Author: Matthias Schumacher | Date: 29. Juli 2017 | Kommentare deaktiviert für Die Menschheit ist so gestrickt, als habe jemand einige Maschen fallen lassen. (Matthias Schumacher)

Matthias Schumacher
Foto: Björn Weide

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 11. Juli 2017 | Kommentare deaktiviert für Sulke und ein Quickie vor Eu-Ro-Pa

Der hängt nicht kopfüber in die Arena. Der wechselt nicht für jeden Titel die Klamotten. Keine Hupfdohlen, keine Windmaschine. Stephan Sulke macht’s für heutige Verhältnisse live weit spektakulärer: Er sitzt da, spielt, singt. Und ohne erkennbare Regelmäßigkeit bringt er ein neues Album raus.

2017: „Liebe ist nichts für Anfänger“. 

Acht Jahre sind seit der letzten Produktion vergangen und Sulke, inzwischen 73, klingt wie Sulke ’76. 1976, als es nach Erfolgen in Frankreich und in den USA auch in Deutschland steil bergauf gehen sollte.
Der Wiedererkennungswert ist beachtlich.

Sulke präsentierte sich hierzulande technisch nie als größter Sänger. Das hätte kaum gepasst. Eher ein bisschen nölig, ein bisschen vernuschelt und gehaucht, was er besonders in seinen Balladen gepflegt und kultiviert hat. Mit glattgebügeltem Up-tempo-Mainstream hätte er bequem brave Mitklatscher um sich scharen können. Auf die hatte er es aber nie abgesehen. Sondern auf jene, die wie er auf den Massengeschmack pfeifen und – natürlich – die Liebesgequälten. Angeknackste Herzen kriegt Sulke mit angeknackster Rauchstimmlage, die sich beispielhaft im Song „Ich geb mein Herz nie mehr“ wie ein Tenorsaxophon durch die Notenlinien schlängelt.

Dass er aber Gängiges nicht verlernt hat, beweist er mit dem Vier-Minuten-Quickie „Zwei Fremde in einem fremden Haus“. Radiotauglicher Seitensprung-Deutschpop, der sich nicht verstecken muss. Ein One-Night-Stand mit 73? So what? Why not? Kein Scherz. Auch wenn Sulke nicht immer alles wirklich ernst meint. 

Hier verspielt, dort traurig, da leicht – oder leicht traurig. Der neue alte Sulke ist wie das Leben. Und die Liebe, die wir zu kennen glauben und von der uns Sulke singt, gelingt nicht immer. „Man liebt und entliebt sich // Man hasst und vergibt sich // Und wieder verliebt man sich neu“. Eben: „Liebe ist nichts für Anfänger“.

Momentaufnahmen. Episoden. Keine langen Stories. Angerissenes und Skizzen. Beobachtungen. Witziges und Gewitztes wie in „Ich bin so traurig, Mann oh Mann“. Menschlich große Gefühle in musikalisch kleiner Besetzung. Sulke singt, wie er es sieht, nicht nur in „Eu-Ro-Pa“. Ja, Sulke macht nicht nur in Liebe, er macht sich auch Gedanken. Die sind nicht immer wohltemperiert.

Liebe ist nichts für Anfänger“ ist nicht das Alterswerk eines Künstlers, der auf Bedeutendes und bessere Zeiten zurückschaut. Es ist ein facettenreiches Album im Hier und Jetzt, in das Sulke die gesamte Bandbreite seines Könnens gepackt hat. Sympathisch echt und erdig eingespielt. Gut für alle, die sich gern den vollen Stephan mit „ph“ geben, nicht schlecht für jene, die als Nachbarn mithören müssen, wenn man als Ü40er das „Edelmetallalter“ etwas lauter mitträllert: „Silbersträhnen in den Haaren // Gold, um Zähne zu bewahren…“

Sulke bleibt sein eigenes Genre. Was Sulke macht wie Sulke, kann nur Sulke. Und so sitzt er eben nicht zwischen den Stühlen, sondern – ja – hängt eben doch von der Decke in die Arena, schaut, was da abgeht, und lässt die Löwen nach ihm schnappen. Kommen ja nicht an ihn ran.

„Liebe ist nichts für Anfänger“ ist erschienen bei staatsakt.
und überall erhältlich.

