Author: Matthias Schumacher | Date: 28. Oktober 2014 | Kommentare deaktiviert

Seit dem 27. Januar 1919 ist alles gesagt.
An jenem Montag stellte Ignaz Wrobel, besser bekannt als Kurt Tucholsky, in der Abendausgabe des Berliner Tageblatts seine berühmteste Frage und beantwortete sie selbst mit „Alles.“

was darf die satire_original_ignaz wrobel_kurt tucholsky_berliner tageblatt_1919

Zuvor hatte er seine Zeilen durch den zwei Zentimeter hohen Schnee getragen. Sieben Kilometer zu Fuß bei Minus 3 Grad von seiner Wohnung an der Kaiserallee bis ins Zeitungsviertel. Wahrscheinlicher wurde er im warmen Wagen vorgefahren. So oder so. Er hätte sich den Weg sparen können.

Denn wir fragen noch immer, was Satire darf. Der Comedian Dieter Nuhr kritisiert satirisch den Islam, verurteilt barbarischen Islamismus und bekommt einen strafrechtlichen Hieb vom Osnabrücker Salafisten Erhat Toka, weil dieser sich und seinen Glauben angepufft sah. „Hassprediger“ Nuhr schüre Islamfeindlichkeit usw. (Selten sagte ein „usw.“ mehr als hier.) „Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann“, urteilt Tucholsky über die Verspotteten, womit er den Spötter zugleich in Schutz nimmt.

Nun kommt der mit dem ollen Tucholsky, denken Sie, mit einem langbekannten Zeitungsfetzen und fragen, ob es nicht einen Tick aktueller ginge? Einerseits haben Sie ja recht. Seit letzten Freitag beschäftigt sich die gesamte Presselandschaft mit der Causa Nuhr und so langsam ebbt die Welle wieder ab. Andererseits sollte man die Gezeiten nicht außer Acht lassen. Es kam in den vergangenen Jahrzehnten zu etlichen Sturmfluten religiöser Empfindlichkeiten, die das Land regelrecht durchwühlten.

Was ist das für ein ungefestigtes Land, das immer wieder von der Frage „Was darf die Satire?“ überrollt wird? Und warum sind es regelmäßig Anhänger monotheistischer Buchreligionen, die Probleme mit Satire haben? Erst in diesem Mai hatte das Kolpingwerk ARD und ZDF kritisiert, weil man in Comedy-Sendungen zunehmend den Katholizismus der Lächerkeit preisgeben würde. 2012 erwirkte der Vatikan eine Einstweilige Verfügung gegen das Satire-Magazin „Titanic“. 1987 ließ Rudi Carrell in seiner „Tagesshow“ dem Ajatollah in einer Filmmontage BHs zuwerfen, was zu höchsten diplomatischen Verwicklungen führte. Frischer ist das Video „Dunk den Herrn!“ der Komikerin Carolin Kebekus. 2013 wurden fast 100 Strafanzeigen gegen sie gestellt. Der Vorwurf: Beschimpfung von Bekenntnissen nach § 166 StGB. Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren. Wer jemanden „unreligiös“ beleidigt, muss übrigens nur 2 Jahre Gefängnis fürchten. Das religöse Gefühl steht erhaben über allen anderen. Szenen aus Deutschland. In den USA erhielten die Macher der Zeichentrickserie „South Park“ Morddrohungen, in Frankreich wurde auf die Redaktionsräume des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ein Brandanschlag verübt wurde – und wieder: usw.

Man muss trotz zeitweiliger Humorresistenz die Christen loben, sie empören sich zwar, zünden aber nichts und niemanden mehr an. Sie klagen, schreiben Wut-Mails oder Bücher, die sie dann wacker in Talkshowkameras halten. Für den Glauben, den guten Zweck, für sich. Kämpferisch, als hätte Gott befohlen: „Gehet in Gesprächsrunden und mehret Euer Kapital!“ Gottlob, die Kirchensteuer wird am Einkommen bemessen!

Dass Radikale, die die Anweisungen in ihren Schriften höher bewerten als den Rechtsstaat, sich immer dann auf unsere Gesetze berufen, wenn es ihnen gerade passt, ist eine altbekannte Posse. Allein das Lachen fällt schwer. Man muss dafür fast dankbar sein, denn ihre „Gesetze“ führen allzuoft zum sprichwörtlichen „kurzen Prozess“.

Doch was tun, wenn einen die Satire trifft? „Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen“, schreibt Tucholsky. Würde er heute durch den Herbstwind stapfen, wäre sein jüngster Artikel vielleicht mit der Frage „Was darf die Religion?“ überschrieben. Hat sie unsere Gesellschaft nicht längst beantwortet?

 

Verfasst am 27./28.X.2014 in Berlin
© Matthias Schumacher

 
 

Author: Matthias Schumacher | Date: 12. August 2014 | Kommentare deaktiviert

Oxymoron_Drahtseilakt (III)

Es ist erschreckend, was dieser Tage im Netz verbreitet wird und wie schnell Menschlichkeit und Mitgefühl unter zunehmender Parteinahme schwinden. Ekelhaft, mit welchen Mitteln ein Meinungskrieg ausgetragen wird, wie rasch man mit Urteilen, Beschimpfungen, Verleumdungen bei der Hand ist, mit welcher Vehemenz man sich vor vernünftigen und vermittelnden Argumenten verschließt. Diskurs ist unmöglich geworden. Es geht weit über das hinaus, was man für gewöhnlich gelassen unter „Naja, das Internet und seine Spinner“ abtun kann. Dummheit und Dreistigkeit haben Hochkonjunktur. Maß und Mäßigung finden kaum statt. Wer es damit versucht, „verharmlost“, wer dagegen hält, ist „Extremist“. Alte Ressentiments gegen Juden werden mit Ressentiments gegen Palästinenser bekämpft. Differenzierungen sucht man vergeblich. Man ordnet den Gegner unentwegt der radikalsten Gruppe zu.

