Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Januar 2012 | Kommentare deaktiviert

Während Berlin noch einen Nachfolger für Marx und Engels (Bronze, 385 cm) am gleichnamigen Forum sucht, hat am gestrigen Abend Thomas Gottschalk (Entertainer, 192 cm) geradezu darum gebettelt, als neues Mahnmal für gescheiterte Visionen in die Geschichte eingehen zu dürfen.
Eine teils tiefenpsychologische Analyse von Matthias Schumacher.

Gottschalk-live-Screenshot-ARD De in TV-Premiere von Gottschalk Live - Einer flog übers Wohnzimmer 

Der amerikanische Weg, ein deutscher Albtraum

Heute analysieren Medienexperten und Journalisten, was da alles schief lief an diesem Montagabend, doch das Gesehene gehört in die Hände des Psychologen. Als familiär vorgeprägter Laie übernehme ich diesen Part sehr gern und unentgeltlich. Nachdem mein Großvater aus dem Zweiten Weltkrieg und amerikanischer Gefangenschaft heimgekehrt war, warf er sich auf Familienfeiern nach ein paar Gläsern Schnaps hinters Sofa und fühlte sich wieder im Krieg. Wenn Thomas Gottschalk von Malibu nach Deutschland kommt, hebt er ab und fühlt sich in seinem Wohnzimmer-Studio wie Letterman mit Flüüüügeln. Übermoderator im Himmel über Berlin und TV-Deutschland – inklusive WLAN.

Nun hat Gottschalk nicht etwa mit dieser kleinen Macke, sondern allein mit seinem Namen zehnmal mehr Zuschauer vor die Bildschirme gelockt als Harald Schmidt (dem anderen mit Letterman-Meise). Vorschusslorbeeren von 4,34 Millionen Neugierigen. Eine Zahl, die nichts sagt. Enscheidend für die Zukunft des Formats werden die nächsten Wochen sein. Wochen, in denen Thomas Gottschalk in sich gehen und mental allmählich in Deutschland eintrudeln sollte.

Die heftig kritisierten drei Werbepausen in den letzten Minuten vor der Unterbrechung für das Wetter im Ersten hätten kaum ein Problem dargestellt, wenn nicht jener Gottschalk, der ein Letterman oder Jay Leno des Vorabends sein will, von den Commercial Breaks sichtlich überrascht worden wäre und sie ohne jede Eleganz, Charme und Witz anmoderiert hätte. So schlecht kann das wirklich nur unser Thommy! Der Deutsche, insbesondere der ARD-Zuschauer, hat seine Sehgewohnheiten, doch kann man nahezu alles verkaufen, wenn man es nur appetitlich genug anrichtet. Gottschalk aber hat sich auf unappetitlichste Weise hingerichtet.

Auf Du und Du mit Knäckebrot

Mit gespielter Leichtigkeit ist es dem gealterten Lockenkopf gelungen, das Entertainer-Qualitätssiegel “Das kann nicht jeder” in eine undefinierbare Masse zu verwandeln, bei deren Anblick der Zuschauer aufseufzt “Das könnte ich auch”. Das Todesurteil jeder Entertainerkompetenz. Social Media wurde versprochen, Sozialphobie geliefert. Ein einziger Facebook-User hat es mit einer lächerlichen Frage an Michael “Bully” Herbig in die Sendung geschafft. Soll das die versprochene Interaktion sein? Gottschalk sendete, was von den Zuschauern zurückkam, lief ins Leere.

Gottschalk wirkt fern seines Publikum, zu Hause im Medienzirkus, “mit den Stars auf Du und Du”, was man ihm im Grunde nicht vorwerfen darf. Wer über zwei Jahrzehnte Europas größte Liveshow moderierte, kennt eben Nicolas Cage und Vater Klum, Gottschalk daraus einen Strick zu drehen, wäre als würde man einem Backshopbetreiber vorwerfen, seinen Tiefkühlbrötchenlieferanten zu kennen.