Stephan Sulke Website
Stephan Sulke auf Facebook
 

 

 

Rückblick:
Das exklusive Interview von Matthias Schumacher mit Stephan Sulke (2010).

Verfasst am 11.VII.2017.
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 9. Juli 2017 | Kommentare deaktiviert für Befreiung

Das Glück, es droht nicht mehr,
Es ist – eingetreten kurz nach dir,
Und eingetreten ist die Tür,
Die ich in mir verriegelt hielt.

Im eignen Kerker nicht mehr Herr
Zu sein, durch Fremde im Revier,
Ist eine ungeübte Kür,
Die auf Befreiung zielt.

Du warfst die Mauern übers Meer,
Nahmst Dach und Nacht von mir.
Verrate dir zum Dank dafür:
Ich hab die Ketten nur gespielt.

 

 

Foto: darkday (flickr), CC 2.0
Gedicht verfasst am 02. August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in 
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 28. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für „Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt“ – Kommentar zur Ehe für alle –

Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, wird der Deutsche Bundestag an diesem Freitag den Weg für die Ehe für alle freimachen. Es ist an der Zeit, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und zeitgemäß zu handeln. 17 Jahre nachdem es die Niederlande als erstes Land der Welt vormachten. 17 Jahre!

Verlorene Jahre.

Statt mit unseren niederländischen Nachbarn gleichzuziehen, einigte sich die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder im Jahr 2001 auf das Lebenspartnerschaftsgesetz. Das war immerhin etwas. Das war weit mehr als unter einem Kanzler Kohl je denkbar gewesen wäre. Das war nicht genug. Und so kam auch mehr. Aber bis zum heutigen Tag nicht alles.

Doch alles muss hier das Mindeste sein.

Es geht nicht um ein paar Euro, die man verschmerzen könnte. Es geht nicht um den Begriff Ehe. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Und Liebe. Liebe, ein Begriff der sich weder im Bürgerlichen Gesetzbuch noch im Grundgesetz findet. Ein Gefühl, das weite Teile unseres Handelns bestimmt, das vieles leichter und erträglicher macht. Ein Gefühl, das, wenn es gleichgeschlechtliche Partner für einander empfinden, kein Gefühl zweiter Klasse mehr sein darf.

Wer in Windeseile Gesetze gegen Hass durchpeitscht, darf sich Gesetzen für die Liebe nicht entgegenstellen. Der Gesetzgeber ist groß und stark im Einschränken von Freiheiten. Wenn es aber darum geht, Freiheiten einzuräumen, zögert und zaudert er mitunter Jahre und manchmal Jahrzehnte.

Mit der Ehe für alle geht Deutschland einen Schritt nach vorn. Die deutliche Mehrheit der Menschen im bevölkerungsstärksten Land Europas ist längst dafür bereit gewesen. Nun wird der Volkswille geltendes Recht. Und Deutschland wird gerechter und moderner, kommt im Heute an. Heute, das ist eben nicht nur Atomausstieg und Industrie 4.0, es ist auch die Ehe für alle als selbstverständlicher Bestandteil einer weltgewandten und offenen Gesellschaft. Und es schadet hier einmal gar nicht, wenn wir uns aufs Podest stellen und sagen: „Ihr Österreicher, Slowenen und Slowaken, Ungarn… seht her und folgt uns!“

Helmut Kohls Ausspruch von der Einheit der Nation, von der geschichtlichen Stunde, er sollte allen ein Wegweiser auch in der Frage der vollständigen Gleichstellung Homosexueller sein. Der Mantel der Geschichte trägt in dieser Woche alle Farben des Regenbogens. So nah war er nie zuvor. Wer da nicht zugreift, muss schon blöd oder böswillig sein.

Und wenn wir am Freitag nun ein letztes Stück alte Bundesrepublik hinter uns lassen und wenn Helmut Kohl am Samstag seine letzte Ruhe findet, gehen wir durch blühende Landschaften in eine neue Zeit.

Ja, es darf uns feierlich zumute sein.

Verfasst am 27. und 28.VI.2017.
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für Ich hab noch eine Schuld


 

Ich hab noch eine Schuld
Tief unten im Gepäck,
An Stahlseiln der Geduld
Beinbaumelnd im Versteck.