Hobby-Israelis und Wahl-Palästinenser tragen erbitterte Stellvertreterkriege in Sozialen Netzwerken aus. In rund 3000 Kilometern sicherer Entfernung. Ihre Söhne nehmen nicht an Bodenoffensiven teil, sterben nicht in Gefechten, ihre Töchter werden nicht von Granaten zerfetzt; sie erleben nicht, wie Tag und Nacht Sirenen aufheulen, sie müssen keine Schutzräume aufsuchen, und wenn sie morgens aus dem Haus gehen, wissen sie, es wird noch da sein, wenn sie am Abend wiederkommen.

An sommerlichen Grillabenden ist mancher zu aller Härte fähig, twittert sich nebenher die letzte Kälte aus dem Leib und meint, alles sei so leicht zu wenden wie der Tofubratling, der da vor einem brutzelt. Nur nichts anbrennen lassen, das Feuer schüren und unter Kontrolle halten. Die Welt schrumpft auf einen Grillteller. Mancher erklärt seiner unwissenden Frau mit Klecksen aus Senf und Ketchup die Lage in Nahost. „Hier und hier, so dicht beieinander!“ Mit dem Messer werden haarscharf Grenzen gezogen und bald mit der nächsten Wurst verwischt. Mutti serviert was Exotisches dazu. Chutney aus israelischen Granatäpfeln. „Schau schau!“ ruft einer und ein anderer macht schon wieder weltpolitische Kleckse auf Porzellan.

Ich fühle mich allein und weiß nicht, ob es ein Alleingelassensein ist, ob mir jene, die nun so weit von mir stehen, mir jemals nahe waren. Wenn Unschuldige sterben, ganz gleich, auf welcher Seite, sind meine Gedanken und Gefühle bei ihnen. Meine Positionsbestimmung ist nicht schwer. Ich stehe bei den Leidenden.

Ich werde auch fortan Opfer Opfer nennen und zu erkennen versuchen, wer sie zu Opfern machte. Ich sehe tote und verletzte Kinder, ich sehe deren Eltern, die durch aktives Handeln, Hilflosigkeit, Angst, Resignation oder Müdigkeit nach Jahrzehnten des Konflikts militärische Reaktionen heraufbeschworen und/oder nicht verhinderten bzw. verhindern konnten. Ich sehe das Recht zur Selbstverteidigung, aber auch machtpolitische Interessen und die Gunst der Stunde, die Bombardements zulässt, und ich hoffe auf günstigere, friedlichere Zeiten.

Im Herbst jährt sich zum 25. Mal der Tag des Mauerfalls. Vier Jahrzehnte standen sich zwei Machtblöcke unversöhnlich gegenüber. Ich wurde in eine Zeit geboren, in der man sich nicht vorstellen konnte, dass jemals einer von ihnen zurückweichen könnte und Mauern fallen würden. Und dann 1989. Da war ich 13 und die halbe Welt hat sich verändert. Mein Vater wurde während des Palästinakriegs, im Jahr der Unabhängigkeitserklärung Israels geboren.
66 Jahre und Abertausend Tote später sehe ich kein Ende des Konflikts und fürchte, so wird es weitergehen, bis ich selbst ein alter Mann bin.
Doch noch hoffe, sehe, fühle ich. Noch bin ich nicht kalt.

 
PS: Unterdessen ist ein Teil des Abschaums weitergezogen >>>
PPS: Und ja, ich habe mich auch zu anderen Konflikten geäußert >>>



 

12.VIII.2014

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 4. Juli 2014 | Kommentare deaktiviert

matthias schumacher_die taube_gedicht_nest_akazie

Die Taube vor meinem Fenster ist fort.
Sie wuchs in der Akazie zwei Meter unter mir
Und grüßte mich geneigten Kopfes am Morgen.
Geheimhaltung fordernd verriet ich den Hort
Meinen Freunden und bald standen wir
Starr hinter Gardinen verborgen.

Die Taube vor meinem Fenster ist fort.
Ich entdeckte sie, als sie zwei Handvoll war.
Ihre Eltern sah ich nur vor der Geburt
Bei Nestbau und Brüten, ich blieb ohne Wort.
Innehalten, wenn sie meiner gewahr,
Dann haben sie weitergegurrt.

Die Taube vor meinem Fenster ist fort.
Das Nest in der Krone zerfällt hin zur Mitte,
Manchmal lasse ich meine Blicke fahren -
Hinunter. Hinauf. Kreisen sie über dem Ort?
Sie war schon die dritte
In den letzten drei Jahren.
 


 
Nachtrag, 04.VII.2014:

Matthias Schumacher_Die Taube_2014

… die vierte in den letzten vier Jahren … 
 

Aus »Nachlass« (eBook), verfasst am 16.08.2013
von Matthias Schumacher in Berlin.