Geliefert wurde aber nur Knäckebrot. Dröges noch dazu. Nun wissen wir seit der Premiere von “Gottschalk Live”, dass der 61jährige bei Heidi und Seal zu Hause war und letzterer ihn brav “Herr Gottschalk” nannte. Gut zwei Stunden später verriet uns Brigitte Nielsen im Dschungelcamp, dass sie einen One Night Stand mit Sean Penn und eine Affäre mit Arnold Schwarzenegger hatte. Wer wohl beim Zuschauer mehr Oho und Aha herausgekitzelte? Brigitte oder Thommy?

Das muss ja nicht sein

Gleich zu Beginn versprach der Pilawa-Vorgänger, es werde bei “Gottschalk Live” nicht gekocht: “Das muss ja nicht sein.” Am Ende fragte sich die ganze Fernsehnation, ob denn “Gottschalk Live” sein müsse. Vielleicht hätte es Gottschalk besser zu Gesicht gestanden, das Fernsehen hinter sich zu lassen und nur gelegentlich in einer Talkshow aufzuschlagen, um dort den Vorwurf loszuwerden “Ich hatte damals noch 12, 13, 14 Millionen Zuschauer. Das schafft ja heute keiner mehr!” Dafür ist es zu spät. Sollte dieses Experiment im Ersten komplett in die Hose gehen, bleibt ihm aber immer noch das Gottschalk-Forum unweit des Roten Rathaus. Da könnte er von seinem Studio am Gendarmenmarkt aus zu Fuß hingehen und sich in Bronze gießen lassen, falls er aber so weitermacht wie am ersten Abend, wohl eher teeren und federn.

Marx-Engels-Forum in TV-Premiere von Gottschalk Live - Einer flog übers Wohnzimmer
Die ersten haben sich bereits abgewendet.

 24/01/2012

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Januar 2012 | No Comments »

Matthias Schumacher gedenkt des Lyrikers Georg Heym und sorgt sich um die Sprachkultur außerhalb des Dschungelcamps. Geheul eines Kulturpessimisten vom Gipfel der Literatur bis in die Niederung der Hämorrhoidalleiden.

Georg Heym-217x300 in Zum 100. Todestag von Georg Heym: Das Geheul eines KulturpessimistenErtrunken. Die Nachricht muss die Berliner Künstlerszene wie ein Schlag getroffen haben. Vor 100 Jahren starb einer der bedeutendsten Vertreter des aufblühenden literarischen Expressionismus, Georg Heym, im Alter von 24 Jahren.

„Beim Eislaufen auf der Havel brach er ein und ertrank mit seinem Feunde, dem Lyriker cand. phil. Ernst Balcke, am 16. Januar 1912, nachmittags, bei Schwanenwerder; sein Grab ist auf dem Friedhof der Luisengemeinde in Charlottenburg“. So beschreiben die Herausgeber des im Mai 1912 postum erschienenen Gedichtbandes „Umbra Vitae – Nachgelassene Gedichte“ sachlich die Umstände seines Todes.

Georg Heym war der Erste einer Reihe viel zu früh verstorbener Dichter, die Anfang des 20. Jahrhunderts eine literarische Zeitenwende eingeläutet haben. Er selbst verunglückte, bevor sich eine Nation zweieinhalb Jahre später selbst ins Unglück stürzte und neben Millionen anderen auch viele junge hoffnungsvolle Künstler mit sich riß. Alfred Lichtenstein, Georg Trakl, Robert Jentzsch… Auch Georg Heym hatte sich für eine Offizierslaufbahn entschieden, die Bewilligung seines Eintritts erreichte Berlin allerdings erst nach seinem Tode. Es war nicht sein erster Versuch, diesen Weg einzuschlagen, vielleicht hätte ihm eine frühere Zusage das Leben gerettet. Vorerst. Heym prägt die Lyriker bis heute.

