern. Muss man solche Leute nicht überwachen?

Und wenn nicht Dichter, dann eben Sie oder ich! Jemand, der bereit ist, Verantwortung zu tragen, nach vorn zu gehen, den Kopf aus dem Fenster zu recken und notfalls auch die andere Backe hinzuhalten, jemand, der mehr tut als alle paar Jahre zu delegieren, seine Stimme abzugeben und sie nur erhebt, um zu beklagen, wie wenig er gehört wird. Freie Geister sollt Ihr sein!

(Auf der Flucht geschrieben.)

16/07/2013

Author: Matthias Schumacher | Date: 7. Mai 2013 | Kommentare deaktiviert

“Was hätte ich getan?” Matthias Schumacher stellt sich die Gewissensfrage der Nachkriegsgenerationen. Ein aufrichtiges Gedankenexperiment über einen real gewesenen Jasager, ein konjunktives Ich und ein gefährdetes Heute.

hinterhof by westpark

Ich verbrachte die ersten 14 Jahre meines Lebens in der zweiten deutschen Diktatur, ich weiß, wie man sich fügt, weiß, wie selbstverständlich man mitläuft und dadurch ein System stützt und fördert, das man später als undemokratisch und menschenverachtend erkennt. Ich erkannte und erfuhr vieles erst später, mancher manches zu spät, einige einiges nie. Ich war ein Kind, sozialisiert in der DDR. Im Kindergarten schon malten wir schwarz-rot-goldene Fähnchen – mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz; wir winkten, wenn eine Gruppe Pioniere an uns vorüberging, wir fanden Fackelzüge beeindruckend und kannten den Staatsratsvorsitzenden früh beim Namen. Das war einfach, es war vor meiner Geburt bis zum Zusammenbruch des Systems derselbe. Ich beherrschte das Spiel, in dem es galt, das eine zu sagen und anderes für sich zu behalten.

Wäre ich nicht 1976, sondern 1926 geboren worden, so wäre ich von der ersten Republik ganz natürlich in die erste Diktatur hineingewachsen. Meine Eltern, die in der DDR dann und wann maßvoll aneckten, wären sicherlich auch bei der Entdemokratisierung der Weimarer Republik weitgehend still gewesen, vielleicht mal ein Murren, doch hätte sich der Protest nur in stiller Harmlosigkeit vollzogen. So wäre es gewesen und so war es ja auch die Regel.

Damals in der DDR, damals im Dritten Reich, in der alten und neuen Bundesrepublik lassen sich die meisten regieren. Die Menschen flutschen mehr oder weniger geschmeidig vom einen ins nächste System und passen sich an, dem Guten und Schlechten. Was auch immer kommt, es geht solange die eigenen Schäfchen nicht allzu nass werden. Widerworte, Widerspruch, Widerstand – scheue Rehe, die in den Schlingen der Bequemlichkeit, der Sattheit, Angst und falscher Hoffnung, es würde sich schon alles finden, verkümmern und verrecken.

Und wenn die Erwachsenen schwach und verblendet sind, wie sollen Kinder stark und sehend sein? War die Schulbildung im Dritten Reich von Nazipropaganda und Führerkult geprägt, so schwebte über allem in der DDR der Antifaschismus im Namen Ernst Thälmanns und Parolen des Staatsrates. Als Kind hätte ich alles aufgesogen und selbst, wenn ich anderes geglaubt hätte, ich hätte mitgemacht. Der Gruppenzwang, die Normalität dessen, was alle tun. Ich wäre zu den Nachmittagen der Hitlerjugend marschiert, wie ich brav zu den Thälmannpionieren gegangen bin. Und abends – im Geheimen – Westfernsehen oder eben Radio London.

Möglich, dass mich meine Eltern – so lang es gegangen wäre – von größeren Aufmärschen ferngehalten hätten. Ich war in der DDR niemals bei einer 1.Mai-Demo oder Kundgebung zum Jahrestag der Republik, ich lief bei keinem Fackelzug mit; als ich zum großen Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt delegiert wurde – welch eine Auszeichnung – meine Mutter stellte sich vor mich. Das ging nicht immer. Meist sagte ich ja. Ich ließ mich in den Gruppenrat, später in den Freundschaftsrat wählen, dort machte man mich zum Agitator. Wer weiß, wohin mich Bravheit, kindlicher Gehorsam und Widerspruchslosigkeit vor 70, 80 Jahren geführt hätten. Beim Jungvolk vielleicht zum Fähnleinführer. Bei der HJ womöglich zum Oberrottenführer.