Unter verdrängten neuen
Diese alte unverjährte,
Waidwunde, die Bereuen
Und Vergebung mir verwehrte.

Die bei jedem Gehen
An meinen Knien rieb,
Die bei jedem Stehen
Ihre Spitzen in mich trieb.

Kein Vor und kein Zurück
Ohne sie seit frühen Tagen,
Gezerrt durch jedes Unglück
Und doch nicht abgetragen.

Noch wie neu und unberührt.
Wie wird man schuldenfrei?
Wie wird man rückgeführt
Und stirbt kein Stück dabei?

Ich öffne nicht die Laschen,
Bleib schuldig nur darum:
Man krempelt weder Taschen
Noch Leben einfach um.

 

 

Foto: Anthony Catalano (flickr), CC 2.0
(zeigt nicht Matthias Schumacher)
Gedicht verfasst im August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die neue Macht des bösen Händchens

Geschüttelt oder gerührt. Der Handschlag ist zum Gradmesser der weltpolitischen Stimmungslage geworden. Matthias Schumacher nimmt seine Leserschaft in dieser Kolumne sanft an die Hand und führt sie bis in ihre Kinderstube.

Seit Donald Trump die Hände im Spiel hat, sind Umgangsformen in der Politik wieder ein Thema. Jeder Handschlag des graublonden Rüttelbären aus Washington wird zur Zerreißprobe von Maßanzug und Schultermuskulatur, jedes ausgelassene Händeschütteln zur Schicksalsfrage künftiger bilateraler Beziehungen. Jetzt kriegen wir was zu sehen und meinen ungefähr zu wissen, woran wir sind.

Jahrelang konnten wir nur raten, welche Stimmung sich hinter Putins maskenhaftem kalten Grinsen verbarg und ob die Mundwinkel der Kanzlerin an diesem Tag nicht einfach nur besonders stark der Erdanziehung nachgaben. Ein Trump geht um die Welt. Dank ihm zeigt man nun von vornherein ganz offen, was man vom anderen hält und was unsereins erwartet. „Reich mir die Hand mein Leben, // Komm auf mein Schloss mit mir“¹ – oder fahr zur Hölle.

Wir müssen uns erst reinfummeln und bewegen uns im Bereich von Spekulation und Interpretation meist in Richtung Eskalation. In Sozialen Medien mindestens fünfmal pro Viertelstunde. Die nicht entgegengenommene Begrüßung führt direkt zur größtmöglich anzunehmenden Katastrophe.

Die neue Macht des bösen Händchens spüren wir vor allem an den Kehlen. Atemlos durch die Macht. Sauerstoffmangelnd taumelt die Deutung eines verpatzten Handshakes für uns zwischen baldigem Handelskrieg und sofortigem atomaren Erstschlag. Aber ehrlich, es kann doch in keinem Fall schaden, Trockenobst und Wasser für 14 Tage einzulagern und die Jodtabletten bereitzuhalten.

Wie wurden wir von besorgten Tanten zurechtgewiesen, wenn wir ihnen im zarten Alter von vier Jahren das böse Händchen gaben – oder das gute Händchen nicht auf die richtige Weise! Wie sollten wir gescholtenen Kinder ahnen, dass Tantchen das weltpolitische Ausmaß einer falschen Geste mahnend vor Augen stand? Wie ahnen, dass wir für die olle Tante potenzielle Weltenlenker waren? Ohne Knigge fährt man auf diplomatischen Kanälen die Welt schnell an die Wand. Jeder verkorkste Handschlag: ein Schlag ins Gesicht oder ins Wasser. Mit unabsehbaren Folgen für das Fortbestehen der Menschheit.

Viele von uns sind über die Jahre, auch aus hygienischen Gründen, fast ganz vom Händeschütteln abgekommen. Manche nicken einander nur noch zu. Tantes Kinderstube fast vergessen. Nun werden wir erinnert. Vom 45. US-Präsidenten, der uns eindrücklich vorführt, wie man es nicht macht. Und wir fragen uns, wann der kleine Donald diese Barkeeperin kennenlernte, die den störrischen Jungen so lang schüttelte, bis er sie zornig „Fake-Tante“ nannte.
Sowas prägt.