Literatur 2012 – Von Schnappschüssen zum Grunzen

Was aber prägt jene, die keine Dichter sind? Was ist ein Jahrhundert nach Georg Heym stilbildend für unsere Sprache? Viele der heutigen Schriftsteller kennzeichnet, genauso zu schreiben, wie ihre Leser sprechen. Literarische Schnappschüsse kommen gut an. Nur sind Schnappschüsse nichts für die Ewigkeit. Nach Jahren wirken sie in der Regel peinlich und man entledigt sich ihrer möglichst unauffällig. Billy Wilder, der Stilikone des Films, wird das Gebot „Du sollst nicht langweilen“ zugeschrieben. Die meisten Autoren folgen diesem Satz. Ungezählte auf die gleiche langweilige Art. Man hat sich auf das Mittelmaß geeinigt. Das tut jedem gleich weh. Mit der Langeweile ist es auch schwierig: Den Intellektuellen langweilt das Platte, den Plattköpfen das Intellektuelle.
Die goldene Mitte ist oft aus Blech.

Auswüchse vorauseilender Niveauabsenkung, von der man sich höhere Auflagen verspricht. Mancher könnte auch anders, aber weder “könnte” noch “anders” schreibt man große Erfolgschancen zu. Zahllose Romane erwecken den Eindruck, jeder hätte sie schreiben können. Womöglich versucht sich deshalb auch bald jeder als Romanschriftsteller. Doch einem Volk hinterherzuschreiben, das zwischen Geschwätzigkeit und Maulfaulheit schwankt, bringt Literatur und Sprache kaum weiter – und die Gesellschaft schon gar nicht. Würden wir uns fortan nur noch mit drei Grunztönen verständigen, so liefe die Literatur mit Quieken diesem Trend nach. Vorreiterrolle rückwärts.

Ursachenforschung zwischen Sprachpanschern und Frauentausch

Voran bringt auch kein Verein Deutsche Sprache, der sich ausgerechnet das Bewahren auf die Fahne geschrieben hat und mit Akribie und Verbissenheit gegen Sprachpanscher zu Felde zieht. Ein Irrsinn wie das Bewahrenwollen der Natur, ohne ihr Luft und Raum für natürlichen Wandel, Sterben und Wiedergeburt zu lassen. Die Sprache wird ihren Beschützern was husten. Man kann sie nicht einsperren. Das haben schon ganz andere versucht. In Diktaturen verzieht sie sich zwischen die Zeilen und sagt dort oft mehr als schwarz auf weiß. Die ehemaligen DDR-Bürger waren Meister im Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Ein Pfund, das sie in der Meinungsfreiheit bald verloren.

Wenn der Auskunftsschalter jetzt Servicepoint heißt, wird es die deutsche Sprache überleben. Es ist vielmehr die Summe der negativen äußeren Einflüsse, die ihr zuschaffen macht, das stete Nagen und Vernachlässigen – bis sie auf den Kern des Allernotwendigsten geschrumpft ist. Hier ein überflüssiger Anglizismus, da ein bisschen Dativ statt Genitiv, „da werden Sie geholfen“, vielerorts konsequente Kleinschreibung, dort ein Smiley statt ausformulierter Ironie und überall ganz viel Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit.

Angenommen, wir wären nicht dumm und faul, und der Frauentausch-Mutti gelänge es, jede Anspielung der Dschungelcamp-Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zieltlow in ihrer Tiefe und Doppeldeutigkeit zu erfassen, es stünde alles zum Besten. Aber es steht schlecht außerhalb des Camps. Wirklich gut stand es nie…

Als Japan im Januar 1932 Shanghai angriff, identifizierte der österreichischer Schriftsteller Karl Kraus das Grundübel in fehlenden Kommas: „Hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, dass die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.“ Wem ein Komma egal ist, dem ist bald alles und jeder egal, wer sprachlich verroht, wird zum Barbar. Verwahrloste Sprache als Symptom.