Nun– trotz meines systemkonformen Jasagens hatte ich wenig Lust auf Freundschaftsrat und wurde nach einigen Monaten unehrenhaft entlassen. Vor versammelter Klasse kanzelte man mich ab als hätte ich Hochverrat begangen. Aber ich spielte nach der Schule einfach lieber US-Serien nach, träumte, schrieb Gedichte, alles war mir viel lieber als vom Händeschütteln zwischen Jassir Arafat und Erich Honecker oder dem nächsten Kuchenbasar zu berichten.

Ich wurde Pionier. Ich wäre Hitlerjunge geworden. Es hätte kein Entrinnen gegeben. In Nazideutschland gehörten 98 Prozent der Kinder und Jugendlichen dem Jungvolk und der Hitlerjugend an, in der DDR 98 Prozent der Pionierorganisation. Ich weiß noch gut, wer nicht spurte, wer nicht die geforderten Leistungen erbrachte, sich asozial verhielt, dem blieb in der 4. Klasse das rote Halstuch verwehrt. Eine Schande! Denn jeder war stolz, es tragen zu dürfen, auch wenn man sonst an der großen Sache, die wir für gut und richtig halten sollten, zuweilen kleine Zweifel hegte. Wie Aussätzige schauten wir sie an, sie gehörten nicht mehr zu uns. Solche Kinder und Jugendliche hätten im Dritten Reich den Makel der “Unwürdigkeit” des Gesetzes über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936 getragen.
Da war Ulf, den ich kaum kannte, obwohl er einige Zeit in unserer Klasse war, ein Heimkind, er verschwand irgendwann. Ulf war schwierig, rastete aus, schlug um sich, griff sogar Lehrer an. Eines Tages war er nicht mehr da. Zwischenstation Jugendwerkhof. Wir fragten nicht, wussten ja, was Ulf für einer war. Hätte ich im Dritten Reich nachgehakt, wohin ein Mitschüler, eine Mitschülerin…? Ich war 10 – Kind in einer Diktatur. Ich habe funktioniert. Das System hatte mich erfolgreich geprägt und eingeschüchtert. Wenn Kinder nicht zu fragen wagen, ist der Weg zum unmündigen Erwachsenen, zum Jasager geebnet. Der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort sagte “Die Fähigkeit, das Wort ‘Nein’ auszusprechen, ist der erste Schritt in die Freiheit.” Ich hatte mich mit der Unfreiheit arrangiert. Ich kannte nichts anderes.

Ich wurde älter und wurde nicht vor die Wahl gestellt, die keine Wahl war. Ich musste nicht zur NVA, war nicht wie mein Onkel in Bereitschaft als im Oktober 1989 in Leipzig Hundertausende gegen das DDR-Regime auf die Straßen gingen. Durchlitt nicht wie mein Vater im Jahre 1968 bange Stunden als noch unklar war, ob sich die DDR an der Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligen wird. Mir blieb das Trauma meines Großvaters erspart, seine Kriegsmacke, wie wir es nannten, sein Alkoholismus. 15jährig in den Krieg gezogen. Den Bruder vor den eigenen Augen erschossen.

Wäre ich nicht 1976, sondern 1926 geboren worden, ich hätte mit 13 Jahren nicht den Freudentaumel beim Fall der Mauer, sondern den Rausch beim Einfall Deutschlands in Polen erlebt.

Was hätte ich getan? Ich weiß es nicht. Doch dieser Tage wissen viele, wie sie zu urteilen haben – über Horst Tappert. Sie wussten es schon bei Grass, Walser, Hildebrandt und all den anderen, die lange geschwiegen haben, mitunter bis sie die Wahrheit nicht mehr leugnen konnten. Da macht man hierzulande kurzen Prozess, alle in einen Sack und Knüppel drauf. Man trifft die Richtigen. Genauere Betrachtung überflüssig. Kann in dieser Atmosphäre Erklären und Verstehen ohne Rechtfertigung und Vorverurteilung gelingen?
Denn immer steht, wenn auch selten ausgesprochen, die Behauptung der Nachgeboreren, man wäre nie einer von denen geworden, man hätte es besser gemacht, wäre in den Widerstand gegangen, hätte Deutschland verlassen oder einen Weg gefunden. Irgendeinen Weg. Nur eben nicht diesen. So viel Heldentum! Aber es ist nur eine Schutzbehauptung, die man heute in Freiheit und Demokratie leicht in den Raum stellen kann, die mit nichts zu belegen ist und innere Größe zeigen soll. Ein frommer Wunsch. Ein Nichts. Ein hübscher Konjunktiv. Die Leichtigkeit des Neins – hingehaucht in eine Seifenblase – billig zu haben, fragil und ohne jeden Wert. Leichtigkeit bis zur Leichtfertigkeit. Nicht besser als jene Sprechblasen, in denen geschrieben steht, man habe nur widerwillig mitgemacht, von alldem Grauen nichts geahnt und wurde von keinem Funken der Begeisterung getrieben.