 

¹ W. A. Mozart „Don Giovanni“, Erster Aufzug
Foto: golanlevin (flickr), CC BY 2.0
Verfasst am 29. und 30.V.2017 in Berlin.

© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die Nudel – The Next Generation

Remakes und Spin-offs sind beliebt. Nicht erst seit Star Wars oder The Big Bang Theory. Nun bringt Matthias Schumacher einen legendären Sketch von Loriot mit Lichtgeschwindigkeit ins digitale Zeitalter.

„Nein, sagen Sie noch nichts! Es gibt Augenblicke im Leben, wo die Sprache versagt…“ Das waren Zeiten, als noch die Sprache versagen konnte! Im Mai 1977, beinah auf den Tag vor 40 Jahren, ging die dritte Episode Loriot über den Schirm, der damals in jedem Falle ein Fernsehbildschirm war. Wie sich Sehgewohnheiten und Technik veränderten, veränderte sich auch das Kommunikationsverhalten. Aus Zurückhaltung und Sprachlosigkeit ist zügelloses Geplapper geworden. Manches mutiert über die Jahrzehnte.

„Die Nudel“ gehört zweifellos zu den beliebtesten Sketchen aus Loriot I bis VI. An der Seite des Meisters: Die große Evelyn Hamann. Wir erinnern: Während der namentlich nicht erwähnte Verehrer in einem italienischen Restaurant der angebeteten Hildegard eine umständliche Liebeserklärung macht, wandert ihm Dank ungeschickter Handgriffe eine Nudel übers Gesicht. Was Hildegard irritiert und vom geraspelten Süßholz ablenkt.

Das brachte Millionen zum Lachen und hat längst Kultcharakter, könnte heute so allerdings nicht mehr stattfinden. Gewiss würde Vicco von Bülow, der feine Beobachter deutschen Alltags, diesen Sketch inzwischen ganz anders anlegen. Denn der Mensch 1977 ist dem Menschen 2017 innerlich wie äußerlich noch recht ähnlich, aber nicht sein Alltag.  

Im Jahr 2017 wäre Hildegard zwar weiterhin abgelenkt, allerdings aus anderen Gründen. Denn Hildegard hätte ein Smartphone, viele Facebookfreunde und ihre Mutti, die Hildegard gern unter der Haube sehen würde, auf WhatsApp. Alle wollen immer was und haben ständig was mitzuteilen. Auch Hildegard.

So würde sie heute vielleicht exakt in jenen Momenten von ihrem Mobiltelefon zu ihrem Gegenüber aufschauen, wenn die Nudel – ganz kurz – eben nicht(!) auf seiner Nasenspitze oder im Augenwinkel klebt. Was zwar genau das Gegenteil von damals wäre, als Hildegard die Reise der Nudel gebannt verfolgte, aber eben zeitgemäßer wäre und dem heutigem Das-könnte-jedem-Passieren entspräche. Genau darum fände es der Zuschauer 2.0, der die #Nudel im Gegensatz zu #Hildegard wandern sieht, brüllend komisch. Und wenn sich der zukünftige Chef der Einkaufsabteilung, dem so leicht keiner was vormacht, Hildegards Sprachlosigkeit mit den Worten „Warum sagen Sie denn nichts?“ zuwendet, lästert diese gerade mit ihrer besten Freundin im Facebookchat über seine „Nudel“. Schlüpfrig und doppeldeutig ging es ja gern bei Loriot zu. Wie im echten Leben.

Ähnlich – ja – oder ganz anders – könnte „Die Nudel“ heute aussehen. Und die Pointe? Der Verehrer ruft nicht nur wie schon 1977 den Ober, sondern postet ein Foto der skandalösen Nudel in seinem Latte macchiato bei Facebook, wo sie viral geht und Hildegard in Echtzeit serviert wird. Entsetzter Blick zu ihrem Verehrer. Klappe.

Der erste kritische Kommentar zur Sendung käme heute übrigens via Twitter: „@ard, @radiobremen: Das können Sie Ihren Gästen in Neapel anbieten! Hier kommen Sie damit nicht durch.“

Das Netz heult auf: „Ach was!“


Verfasst vom 19. bis 21.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher