Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Juli 2015 | Kommentare deaktiviert für Poster

Es gab Zeiten, da haben wir alles von unseren Stars und Idolen gesammelt. Jeden Schnipsel, der in „Bravo“, „Popcorn“ oder „Neues Leben“¹ stand. Wir hefteten uns Sticker an die Shirts, reisten den Unerreichbaren nach oder sehnten uns über die Mauer zu ihnen. Unsere Zimmer tapezierten wir mit ihren Fotos— Poster über Poster. Und während wir sie anschmachteten, fragten wir uns, was unsere Stars wohl grad dachten und taten.

Heute wissen wir es. Sie tapezieren selbst unsere Wände. Mit all ihren Fotos vom letzten Shooting oder (hübsch zurechtgemacht) zwei Minuten nach dem Aufwachen, reichlich gefüllten Vorspeisentellern, leergegessenen Vorspeisentellern, mit kruden Meinungen und wirren Thesen, alten Netzfundstücken, neuen Meldungen des Tages, Katzenvideos, Fotos ihrer Freundesfreunde, Links zu ihrer noch offizielleren Fanseite, mit empörten Hinweisen auf eine gefakte Fanseite, mit beknackten Petitionen, anderen Gutmenscheleien und ähnlichen Albernheiten. Manchmal, es ist selten geworden, pinnen sie sogar an die Wand, woran sie gerade arbeiten. Das scheint unwichtig geworden und Beiwerk zu sein. Existenzgrundlage der Stars im dritten Jahrtausen ist das permanente Da-Sein. „Guten Morgen.“ „Hallo aus dem Zug.“ „Bin im Flieger, melde mich.“ „Gruß zwischendurch.“ „Gute Nacht, Ihr Lieben.“ „Guten Abend!“ „Wie war Euer Tag?“

Vermeintliche Nähe. Mit den Stars auf du und du. Die Sehnsucht wird gekillt. Der Hunger gestillt, bevor wir ihn haben. Wie Stopfgänse hat man uns am Schlund gepackt– und gib uns, yeah! Hurra, wir platzen! Infos, News, Wiederholungen („Auf den Tag 10 Jahre her, erinnert Ihr Euch?“), Nachrufe auf Helden unserer Helden („Ich habe ihn als Kind geliebt!“) Inszenierung meets Instrumentalisierung. Positionierung mit Datenkrallen aus unnützem Wissen im Gedächtnis der Fans. Den Posten um keinen Preis aufgeben. Posting. Posing. Popstar, PoStar, Popoblitzer…

Was haben Stars noch vor 30 Jahren gemacht, ohne online in sozialen Netzwerken mit jedem Fan verbunden zu sein? Wie blieben sie ohne diese Dauerpräsenz Stars? Wie schafften sie es, eine Platte rauszubringen, auf Tour zu gehen und dann zwei Jahre bis zum nächsten Album in der Versenkung zu verschwinden, ohne dass wir sie in der Zwischenzeit vergaßen? Sich rar machen, um geliebt zu bleiben… Das ist vorbei.

Ich vermisse die Zeiten, als die Poster schwiegen.

 

¹ „Neues Leben“ war eine beliebte Jugendzeitschrift in der DDR

 

©Matthias Schumacher 30.VII.2015