Ohne Kompromisse: Was jene getan oder nicht getan, es soll aufgeklärt werden und gegebenenfalls angemessen bestraft. Messen wir sie an den Taten, die bewiesen werden können und unstrittig sind. Hüten wir uns vor Generalurteilen.

Was hätten wir getan? Was tun wir heute? Wir, die wir nicht zu Täter geworden sind – uns nicht zu Tätern machen ließen, die wir vielleicht einfach nur Glück hatten, dass wir nicht in die ausweglose Situation des Er-oder-Ich gerieten. Unsere heutige Untat ist oft die Untätigkeit. Ein bisschen hier, da ein bisschen. Dort darf’s ein bisschen mehr sein. Lassen wir uns nicht täglich für eine Handvoll Seelenfrieden, für eine Blase gefühlter Sicherheit manche Freiheit abkaufen? Das Lippenbekenntnis des Nein’ ist die Untat unserer Tage.  Wir wählen sie wieder, die unsere Freiheiten beschneiden. Und sie wissen, dass wir sie wieder wählen. Schauen wir nur 800 Kilometer nach Osten, nach Ungarn, das auf einem guten Weg schien und nun – ohne Not – umkehrt. Deutschland ist nicht Ungarn. Doch die Donau verbindet uns mit Budapest und noch einiges mehr, das wir nicht hören wollen. Die meisten Ungarn schweigen wie die meisten Deutschen es tun, wenn Gesetze durchgewunken werden, die uns ein Stück weiter in kaum spürbare Unfreiheit führen. Es sind keine Degenstöße, es sind kleine Nadelstiche, die uns mehr und mehr schwächen.

Ich habe gelernt. Habe nicht vergessen, wie nah ich dran war als braver DDR-Bürger zu enden. Ich habe nicht vergessen, wie es um die Meinungsfreiheit stand und ich weiß, dass ein Text wie dieser harte Konsequenzen bedeutet hätte. Die Leichtigkeit des Neins ist nur in Freiheit möglich. Wir sollten verantwortungsvoll mit ihr umgehen.

Chamfort hat Recht: “Die Fähigkeit, das Wort ‘Nein’ auszusprechen, ist der erste Schritt in die Freiheit.” Doch ein falsch gesetztes Ja kann ebenso in die Unfreiheit führen wie ein falsches Nein.

07/05/2013

Author: Matthias Schumacher | Date: 15. Februar 2013 | Kommentare deaktiviert

Surveillance by eatmorechips

Haben wir wirklich so viel Humor? Oder sind wir gar komplett abgestumpft?
Ob in der “heute-show”, ob als extra 3-”Reporter” oder mit französischem Akzent als trottliger Alfons mit dem Puschelmikro – die Niedertracht hat viele freundliche Gesichter. Politiker, Fernsehschaffende, Normalos werden allerorts aufgelauert, “entlarvt” und lächerlich gemacht. Man hält ihnen das Mikrofon und den Spiegel vor. Jetzt aber, Sendereifes direkt in die Kamera! Wer politisch unkorrekt denkt, wer sich nicht eingehend genug mit der Materie beschäftigt hat, wer meint, seriöse Fernsehmacher vor sich zu haben, hat schon verloren. Satire soll das sein. Manche haben es nicht anders verdient, die meisten laufen ins offene Messer. Überraschungsmoment und Schnitt liegt in den Händen der Macher. Die Befragten dumm dastehen zu lassen, Kluges zu unterschlagen – ein Leichtes. Das ist die Mission. Und die sich live im Studio oder vor den Bildschirmen auf die Schenkel klopfen, könnten die Nächsten sein. Es scheint sie nicht zu stören, denn sie wähnen sich klüger als die Cutter vom Fernsehen, Radio, Internet.