Und man kann es ruhig aussprechen: Hätten die Dschungelcamper in ihrem Leben besser auf Kommastellungen geachtet, sie wären heute nicht, wo sie sind. Im Fernsehen, beim RTL, vielen zum Ge-, doch einigen zum Missfallen, wie einem Bild.de-User mit dem Pseudonym katholisch, der sich in einem seiner Kommentare wünscht, dass in Deutschland die heilige katholische Kirche „regiert“, und in einem weiteren urteilt:

Der niveaulose TV-Konsum vieler Menschen in Deutschland (z.B. “Das Dschungelcamp”, “DSDS”, “Bauer sucht Frau”, “Schwiegertochter gesucht”, “Schwer verliebt”, “Frauentausch” etc.) zeigt deutlich, wie tief unsere Gesellschaft mittlerweile gesunken ist. Die Menschen empfinden offenbar große Freude daran, wenn Menschen öffentlich gedemütigt und bloßgestellt werden. Dieses Voyeurismus-TV ist unchristlich und menschenunwürdig! Noch vor wenigen Jahren hätten sich die Leute geschämt, solche oberpeinlichen und niveaulosen Trash-Formate anzuschauen…..Mittlerweile jedoch entsprechen diese – leider! – der medialen Normalität. Es ist schlecht bestellt um unsere Gesellschaft, die ihre Werte und ihr Bildungsniveau immer weiter abschafft! Armes Land! 

Apropos!

Medien 2.0 – Wie wir ärmer werden und reicher würden

Gerade die Auswirkungen des Zusammenspiels von Medien und Internet muss fatal genannt werden. Fatal, nicht weil es ein Zusammenspiel gibt, sondern weil es falsch angegangen wird und fatale Auswirkungen hat. Die Anpassung des Zeitungsstils an den Stil, der in sozialen Netzwerken wie Facebook gepflegt wird, schreitet schnell voran. Man möchte den schnellen Klick – und so glaubt man, sich anpassen zu müssen, an die, die klicken sollen. Das funktioniert einigermaßen. Wer aber den Facebookstil unterbietet, wird von noch mehr Menschen verstanden. Die Versuchung ist groß.

Auf der Strecke bleibt die Sprache. Nicht wenige Zeitungsartikel (Print wie Online, denn der Stil bleibt ja nicht im Netz) lesen sich heute wie Kommentare in sozialen Netzwerken. Sätze sind auf SMS- sprich Tweetlänge zu beschränken. Man schreibt auch hier, wie die Menschen reden. Alle sollen es auf Anhieb verstehen, alle sollen klicken. Der Kommerz bestimmt, wie wir sprechen.

Irgendwann, es ist noch gar nicht lange her, haben die Journalisten, Autoren, Dichter, Schriftsteller die Elfenbeintürme verlassen. Wer hätte gedacht, dass man so schnell im Erdgeschoss landen kann! Augenhöhe mit dem Leser. Das Fernsehen ist schon im Keller. Das Radio dudelt brav die größten Hits.

Was hindert uns, ein höheres Niveau im Schriftlichen als in der Alltagssprache anzustreben? Wir könnten, wären viele nicht zu dumm und zu faul, beides haben. 1+1 macht 2. Wären wir nicht reicher?

Man muss kein Fatalist und Kulturpessimist sein, um sich zu sorgen und missmutigen Blickes in die Zukunft unserer Sprache zu schauen. Es genügt ein waches Auge und ein bisschen Menschenkenntnis.

Mit Hämorrhoiden ins nächste Jahrhundert

Georg Heyms Grab wurde 1942 nach Ablauf der Liegefrist eingeebnet und vor drei Jahren von einem kleinen Verehrerkreis wieder hergestellt. Niemand kann sagen, wie nachfolgende Generationen die Hämorrhoidengeschichten einer Charlotte Roche einordnen und ob sich Menschen zusammenfinden werden, die der großen Bestsellerschreiberin 100 Jahre nach ihrem Tode gedenken. Hämorrhoiden sind allemal ein zeitloses Problem.

Jeder Autor muss für sich allein über den eigenen Anspruch entscheiden, muss wissen, was er will und was er der Nachwelt hinterlassen möchte. Doch lasst Euch sagen, Ihr Gefälligkeitsautoren, mit Banknoten kann man sich kein Ticket zur Unsterblichkeit kaufen!

Linktipp:
Georg Heym im Projekt Gutenberg - u.a. mit seinem letzten Gedicht Die Messe, das er am Tag vor seinem Tod verfasste.

16/01/2012
Author: Matthias Schumacher | Date: 7. Januar 2012 | No Comments »

Erst hat die Presse so lange mit Volkes Meinung auf Politiker eingedroschen, bis die Politiker sie annahmen.

Nun drischt die Presse so lange mit ihrer Meinung über Politiker aufs Volk ein, bis das Volk sie übernimmt.


07/01/2012

Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Januar 2012 | Kommentare deaktiviert

Bundespr Sident-Wulff1 in WULFF-SHOW IM QUOTENHOCH oder EINE FRAU WIE BETTINA

Über 11 Mio. Menschen sahen am Mittwochabend die neue Show mit Christian Wulff, dem menschlichsten Menschen von allen, der bisher weder als gewiefter Fragensteller, noch als geschickter Anrufbeantworterbesprecher in Erscheinung getreten war. Damit schlägt der amtierende Bundespräsident die zu Recht vergessene Präsidentengattin-Kochshow “Zu Gast bei Christiane Herzog”. Lang haben die Anstalten keine ernsthaften Versuche einer Unterhaltungssendung rund ums Schloß Bellevue mehr gewagt, umso mutiger nun dieser Schritt und umso überraschender der Erfolg des Steinzeitformats.

Der von Wulff mit dem Staatsfernsehen (unter Ausschluss der Privaten) erreichte Marktanteil betrug beachtliche 33,9 Prozent. In der relevanten Zielgruppe der 14- bis 49jährigen waren es 17,6 Prozent. Die Pilotfolge “Weihnachtsansprache”, die Wulff zwar vor Publikum, aber stocksteif am Teleprompter klebend und ohne Gesprächspartner bestritt, sahen am 25. Dezember lediglich 7 Millionen Zuschauer. Die Sender reagierten zügig, entfernten die abwesend wirkenden “Bürger” und deren quäkenden Bürgerbabys und engagierten für die erste reguläre Sendung zwei am Boden der Tatsache festgeketteten Klappmaulpuppen als Sidekicks, die sich als eloquente Stichwortgeber bewährten:

Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf.

Namensgebung und Gebaren erinnerten freilich an einen Herrn (Uli) von Bödefeld oder Graf Zahl – mit einem Schuss Waldorf und Statler. Dennoch dürfte sich der nach seinen Fehlgriffen mit Manuel Andrack und Oliver Pocher angeschlagene Harald Schmidt bereits nach diesen ferngesteuerten Strohpuppen verzehren, die gleichermaßen gekonnt Kompetenz und mit dem Kugelschreiber spielen. Allerdings merkte man den beiden noch zu oft an, dass sie ihr Wissen allein aus den Medien hatten, zeitweise wirkten sie sehr behäbig. Hier darf eine Kooperation mit den Kinderkanal unter fachlicher Anleitung durch Bernd das Brot angeregt werden.

Deppendorf, der dem TV-Publikum über die Jahrtausende ans Herz gewachsen ist und vor allem durch seine innere und äußere Schnauzbärtigkeit bekannt wurde, ist trotz notorischer Emotionslosigkeit ein Volltreffer, über den Wikipedia ungewöhnlich Relevantes weiß: “Er mag klassische Musik, spielt gerne Tennis und reist gern.”