Neue Umfrage. Alte Schlachtmethode. Und wir johlen. Weil wir dieses Unwissen nicht erwartet hätten, weil der Reporter so geil auf investigativ macht und so doppeldeutig in die Kamera grinst. Und wir machen uns vor Schadenfreude fast nass, weil  irgend jemand unserer Bekannten, Kollegen, Nachbarn ganz genau so ist. Solche Typen kennen wir. Doch dieser Jemand, diese Typen sind wir. Die Vorführer entlarven unsere Unzulänglichkeiten, unsere Unfertig- und Halbheiten, unser Menschsein. 500 Jahre nach Till Eulenspiegel ist die Erkenntnis, dass Menschen immer nur Menschen sind, nicht sonderlich groß.

Die Hinrichtung der ganz normalen Mittelmäßigkeit schreitet voran. Unaufhaltsam. “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus”, das sei Niedertracht pur, gemein, keine Grimme-Nominierung wert. Kandidaten wie den jüngst gekrönten Dschungel-König Joey Heindle müsse man vor sich selbst schützen. Wer schützt uns? Macht es keinen Unterschied, ob man Ohrfeigen selbst wählt oder mit einer beispiellosen Kaltschnäuzigkeit von hinten plattgewalzt wird? Zur Belustigung der Nation. “Schau mal, Mutti, Mittelmaß!” Mittelmaß sind die meisten von uns. Durchschnitt. Und wer kann schon exakte Antworten geben, wenn einem auf öffentlichen Plätzen ein Kamerateam nachstellt? Die halten uns offenbar für kompetent. Weltpolitik, Homoehe, dies und das. Wir werden gefragt, sind gefragt. das schmeichelt. Und wer will denn nicht ins Fernsehen? Na dann sagen wir eben, was wir meinen. Frei heraus aus Volkes Mund. Was ist so verwerflich daran, in diesem freien Land tatsächlich frei seine Meinung zu sagen? Mag sie dem Fragenden noch so dumm, dreist oder naiv erscheinen, sie ist doch legitim. Und wer weiß denn selbst über sein Fachgebiet bis ins Letzte Bescheid?

Seit sich Wigald Boning für “RTL Samstag Nacht” in den 90er Jahren mit bis dahin nie dagewesener Chuzpe für Satire- und Spaßumfragen unters Volk mischte, ist die Heimtücke professionalisiert worden und oft gar nicht mehr witzig. Würde es nur Politiker und andere “Experten” treffen, man könnte das Auge halb zudrücken. Doch mehr nicht. Denn wieviel Zeit mögen die Büros Abgeordneter wohl damit verbringen, allein die schriftlichen Quatschanfragen abzuarbeiten? Wieviel Zeit für Wichtiges geht da verloren? Und dann meldet sich noch jemand vom Öffentlich-Rechtlichen für ein Interview an, man sagt Ja, weil man gar nicht Nein sagen kann, und dann kommt ein Clown, der sich wie die Reinkarnation Eulenspiegels aufführt. Auf dem Weg zum Treffpunkt hat er noch drei Omas niedergequatscht. Haha, das war lustig!

Und Kalkofe schweigt. Der Fernsehkritiker, der den Finger ganz tief in die Wunde zu legen vorgibt, rührt sich nicht. Die Kritik ist mucksmäuschenstill, denn irgendwie ist das schließlich Satire, die darf alles, irgendwie ist es ja Journalismus, der darf noch mehr als Satire, und irgendwie ist es eben zum Totlachen. Doch wieviele Eulenspiegel verträgt das Land? Wie viel nackter kann ein Entblößter noch gemacht werden? Der Unterhaltungswert tendiert nach 20 Jahren Dauerbefragung gen Null. Wir werden nicht mehr erfahren als dass wir Menschen sind. Alle. Die, die wir oben meinen, wie die, die sich unten fühlen. Es gibt Angeber, Nichtskönner, Unwissende und Ahnungslose. Es gibt Politiker, die nicht wissen, was passiert, wenn das Internet voll ist. Es gibt aber auch Wurstfachverkäuferinnen, die den Fettgehalt der Ungarischen Salami nicht kennen. Muss uns das Sorgen bereiten oder nicht vielmehr aufatmen lassen?

15/02/2013