Bettina Schausten, die Politbarometerbalkendiagrammversteherin, die offenbar auch gern reist und auf Steuer- und Gebührenzahlerkosten im letzten Sommer mindestens einen Tag mit Christian Wulff auf Norderney verbrachte. Bei der bislang ungeklärten Übernachtungsfrage lief Wulff zu beinah gottschalkscher Spontaneität auf. Noch zuvor beklagte Gastgeber Wulff die Freiheit des Pöbels im Internet “was da über meine Frau (Bettina) alles verbreitet wird an Fantasien.” Nun erfuhr die Öffentlichkeit durch das unfreie Fernsehen, was Bettina (Schausten) für eine Frau ist. Sie ist keine, die sich für eine Nacht bezahlen lässt, sondern eine, die für eine Nacht bezahlt. 150 Euro.

Niemand hätte bis zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass sie Freunde hat. Besonders hervorgetan hat sich Schausten allerdings durch die Schöpfung eines neuen Pleonasmus (nasser Regen, alter Greis, großer Riese), als sie von “scheibchenweiser Salamitaktik” sprach, was das Feuilleton bei der Rezension dieser hervorragenden Sendung bislang ungewürdigt ließ.

Man muss den Verantwortlichen gratulieren. Sie haben Christian Wulff zum Singen gebracht. Leider war es die alte Leier. Womöglich gar die Wahrheit. Ging es um die Wahrheit oder um ein Spektakel, eine Show, eine Vorführung?
Worum ging es noch gleich? War was?

Solch ein Präsidentenjodeln ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik, nur zu erreichen, wenn zwei ganz ganz exklusiv unser Staatsoberhaupt bei den Eiern der Ehre packen – und nicht etwa, wenn ganz Mediendeutschland tagelang darauf eindrischt. Nicht zu vergleichen mit der Causa Walter Scheel. Der trällerte “Hoch auf dem gelben Wagen” bevor er ins Amt der Ämter geriet. Wessen Wagen das war, wer ihn bezahlte und warum, ob er damit Fahrerflucht beging und wer neben ihm saß, dazu schweigt Scheel bis heute. Droht hier die nächste Krise der FDP?

Auch wenn von Wulff, Schausten und Deppendorf inhaltlich wenig Neues geboten wurde, war es doch beste Unterhaltung zur Primetime. Noch ein bisschen Musik, mehr flotte Sprüche – und Bohlen kann sich warm anziehen. Schade, dass die Öffentlich-Rechtlichen kein Telefonvoting für die Wulff-Show vorgesehen hatten. Angesichts der anderen beiden Kandidaten käme Christian, der präsidiale Kermit, der Froschkönig, garantiert in die Top 3-Show. Er würde ja auch ständig für sich selbst anrufen.

Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung steht noch immer hinter ihm, obwohl Kai Diekmann und die übrigen BILD-Macher offensichtlich einmal erleben wollen, wie es sich anfühlt, einen Bundespräsidenten zu stürzen. Sie arbeiten wacker daran. Und wenn er stürzt? Fällt er durch BILD oder über die eigene Ungeschicklichkeit, Dummheit, Dreistigkeit? Womit könnten wir besser leben?

Den permanent unzufriedenen und immer lauter werdenenden Stimmen, die nach diesem “Interview” mehr fordern, sei zugerufen: Es war doch nur Fernsehen, nur Kasperltheater! Sie sollten besser der Frage nachgehen, woher die Million kam, die das ZDF am selben Abend retten lassen wollte.

05/01/2012
(mit Updates)

Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Dezember 2011 | No Comments »

Johannes-Heesters in Johannes Heesters - Profi bis zuletzt

Mit 108 geht man leise. Doch ein Profi wie Johannes Heesters geht trotzdem mit einem Knall. Der muss sitzen. Auf den Punkt. Einer wie Heesters geht nicht, bevor die TV-Jahresrückblicke abgedreht und versendet sind, wo man ihn doch nur zusammen mit all den anderen großen Toten des Jahres in einer Minute durchgehechelt hätte. 108 Jahre in drei Bildern, ein paar Tönen.
Nichts für eine Ausnahmeerscheinung!

Einer wie Jopie geht für sich, kündigt sein Fortgehen zaghaft an, damit die Journaille all die längst verfassten Nachrufe noch mal aufpolieren kann – und dann lässt er sie zappeln, baut Spannung auf.

Und wenn er geht, dann an einem Tag wie diesem. Einem Heiligen Abend, wo sonst nicht viel passiert auf der Welt. Wo die Medien froh sind über jede Meldung, die zwar wichtig ist, aber nicht so viel Arbeit macht. Wo die Notbesetzung Fertiges aus der Schublade ziehen kann und nur eine Zeile wie Spiegel Online darunter setzen muss, um Aktualität zu schaffen: ”Am Heiligen Abend starb Johannes Heesters im Alter von 108 Jahren in Starnberg.” An einem solchen Abend hat er, der Star, die Bühne für sich allein.

So ist das Geschäft. Das kannte Johannes Heesters wie kein Zweiter. Das hat sich rumgesprochen. Bis nach ganz oben. Vielleicht stand in der Einladungs-SMS: “Am 24./25.12. feiert mein lieber Sohn mal wieder Geburtstag. Partytime! Wie gehabt im Himmel. Jopie tritt auf. LG Gott :-)” Viel Vergnügen!


♺♺

Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2011 | Kommentare deaktiviert

Blogbi in BEIWERK DES JAHRESRückblick aufs Jahr – Blick ins Notizbuch… Bloß kein Jahresrückblick!

(13 Notizen aus 12 Monaten. In aller Kürze.)

♺♺

Kunst ist, sich ohne jeden Background in den Vordergrund zu spielen.

Mehrheitsfähigkeit ist meist ein verhältnismäßig rasch schwindendes Vergnügen.

Als Bergsteiger sehe ich mit Staunen, wie viele zum Gipfel möchten, ohne etwas dafür tun zu wollen – und wie viele schon dort sind, ohne jemals etwas dafür getan zu haben

Auch mit sicheren Rezepten kann man sich die Finger verbrennen.

Wer die Karre zum laufen bringen will, muss manchmal das Rad neu erfinden.

Die Midlife Crisis beginnt, wenn du hoffst, noch zu erleben, wie deine Haare ergrauen – und dann noch Haare zu haben.

Künstler arbeiten, um den Tod zu überleben.

Aktionismus schafft nie Beständiges.

Manche müssen erst zurücktreten, damit man erfährt, dass sie regierten.

Ein breiteres Publikum erreicht man nicht mit höherem Niveau.

Wo draufsteht »das geht uns alle an«, ist oft was drin, das keinen interessiert.

Wenn das Ehepaar Tyrannosaurus vor 65 Mio. Jahren seinen Kindern Atommüll hinterlassen hätte, wären mindestens 80.000 Tyrannosaurier-
Generationen mit der Lagerung beschäftigt gewesen. 1 Mio. Jahre!
Seit 64. Mio Jahren gibt es keine Tyrannosaurier mehr.
Und wenn das Ehepaar Mensch heute..?

Niemand hat sein eigenes Leben.

♺♺♺ 

© Matthias Schumacher, 2011

Author: Matthias Schumacher | Date: 18. Dezember 2011 | No Comments »

Titel-spiegel-11 in Was DER SPIEGEL falsch machteSpiegel-Satire-Matthias-Schumacher-Ronald-Becher in Was DER SPIEGEL falsch machte
Links das Original (kauf ich nicht). Rechts mein Vorschlag (besser).
Christian Wulff, der falsche Bundespräsident? Ach was?! Freuen Sie sich auf die Ausgabe nach Weihnachten, wenn DER SPIEGEL titeln wird:
»Heiligabend in diesem Jahr am 24. Dezember!«
Vielleicht sogar als Eilmeldung.